LONDON (IT BOLTWISE) – Der Threat Actor JADEPUFFER soll in einem Azure-Umfeld kompromittierte Service Principals genutzt haben, um innerhalb von rund 18 Stunden gezielt Cloud-Ressourcen zu löschen. In der Attacke waren unter anderem Azure Storage Accounts, SQL-Datenbanken, Key Vaults, Function Apps sowie VM- und App-Service-Komponenten betroffen. Laut Microsoft wurde zudem ein Langflow-Exploit (CVE-2025-3248) eingesetzt, um später verschachtelt Credential-Diebstahl und Zerstörung zu automatisieren. Am Ende deutet der Ablauf auf ein ransomware-ähnliches Ziel hin, ohne dass eine erfolgreiche Datenexfiltration oder ein Lösegeldnachweis beobachtet wurde.

JADEPUFFER steht offenbar für einen neuen Zuschnitt auf Cloud-Angriffe: Nicht die einzelne Schwachstelle oder das einzelne Tool ist im Vordergrund, sondern das Zusammenspiel mehrerer Schritte zu einer durchgängigen Operation. Microsoft ordnet die Aktivität unter dem Namen Storm-3168 ein und beschreibt sie als Weiterentwicklung im Taktik- und Ablaufmuster des Threat Actors. Auffällig ist dabei der zeitliche Rahmen: Der Vorfall wurde Anfang Juni 2026 über etwa 18 Stunden beobachtet, während in dieser Phase eine größere Zahl von Discovery- und Löschaktionen ausgeführt wurde. Das Zielbild passt damit weniger zu einem „Einbruch und Abwarten“ und stärker zu einem sequenzierten Plan, bei dem Admin-Rechte in der Cloud als Hebel für maximale Wirkung dienen.
Technisch setzt der Angriff auf kompromittierte Service Principals in Microsoft Azure, die als nicht-menschliche Identitäten besonders dann riskant werden, wenn deren Geheimnisse einmalig aus der Umgebung geraten. Microsoft berichtet, dass zwei Service Principals mit demselben Tenant verknüpft waren: Einer diente laut Analyse primär der Aufklärung und dem Auffinden von Ressourcen, der zweite konzentrierte sich auf zerstörerische Operationen und Credential-Sammlung. Bei der Enumeration wurden über einen Zeitraum von rund 16 Stunden mehr als 300 Lesezugriffe durchgeführt; zudem erfolgten kurz danach weitere Discovery-Aktionen, darunter das schnelle Auflisten von Virtual Machines und Resource Groups über zwei Subscriptions hinweg. Diese Aufteilung kann in der Praxis die Geschwindigkeit erhöhen, weil Rollen und Verantwortlichkeiten zwischen Identitäten besser getrennt werden als in einem monolithischen „ein Account macht alles“-Szenario.
Für den Einstieg nennt Microsoft eine Kombination aus Schwachstellen-Ausnutzung und agentischer Automatisierung. Als Einfallstor soll eine bekannte Schwachstelle in Langflow (CVE-2025-3248) gedient haben, um sich Zugriff zu verschaffen und danach Credentials zu sammeln. Aus der Untersuchung geht außerdem hervor, dass JADEPUFFER die Verschlüsselungs-/Schrittlogik über MySQLs integrierte AES_ENCRYPT()-Funktion angetrieben haben soll. Gleichzeitig wird Langflow nicht nur einmal genutzt: Dieselbe Instanz sei später erneut ins Visier geraten, diesmal offenbar mit einer kompilierten Go-basierten Ransomware-Variante mit dem Codenamen ENCFORGE. Hier liegt der strategische Unterschied: Während die erste Phase eher den Weg ebnen sollte, zielt ENCFORGE besonders auf KI-nahe Infrastruktur ab, indem sie nahezu 180 Datei-Extensions sucht, darunter Model-Checkpoints, Strukturen von Vektor-Datenbanken, Trainingsdatensätze und Embedding-Indizes. Dazu kommen macOS-orientierte Artefakte wie Keychain-Informationen, Xcode-Projektdateien sowie Apple Pages- und Numbers-Dokumente, was auf eine breitere Zieloberfläche jenseits klassischer Serverdaten schließen lässt.
Das eigentliche Risiko für Unternehmen entsteht jedoch weniger durch die Listen von Suchmustern als durch den „Agenten“-Charakter der Operation. In der Darstellung wird beschrieben, dass ein autonomer Bestandteil die Ziele bewertet, anschließend Credentials erntet und wiederverwendet, seitlich in der Umgebung weiterarbeitet und schließlich Persistenz aufbaut, während er gleichzeitig Datenbankkomponenten zerstört. Sysdig charakterisiert das als Kombination bekannter Techniken zu einem vollständigen Ransomware-Ablauf gegen „vernachlässigte internet-facing“ Infrastruktur. Genau diese Klammer ist für Cloud-Teams relevant: Wenn ein Angreifer innerhalb kurzer Zeit von Identitätskompromittierung zu konkreten Lösch- und Zerstörungsaktionen durchsteuert, sinkt der Nutzen reiner Detektion ohne schnelle Reaktionsfähigkeit. Besonders dann, wenn die Aktionen automatisiert wirken, etwa durch die Aufteilung über mehrere Service Principals und die engen zeitlichen Abstände zwischen einzelnen Phasen.
Im Azure-Kontext wird der Schaden dann konkret: Microsoft zufolge dauerte die destruktive Sequenz insgesamt nur etwa sieben Minuten, umfasste aber über 100 Versuche, Storage Accounts zu löschen. Neben Storage traf es demnach auch Azure Key Vault, eine Function App und den App Service Plan sowie mehrere Azure SQL-Datenbanken. Allerdings scheiterten viele SQL-Löschversuche, weil offenbar eine nicht unterstützte API-Version für den Azure SQL-Datenbank-Ressourcentyp verwendet wurde. Bei Azure Storage hingegen verliefen viele Löschversuche erfolgreich; zugleich zeigt sich ein wichtiger Verteidigungspunkt: Azure-Ressourcenlocks und storage account-level deletion protection bremsten bestimmte Löschversuche, obwohl ein kompromittierter Identitätskontext breite administrative Rechte besaß. Für Security- und Cloud-Governance-Teams ist das ein praktischer Hinweis darauf, dass unabhängige Schutzmechanismen auf Ressourcenebene im Ernstfall die letzte Verteidigungslinie sein können.
Unklar bleibt der exakte Kompromittierungsweg der Service Principals. Microsoft schreibt, dass die Client-ID, das Client-Secret und die Tenant-ID zuvor in Klartext in einem öffentlichen GitHub-Issue von einem Mitarbeiter der betroffenen Organisation offenbart gewesen seien. Zwar sei das Secret später entfernt worden, jedoch sei es über die öffentliche Bearbeitungshistorie weiterhin erreichbar geblieben. Zusätzlich habe Microsoft wiederholtes Probing aus Storm-3168-zugeordneten Infrastrukturen gegen mehrere Azure App Services für unterschiedliche Kunden festgestellt. Daraus leitet Microsoft ab, dass die Angriffe wahrscheinlich automatisiert oder skriptbasiert sind und sich die „Division of work“ über die Identitäten hinweg in den beobachteten Timings widerspiegelt. Am Ende ordnet Microsoft das Vorgehen als ransomware-aligniert ein, weil neben Backup- und Recovery-Komponenten auch zahlreiche Ressourcen gelöscht wurden, ohne dass im Zusammenhang mit dem Eindringen ein Lösegeldhinweis oder eine erfolgreiche Datenexfiltration beobachtet wurde.
Für die Abwehr ergibt sich daraus ein deutliches Muster: Der nächste Entwicklungsschritt liegt offenbar in der Koordination. Microsoft beschreibt die Aktivität als Hinweis auf eine breitere Verschiebung hin zu KI-orchestrierten Angriffen, bei denen Threat Actor komplexe Post-Compromise-Schritte über Cloud-Umgebungen mit höherer Geschwindigkeit und größerer Skalierung ausführen können. Konsequenterweise fordert das Unternehmen, dass Defender in ähnlicher Weise KI-gestützte Fähigkeiten für Untersuchung und Reaktion in großen Umgebungen nutzen. Genau hier müssen sich Organisationen konkret fragen, ob ihre Workflows auf Identity-Fehlerfälle, schnelle Lockdown-Mechanismen und „resource-level“ Schutz wirklich vorbereitet sind. Denn wenn der destruktive Anteil wie im beobachteten Fall nur Minuten dauert, entscheidet nicht die Anzahl der Alerts, sondern die Fähigkeit, ausgehend von Identitätsdaten und Ressourcenabhängigkeiten in Sekunden zu handeln.
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