MAINZ / LONDON (IT BOLTWISE) – Coface rechnet für 2026 mit schwächerem Wachstum: Die globale Wachstumsprognose sinkt auf 2,3 Prozent, während die Insolvenzen um 6 Prozent steigen sollen. Zusätzlich stuft der Kreditversicherer acht Länder im Risk Review nach unten ein, darunter Staaten in Südostasien und Teile Afrikas. Treiber sind gestörte Lieferketten, höhere Energie- und Transportkosten sowie anhaltende Unsicherheit trotz einer temporären Entspannung zwischen USA und Iran. Damit rückt das Thema Kreditrisiko auch für Unternehmen außerhalb der Region stärker in den Fokus.

Während sich die Lage am Nahen Osten zeitweise beruhigt, verschiebt sich das Risiko nun stärker in die realwirtschaftliche Kosten- und Liquiditätswelt. Coface senkt dafür seine globale Wachstumsprognose für 2026 auf 2,3 Prozent und erwartet für 2027 nur noch 2,5 Prozent. Das entspricht einem kumulierten Rückgang um 0,6 Prozentpunkte gegenüber früheren Annahmen. Gleichzeitig rechnet der Kreditversicherer mit einem Anstieg der weltweiten Unternehmensinsolvenzen um 6 Prozent. Besonders wichtig: Die Entspannung ändert an der strukturellen Verwundbarkeit der Weltwirtschaft wenig, denn die zentrale Transportroute am Persischen Golf bleibt belastet.
Technisch betrachtet entsteht der Druck entlang der Lieferkette weniger durch „eine“ Unterbrechung, sondern durch die Kaskade aus Engpässen, Preisweitergaben und verlängerten Durchlaufzeiten. Laut Coface bleibt die Straße von Hormus ein zentraler Engpass für den Transport von Öl, Gas und wichtigen Vorprodukten. Im Mai sollen nur noch 145 Schiffe die Route passiert haben, verglichen mit mehr als 3.300 im Vorjahr. Diese Größenordnung zeigt, wie schnell eine Logistikfalle die gesamte Wertschöpfung trifft: Speditionen, Reedereien und Produzenten müssen Umlaufzeiten neu planen, während Energie- und Transportkosten als Inputfaktoren direkt in Beschaffungskosten und Angebotspreise wandern. Für 2026 erwartet Coface zudem einen durchschnittlichen Ölpreis von 85 US-Dollar pro Barrel, was die Dynamik weiter verstärkt.
Im Marktumfeld beobachten Experten zudem, dass Puffer wie Lagerbestände zunehmend nicht mehr reichen. Coface beschreibt zwar kurzfristige Resilienzphasen, etwa durch aufgebaute Bestände und Anpassungen auf der Nachfrageseite, aber diese Schutzschicht werde an mehreren Stellen dünner. Erste Belastungssignale sieht der Versicherer in Produktionsstopps einzelner Branchen, steigender Inflation und restriktiveren Finanzierungsbedingungen. In der Praxis bedeutet das: Unternehmen reagieren mit vorsorglichem Lageraufbau, binden Liquidität und drücken gleichzeitig Margen. Im Vergleich zu Wettbewerbern im Kreditversicherungs- und Risk-Management-Umfeld wie Allianz Trade oder Atradius setzt die Branche zunehmend auf granularere Länder- und Branchenmodelle, um Kunden-Exposure unter Stress-Szenarien schneller zu bewerten.
Regional trifft der Schock nach Coface nicht alle Märkte gleichermaßen. Golfstaaten leiden besonders stark, weil sie deutlich von dieser Route abhängen. Europa wiederum steht laut Einschätzung vor dem Dreifachdruck aus hohen Energiepreisen, Unsicherheit und schwächerer Binnenkonjunktur; für die Eurozone wird nur ein Wachstum von 0,7 Prozent erwartet. In den USA steigt die Inflation wieder spürbar an, von 2,4 Prozent im Februar auf 4,2 Prozent im Mai, wodurch reale Einkommen sinken und Kaufkraft insbesondere bei einkommensschwächeren Haushalten unter Druck gerät. In Asien zeigt sich ein gespaltenes Bild: Technologiegetriebene Sektoren wie Halbleiter bleiben zwar relativ robust, aber verarbeitendes Gewerbe und konsumnahe Branchen geraten stärker unter Margendruck. Schwellenländer trifft zusätzlich restriktivere Geldpolitik, etwa in Brasilien mit einem Leitzins von 14,5 Prozent.
Ein Kernstück der Meldung ist das aktualisierte Länderrisiko-„Risk Review“. Das Länderrisiko beschreibt das allgemeine Umfeld eines Landes, um lokale Kreditrisiken besser einordnen zu können. Coface stuft in Asien mehrere Volkswirtschaften ab: Indonesien, Malaysia, die Philippinen und Vietnam werden jeweils von A4 auf B herabgestuft. Treiber sind laut Einschätzung steigende Importkosten, Währungsabwertungen sowie wachsende finanzielle und fiskalische Risiken. In Vietnam kommen zusätzlich steigende Produktionskosten und mehr Probleme in Lieferketten hinzu; auch Kambodscha rutscht von C auf D. In Afrika verschlechtert sich das Risikoumfeld ebenfalls: Tansania von B auf C und Madagaskar von C auf D. Selbst rohstoffnahe Staaten wie Kuwait verlieren laut Coface an Bonität, weil die Abhängigkeit vom Öltransport über die Straße von Hormus das Land besonders anfällig für Störungen macht.
Für die nächsten Quartale wird entscheidend sein, wie Unternehmen die Risikoentwicklung operationalisieren. Wer Forderungen kreditversichert, braucht belastbare Forecasts, weil sich Deckungszusagen oft an Länder- und Abnehmerprofilen orientieren. Der Wettbewerb in der Versicherungsbranche verschiebt sich dabei von reinen Statistiken hin zu laufenden Modellanpassungen, bei denen Makrodaten, Handelsströme und Energieannahmen enger gekoppelt werden. Für die Regulatorik ist zusätzlich relevant, dass Kreditversicherer und Risikoprüfer bei der Nutzung von Kundendaten die Datenschutzanforderungen einhalten müssen; in der EU spielt dabei die DSGVO bei Analyseprozessen, Scoring und Vertragsverwaltung eine zentrale Rolle. Aus heutiger Sicht spricht vieles dafür, dass Cofaces Richtung – konservativeres Risiko und höhere Ausfallwahrscheinlichkeiten – für 2026 zu strengeren Kreditbedingungen führen wird, etwa über kürzere Zahlungsziele oder höhere Sicherheiten. Für Entwickler und Analysten eröffnet das wiederum Chancen: KI-gestützte Risikoanalyse kann helfen, Sensitivitäten schneller zu berechnen und Entscheidungslatenzen zu senken, sofern Governance, Auditierbarkeit und Datenqualität sauber umgesetzt werden.
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