STUTTGART / LONDON (IT BOLTWISE) – Immer mehr Kommunen in Baden-Württemberg stellen in Schulen und öffentlichen Einrichtungen kostenlose Tampons und Binden bereit. Der Ansatz soll Barrieren abbauen, gesundheitliche Versorgung sichern und Scham abbauen. Doch die Ausgaben variieren stark: von rund 2.300 Euro pro Jahr in Pforzheim bis zu deutlich höheren Beträgen in Städten wie Freiburg. Gleichzeitig bleibt unklar, wie die Angebote angesichts knapper Haushalte langfristig finanziert werden.

Warum Kommunen in Baden-Württemberg Zehntausende für kostenlose Menstruationsprodukte ausgeben
Warum Kommunen in Baden-Württemberg Zehntausende für kostenlose Menstruationsprodukte ausgeben (Foto: IT BOLTWISE)
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In Baden-Württemberg wird aus einem eher kleinen Service langsam ein kommunales Infrastrukturthema: Immer mehr Städte und Gemeinden statten Schulen, Rathäuser oder öffentliche Toiletten mit kostenlosen Menstruationsprodukten aus. Was wie Wohltätigkeit klingt, wird in der Praxis zur Frage von Betriebskosten, Beschaffungslogistik und Service-Leveln – also genau den Themen, die in anderen Bereichen längst als „Daseinsvorsorge“ organisiert sind. Laut Angaben des Sozialministeriums ist die Tendenz steigend. Gleichzeitig konkurriert die Maßnahme mit vielen anderen freiwilligen Leistungen, denn die kommunalen Haushalte stehen unter Druck und Entscheidungen für die nächsten Haushaltsjahre sind häufig noch offen.

Technisch betrachtet läuft das Modell in den meisten Städten auf eine Kombination aus zentraler Beschaffung und einfacher Ausgabemechanik hinaus: In Umfragen unter größeren Kommunen zeigt sich, dass Tampons und Binden häufig über Automaten bereitgestellt werden. Tübingen nennt etwa 26 Spender in Schulen und öffentlichen Gebäuden. Mannheim setzt laut Verwaltung ebenfalls auf Automaten, in diesem Fall an zwölf Schulen. In Karlsruhe können Menstruationsprodukte in vielen weiterführenden Schulen über Schulsekretariate abgeholt werden; hinzu kommen Angebote über Kinder- und Jugendhäuser. In Tübingen wurden zusätzlich öffentliche Toiletten mit Automaten bestückt, darunter Rathaus, Stadtbücherei und Stadtmuseum.

Die Kostenlage macht den Unterschied zwischen „nice to have“ und dauerhaftem Service sichtbar. Freiburg geht von jährlichen Ausgaben im unteren sechsstelligen Bereich aus – verteilt auf weiterführende Schulen, Sporthallen und öffentliche Toiletten. Heidelberg nennt rund 38.000 Euro pro Jahr für die Bereitstellung und das Befüllen der Spender. Heilbronn beziffert die Ausgaben für 2024/letztes Jahr auf etwa 8.500 Euro. Mannheim plant für die Jahre 2025 und 2026 jeweils 10.000 Euro für die Erstausstattung an Mannheimer Schulen; die Befüllung soll über allgemeine Betriebsmittel der Schulen laufen. Pforzheim berichtet von durchschnittlich 2.300 Euro jährlichen Kosten.

Auch die zeitliche Staffelung zeigt, wie schnell Kommunen das Thema aufgegriffen haben. Viele Angebote wurden erst in den vergangenen Jahren eingeführt: Stuttgart ab 2020, Heidelberg und Freiburg ab 2022, Tübingen, Ulm und Ludwigsburg ab 2023. Pforzheim und Heilbronn folgten ab 2024, Mannheim ab 2025. Konstanz hatte 2024 zeitweise im Rahmen eines Pilotprojekts in mehreren öffentlichen Einrichtungen Spender aufgestellt, diese Lösung wurde jedoch inzwischen weitgehend wieder eingestellt. Als Vergleich wird aus anderen europäischen Ländern häufig auf ähnliche Schul- und Community-Programme verwiesen: Beispielsweise hat Großbritannien in Teilen des öffentlichen Sektors auf kostenlosen Zugang in Bildungsumfeldern gesetzt, allerdings mit wechselnden politischen Prioritäten.

Der eigentliche Zweck ist dabei politisch und sozial klar formuliert: „Barrieren abbauen“, Gesundheit und Chancengleichheit fördern sowie ein positives Körperbild unterstützen. Freiburg betont zudem den Abbau von Scham, Stigmatisierung und Unsicherheiten rund um Menstruation und verknüpft das Angebot mit einem offenen, respektvollen Umgang in der Gesellschaft. Andere Kommunen argumentieren ähnlich. Im Kern handelt es sich um eine Präventionsmaßnahme, die direkt in den Alltag greift: Sie reduziert die Wahrscheinlichkeit, dass Betroffene wegen fehlender Produkte schulische Leistungen, Betreuungszeiten oder Wege in die Beschäftigung nicht wahrnehmen können. Aus Markt-/Policy-Sicht ist das auch eine Reaktion auf die zunehmende Sensibilisierung für sogenannte „Period Poverty“-Effekte.

Wie gut das Angebot angenommen wird, ist ein weiterer Schlüssel für die Langzeitfähigkeit. Städte sprechen von einer guten bis sehr guten Nutzung. Konstanz berichtet aus der Pilotphase 2024, dass Spender teilweise bereits nach zwei bis drei Tagen leer gewesen seien. Tübingen verweist außerdem darauf, dass bislang kein Vandalismus oder Missbrauch bekannt sei – die Nutzung sei „verantwortungsvoll und bedarfsgerecht“. Diese Aussagen sind wichtig, weil sie das Risiko-Narrativ entkräften: Wer Automaten betreibt, muss typischerweise mit Wartung, Nachbestückung und Sicherheitsfragen rechnen. Ohne belastbare Nutzungsdaten wird jedoch auch schwer, die Kosten in Haushaltsverhandlungen zu rechtfertigen.

Genau daran entzündet sich die Debatte um die klammen Kassen. In Heidelberg wird das Angebot als „freiwillige Leistung“ eingeordnet; ob es fortgeführt wird, soll im Rahmen der kommenden Haushaltsberatungen entschieden werden. Konstanz hat nach dem Pilotprojekt 2024 die beteiligten Einrichtungen gefragt, ob sie die Spender auf eigene Kosten weiterführen möchten; bislang habe nur eine Einrichtung zugesagt. Der Gemeindetag Baden-Württemberg sieht aufgrund der Finanzkrise keinen Spielraum für zusätzliche freiwillige Leistungen. Gesundheitsdezernentin Luisa Pauge wird mit der Kernaussage zitiert, dass in nahezu allen Städten und Gemeinden freiwillige Leistungen gestrichen werden müssen – damit werde nicht die Bedarfsfrage zum Engpass, sondern die fehlende Möglichkeit, Neues aufzusetzen.

Für die Zukunft ergeben sich daraus mehrere Implikationen – vor allem für die operative Umsetzung. Erstens wird das Modell nur dann skaliert, wenn Beschaffung und Befüllung in einen verlässlichen Betrieb überführt werden: klare Zyklen, definierte Verantwortlichkeiten zwischen Schule, Verwaltung und gegebenenfalls Dienstleistern, sowie Transparenz über Stückzahlen pro Standort. Zweitens entscheidet sich der Erfolg technologisch nicht durch „KI“, sondern durch klassische Service-Engineering-Disziplin: nachvollziehbare Bestandslogik, robustes Automaten-Handling und realistische Kostenmodelle. Drittens spielen Datenschutz und Regulierung indirekt eine Rolle: Die Bereitstellung von Menstruationsprodukten benötigt in der Regel keine personenbezogene Erfassung, solange keine sensiblen Nutzungsdaten ausgelesen oder verknüpft werden. Wenn Kommunen das dauerhaft etablieren wollen, wird das Thema damit weniger eine einmalige politische Initiative als ein laufender, auditierbarer Sozialservice.


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