HANNOVER / SALZGITTER / LONDON (IT BOLTWISE) – Niedersachsens Wirtschafts- und VW-Aufsichtsrat Stephan Weil Lies drängt darauf, künftig auch in Europa gebaute Versionen von bislang in China entwickelten Modellen zu produzieren. Damit will er die Auslastung der Standorte stabilisieren und Arbeitsplatzabbau verhindern. Hintergrund sind Berichte über einen deutlich verschärften Sparkurs, der bis zu 100.000 Stellen weltweit betreffen könnte. Lies verknüpft das mit der Erwartung, dass technologische Offenheit gegenüber chinesischen Partnern Innovationen in Deutschland und Niedersachsen absichert.

Lies will China-Modelle bei VW in Europa fertigen lassen statt Werke zu schließen
Lies will China-Modelle bei VW in Europa fertigen lassen statt Werke zu schließen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um den künftigen Kurs bei Volkswagen bekommt neuen Zündstoff: Laut Stephan Lies, SPD-Politiker und Mitglied im VW-Aufsichtsrat, soll die Produktion von Fahrzeugen, die bisher in China gefertigt werden, perspektivisch stärker in europäische Werke verlagert werden – nicht als Abkehr von China, sondern als gezielte Lösung für die Überkapazitäts- und Auslastungsprobleme der Branche. In den Mittelpunkt rückt dabei ein politisch sensibler Punkt: Lies argumentiert, dass so Beschäftigung und Werkbetrieb stabil bleiben, statt dass man „zuschaut“, wie außerhalb Deutschlands neue Kapazitäten entstehen.

Technisch betrachtet zielt der Ansatz auf eine bessere Verzahnung von Produktarchitekturen, Zulieferketten und Fertigungsstrategien über Regionen hinweg. Volkswagen arbeitet seit Jahren mit chinesischen Entwicklungspartnern; dabei entstehen laut Lies „eigene Fahrzeuge gemeinsam mit Partnern“, die dann auch in den Werken in Europa produziert werden sollen. Das ist im Kern ein Manufacturing-Problem: Wenn ein Konzern Modelle nur in einem regionalen Produktionsnetz plant, entsteht bei Nachfrageschwankungen schnell ein Ungleichgewicht zwischen Werklast und verfügbarer Kapazität. Durch zusätzliche Produktionen vor Ort könnte sich die Auslastung glätten und die Fixkostenbelastung der Standorte reduzieren.

Marktseitig trifft der Vorschlag auf eine besonders angespannte Lage. Die Autonachfrage in Europa gilt als rückläufig, gleichzeitig wächst der Konkurrenzdruck durch chinesische Hersteller, die verstärkt in den europäischen Markt drängen. Lies setzt dabei bewusst auf Gegenargumente gegen rein defensive Sparlogik. Er sagt sinngemäß, er wolle nicht hinnehmen, dass wegen Marktanteilsverlusten weitere Arbeitsplätze abgebaut oder Standorte geschlossen werden. Wettbewerber wie BYD, Geely, SAIC oder auch XPeng werden dabei als reale Bezugsgröße wahrgenommen, weil sie mit schnellen Produktzyklen und aggressiver Skalierung um Marktanteile kämpfen.

Der politische Konflikt eskaliert zusätzlich durch Berichte über einen verschärften Sparkurs. Das „Manager Magazin“ hatte zuvor gemeldet, der Konzern plane, den Stellenabbau nochmals deutlich zu forcieren: Demnach könnten weltweit bis zu 100.000 Arbeitsplätze wegfallen, also deutlich mehr als bislang vorgesehen. Betroffen seien laut Bericht vier Werke in Deutschland. Volkswagen bestätigt laut Darstellung, dass an einem Zukunftsplan gearbeitet werde, der auf Effizienz, „schlankere“ Strukturen und konsequente Nutzung technologischer Synergiepotenziale zielt. Für die Belegschaft ist das Risiko damit zweifach: direkte Arbeitsplatzfrage und indirekt die Frage, ob Standortinvestitionen in neue Plattformen tatsächlich folgen.

Expertenterminologie aus der Governance zeigt, warum Lies’ Position so wirksam ist. Niedersachsen hält 20 Prozent der Stimmrechte im VW-Konzern, und Lies sowie Julia Willie Hamburg (Grüne) sitzen im Aufsichtsrat. Zusammen mit den Arbeitnehmervertretern verfügen sie dort über eine Mehrheit; zudem existiert bei wichtigen Entscheidungen ein Veto-Recht des Landes. Genau deshalb betont Lies, dass das Land keiner Entwicklung zustimmen werde, die Werksschließungen als „einfache Lösung“ in den Vordergrund rückt oder die Mitbestimmung infrage stellt. Er stellt damit eine klare Abgrenzung her: Zukunftssicherung dürfe nicht mit wiederholten Stellenabbauprogrammen verwechselt werden.

Die Gegenreaktion kommt nicht nur aus dem Aufsichtsrat. Auch der Oberbürgermeister von Salzgitter, Frank Klingebiel (CDU), äußert starke Kritik an einem Kurswechsel nach der Einigung vom Dezember 2024. Damals hätten Vorstand, Aufsichtsrat, Betriebsräte und die IG Metall laut ihm ein Zukunftskonzept ausgehandelt, das zwar einen sozialverträglichen, aber dennoch schmerzhaften Stellenabbau vorsah. Gleichzeitig sei vereinbart worden, alle Standorte zu erhalten und die Beschäftigungsgarantie zu verlängern. Klingebiel wirft der aktuellen Diskussion vor, das Vertrauen in die Unternehmensführung zu zerstören. Für die Region ist Salzgitter dabei mehr als ein Standortname: Im Werk arbeiten rund 7.500 Menschen, aktuell mit Fokus auf Komponenten für Elektrofahrzeuge.

Historisch ist die Frage „China – Kooperation oder Abschottung?“ bei VW keine Momentaufnahme. Lies verweist darauf, dass Volkswagen seit 42 Jahren in China aktiv ist und dort in guten Zeiten etwa drei Millionen Fahrzeuge pro Jahr baut. Aus dieser Perspektive wirkt „Abschottung“ eher wie ein Rückfall in einen Zeitraum, in dem europäische Hersteller Geschwindigkeit und Innovationsdruck unterschätzt haben. Lies spricht sich explizit dafür aus, technologische Entwicklungen nicht voneinander abzuschotten: Innovationen, die weltweit entstehen, müssten auch in Niedersachsen und Deutschland Arbeitsplätze sichern und neue Wertschöpfung schaffen. Bereits im April habe er nach einer China-Reise angekündigt, den Bau chinesischer Autos in deutschen VW-Werken prüfen zu wollen.

Für Unternehmen und Zulieferer ist der nächste Schritt damit weniger eine politische Willensbekundung als ein konkreter Umbauplan. Wenn künftig China-entwickelte Modelle stärker in europäische Werke kommen, müssen Freigaben für Produktionslinien, Qualitätsprozesse und Engineering-Übergaben beschleunigt werden. Gleichzeitig entsteht ein Wettbewerb um Ressourcen: Qualifizierte Arbeitskräfte, Materialverfügbarkeit und Investitionsbudgets müssen zwischen klassischen Komponentenfertigungen und neuen Elektromobilitäts- bzw. Software-abhängigen Wertketten aufgeteilt werden. Auf der regulatorischen Seite spielt zudem die Mitbestimmung eine Rolle als „Compliance-Treiber“ für Entscheidungen im Konzern: Selbst bei ökonomischem Druck müssen soziale Standards eingehalten werden, sonst drohen Verzögerungen durch rechtlich und politisch begründete Blockaden.

Blickt man nach vorn, könnte Lies’ Ansatz als Signal verstanden werden, dass VW eine Art „Kapazitäts-Resilienz“ statt eines reinen „Cost-Cutting“-Programms verfolgt. Der Markt bewertet solche Strategiewechsel schnell: Die VW-Aktie wurde zeitweise rund 1,78 Prozent tiefer bei 72,96 Euro gehandelt, was die Unsicherheit über die Zukunftspläne widerspiegelt. Wenn die Umsetzung gelingt, könnten europäische Werke zusätzliche Programme aufnehmen, während zugleich die technologische Zusammenarbeit mit Partnern in China erhalten bleibt. Scheitert die Integration jedoch, drohen genau jene Szenarien, die Lies verhindern will: sinkende Werkstabilität, erneute Sparrunden und ein anhaltender Vertrauensverlust bei Belegschaften. Für die nächsten Quartale entscheidet sich, ob VW aus Kooperationen einen skalierbaren Produktionsvorteil in Europa machen kann.


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