BERLIN / MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die deutsche Industrie fordert mit großer Mehrheit mehr staatliche Förderung für humanoide Roboter, weil Projekte trotz gutem Automatisierungs-Fundament häufig erst in Piloten stecken. Befragte Entscheider sehen besonders bei KI-gestützter Robotik einen Nachholbedarf gegenüber Ländern wie China. Parallel treiben Unternehmen konkrete Integrationen voran: thyssenkrupp setzt auf eine gemeinsame Datenplattform für autonome Robotik, BMW testet humanoide Sortierhilfe im Werk Spartanburg. Der nächste Marktimpuls kommt mit der automatica 2027, die Physical AI und humanoide Systeme stärker in den Fokus rückt.

Robotik in Deutschland: Industrie drängt auf mehr Förderung für Humanoide
Robotik in Deutschland: Industrie drängt auf mehr Förderung für Humanoide (Foto: IT BOLTWISE)
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Humanoide Robotik ist in Deutschland keine Randnotiz mehr, aber sie ist derzeit vor allem eines: ein teures Wagnis. Der aktuelle automatica Trend Index 2026 befragte 100 Führungskräfte aus der Industrie und kommt zu einem klaren Votum: 82 Prozent verlangen dringend mehr staatliche Förderung, um international nicht den Anschluss zu verlieren. Gleichzeitig zeigen die Antworten, dass die Technologie-Realität härter ist als die Schlagzeilen: 68 Prozent der Unternehmen befinden sich laut Index noch in der Pilotphase. Die Umfrage spiegelt damit eine typische Spaltung wider—Deutschland ist bei Automatisierung stark, beim Skalieren neuer Robotik-Generationen aber fehlt der finanzielle Rückenwind.

Technisch betrachtet geht es bei humanoider Robotik längst nicht mehr nur um Antriebe und Greifer, sondern um ein zusammengesetztes System aus Sensorik, Datenpipeline und Modellintegration. Für 78 Prozent der Befragten ist die Kombination aus Künstlicher Intelligenz und Robotik inzwischen unverzichtbar; 85 Prozent halten humanoide Roboter für wichtig, wenn es um Produktion der Zukunft geht. Das passt zu den praktischen Lernkurven: In der Pilotphase müssen Unternehmen oft ihre Datenqualität, die Anbindung an Manufacturing-Execution-Systeme und die Sicherheitsarchitektur erst belastbar aufbauen. Schon kleine Verzögerungen bei der Erfassung (Kameras), beim Tracking (Modelle) oder bei der Regelung (Safety) wirken dann unmittelbar auf Zeitplan und Budget.

Ein anschauliches Beispiel liefert thyssenkrupp: Der Konzern arbeitet gemeinsam mit GlobalLogic, Teil der Hitachi-Gruppe, an einer strategischen Partnerschaft, die autonome Robotik und „Physical AI“ in der Schwerindustrie voranbringen soll. Im Zentrum steht eine einheitliche Datenplattform, die autonome Abläufe ermöglichen soll—also weniger „Einzelroboter“, mehr durchgängige Prozessdaten vom Feld bis in die Entscheidungslogik. Geplant sind unter anderem Roboter-Kameras und Drohnen für gefährliche Inspektionen. Damit zielt das Vorhaben auf zwei Effekte: bessere Steuerung von Betriebsabläufen und Unterstützung bei der Dekarbonisierung, etwa durch effizientere Wartung und präzisere Anlagenzustandsanalyse.

Auch BMW zeigt, wie sich humanoide Robotik in konkrete Produktionsschritte übersetzen lässt. Am 27. Juni startete der Einsatz des humanoiden Roboters Figure 03 im Werk Spartanburg in den USA; seine Aufgabe liegt dort in der Sortierung innerhalb der Fabriklogistik. Der Test baut auf einem zehnmonatigen Pilotprojekt mit Figure 02 auf, das laut Angaben bei der Produktion von über 30.000 BMW X3 geholfen hat. Besonders auffällig sind die technischen Verbesserungen der neuen Version: taktile Sensoren in den Händen, weichere Außenmaterialien sowie kabelloses Laden. Hinzu kommt sprachbasierte Kommunikation mit der Umgebung—ein Detail, das für die Integration in Betriebsabläufe relevant ist, weil es Übergaben zwischen Mensch, Maschine und Leitsystemen vereinfacht.

Am Markt kollidieren dabei zwei Dynamiken: Einerseits wächst die Robotik-Nachfrage rasant, andererseits verschärft sich der Wettbewerbsdruck durch Länder, die schneller in Produktion und Skalierung investieren. Branchenexperten berichten, dass China nicht nur mehr Prototypen verfolgt, sondern gleichzeitig stärker in Fertigungskapazitäten und Lieferketten investiert—was den Zeitvorteil in der Serienfähigkeit verstärken kann. Deutschland steht im Automatisierungs-Umfeld zwar gut da: Mit 449 Robotern pro 10.000 Beschäftigte belegt die Bundesrepublik weltweit Rang drei, hinter Südkorea und Singapur. Dennoch droht der Anschluss zu reißen, weil humanoide Systeme eine andere Kosten- und Integrationskurve besitzen als klassische Industrieroboter.

Dass der Aufbau der „Skalierungsmaschine“ nicht nur eine deutsche Aufgabe ist, zeigen die Parallelbewegungen weltweit. Der Robotikhersteller AGIBOT meldete am 28. Juni, bereits das 15.000ste Gerät produziert zu haben, und sprach dabei von einem schnellen Produktionssprung von 5.000 auf 10.000 Einheiten innerhalb von drei Monaten seit der Gründung 2023. In Südkorea setzt Robotik zudem auf infrastrukturelle Umsetzung: ROBOTIS begann am 27. Juni mit dem Bau einer Fabrik für humanoide Roboter in Taschkent, mit einem Projektvolumen von rund 90 Millionen Euro und dem Ziel, nach Fertigstellung über 2.000 Arbeitsplätze zu schaffen. Für Entscheider in Europa bedeutet das: Förderpolitik, Skalierungspartner und Datenkompetenz müssen schneller zusammenwachsen als die Hardware selbst.

Der Blick nach vorn führt zwangsläufig zu der Frage, wie Unternehmen aus der Pilotphase herauskommen—und welche regulatorischen und Sicherheitsanforderungen dabei mitlaufen. Humanoide Systeme arbeiten näher am Menschen, was höhere Ansprüche an funktionale Sicherheit, Zugriffsschutz auf Betriebsdaten und Nachvollziehbarkeit von KI-Entscheidungen mit sich bringt. Gleichzeitig braucht es eine Infrastruktur, die Modellupdates, Sensorverarbeitung und Prozessdaten sauber versioniert. Auf regionaler Ebene wird das bereits adressiert: Der Digital Hub Region Stuttgart wurde am 27. Juni in Böblingen eröffnet; Baden-Württemberg stellt bis Ende 2027 eine Million Euro bereit, um rund 1.000 Unternehmen und Start-ups zu erreichen—mit Schwerpunkten auf KI, Cybersicherheit und nachhaltiger digitaler Innovation. Bayern startete parallel mehrere Förderaufrufe für 2026, unter anderem in KI/Data Science, Kommunikationsnetzen, Cybersicherheit und elektronischen Systemen, wobei mindestens zwei Partner erforderlich sind. Wie ein Analyst zur Marktbewegung einordnet, entscheidet in den nächsten 24 Monaten weniger die Vision, sondern die Fähigkeit, sichere KI-Pipelines und robuste Integrationspfade in Serienprozesse zu überführen. Genau darauf wird die automatica 2027 (22. bis 25. Juni 2027 in München) voraussichtlich abzielen, wenn Physical AI und humanoide Systeme deutlich stärker in den Fokus rücken.


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