LONDON (IT BOLTWISE) – JADEPUFFER hat in Microsoft-Azure-Umgebungen offenbar mit gestohlenen Service Principals eine Reihe zerstörerischer Aktionen ausgeführt. Die Angriffe zielen unter anderem auf Storage Accounts, SQL-Datenbanken, Key Vaults, Function Apps sowie App Services und dauern im beobachteten Fall etwa 18 Stunden. Microsoft ordnet das Vorgehen als Weiterentwicklung ein und verweist auf einen KI-orchestrierten Ablauf, der Ressourcenlöschung und Credential-Sammlung automatisiert. Unklar bleibt, wie die entsprechenden Identitätsdaten kompromittiert wurden und ob es zu Datenabflüssen oder einer bestätigten Erpressung kam.

JADEPUFFER löscht Azure-Ressourcen mit gestohlenen Service Principals und KI-Tooling
JADEPUFFER löscht Azure-Ressourcen mit gestohlenen Service Principals und KI-Tooling (Foto: IT BOLTWISE)
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In Azure-Umgebungen hat ein Bedrohungsakteur unter dem Namen JADEPUFFER nach Angaben von Microsoft offenbar ein zweistufiges Vorgehen genutzt, um gezielt Ressourcen zu zerstören und dabei Credentials einzusammeln. Im beobachteten Vorfall fiel besonders auf, dass nicht nur einzelne Komponenten kompromittiert wurden, sondern dass die Identitätsabstraktion der Cloud selbst als Hebel diente: Microsoft verfolgt die Aktivität unter dem Namen Storm-3168 und datiert den Ablauf auf frühe Juni-Tage, mit einer Gesamtdauer von rund 18 Stunden. Für IT-Leitungen ist das vor allem deshalb relevant, weil kompromittierte „service principals“ in Azure zentralen Zugriff bündeln können und damit die eigentliche Angriffsgeschwindigkeit erhöhen.

Technisch beschreibt der Vorfall ein Muster, das mit der Ausnutzung von Web- und Automations-Software beginnt und in eine cloudweite Befehlskette übergeht. Laut Microsoft standen dabei kompromittierte Service Principals im Zusammenhang mit demselben Tenant, wobei ein Principal zunächst der Aufklärung diente und der zweite dann für destructive Operationen sowie die Credential-Sammlung eingesetzt wurde. Die Aufklärungsphase umfasste demnach Enumerationen rund um Virtual Machines, Abonnements (Subscriptions), Resource Groups sowie Ressourcen in einem Zeitraum von etwa 16 Stunden; während dieser Phase fielen über 300 Read-Operationen an. Später folgte ein klar zeitlich getrenntes Discovery-Element: Der zweite Service Principal führte 90 Minuten nachgelagert weitere Entdeckungen durch und enumerierte virtuelle Maschinen und Resource Groups in zwei Subscriptions in nur fünf Sekunden.

In der „Agentik“ steckt die auffälligste Neuerung: JADEPUFFER wird in der öffentlichen Analyse als KI-gestützter, end-to-end automatisierter Ablauf eingeordnet, bei dem ein großes Sprachmodell nicht nur einzelne Schritte empfiehlt, sondern die Abfolge als Operation ausführt. Als Einstiegspunkt wird eine bekannte Schwachstelle in Langflow (CVE-2025-3248) genannt, die es dem Angreifer laut den Forschern ermöglichte, in das System einzudringen, Credentials zu ernten und sich anschließend tiefer im Netzwerk zu bewegen. Von dort aus verschob sich der Fokus auf die gezielte Manipulation von Daten und Konfigurationen: Unter anderem wurden Nacos-Service-Konfigurationsdateien verschlüsselt, Datenbanktabellen entfernt und eine „ransom note“ abgelegt, die eine Zahlung in Bitcoin forderte. Auch wenn nicht jede einzelne Methode neu ist, ordnet Microsoft das Gesamtbild als signifikanten Schritt hin zu automatisierten, orchestrierten Post-Compromise-Schritten in der Cloud ein.

Besonders komplex wirkt das Zusammenspiel aus KI-Infrastruktur und Schadenslogik, weil der Angreifer offenbar nicht bei einer einzigen Implementierung blieb. Berichte verweisen darauf, dass derselbe Langflow-Setup später erneut angegangen wurde, diesmal durch eine kompiliert vorliegende Go-basierte Ransomware-Variante namens ENCFORGE. Diese Variante richtet sich gezielt auf Komponenten der KI-Infrastruktur und scannt dafür rund 180 Dateitypen, darunter Modell-Checkpoints, Vektor-Datenbanken, Trainingsdatensätze und Embedding-Indizes. Zusätzlich werden offenbar auch macOS-nahe Artefakte adressiert, etwa Keychain Stores, Xcode-Projektdateien sowie Apple Pages- und Numbers-Dokumente; damit wird deutlich, dass die Schadlogik nicht nur Server-seitig, sondern auch bei developer-nahen und creator-nahen Datenständen ansetzt.

Für den konkreten Azure-Zerstörungsblock nennt Microsoft eine Reihe von Zielen und liefert dabei zugleich Hinweise darauf, warum Schutzmaßnahmen in Ebenen wirken. In Summe dauerte die destructive Sequenz nach seinen Angaben nur etwa sieben Minuten, wobei mehr als 100 Lösungsversuche gegen Azure Storage Accounts erfolgten. Microsoft führt außerdem Angriffe auf Azure Key Vault, Function App und den App-Service-Plan an sowie auf mehrere Azure-SQL-Datenbanken; allerdings endeten die Löschversuche für die Datenbankressourcen in Fehlern, weil eine nicht unterstützte API-Version verwendet worden sei. Entscheidend ist aber der Teilerfolg bei Storage: „Most Azure Storage accounts“ seien erfolgreich gelöscht worden, während Resource Locks und ein Löschschutz auf Storage-Account-Ebene die Löschversuche für einige Accounts blockierten. Genau dieses Zusammenspiel – breitere administrative Rechte auf der Identität treffen auf unabhängige technische Schutzschichten – zeigt, warum „defense in depth“ in der Cloud nicht nur ein Architekturprinzip, sondern im Ereignisfall ein messbarer Unterschied ist.

Warum die Service Principals kompromittiert wurden, bleibt laut Microsoft zunächst offen. Der Hinweis im Bericht lautet, dass client ID, client secret und tenant ID zuvor in Klartext in einem öffentlichen GitHub-Issue durch einen Mitarbeiter der betroffenen Organisation veröffentlicht worden seien; auch nachdem das Secret entfernt wurde, soll es über die öffentliche Edit-Historie weiterhin erreichbar gewesen sein. Zudem meldet Microsoft wiederholtes Probing von mit Storm-3168 verknüpfter Infrastruktur gegen verschiedene Azure App Services bei unterschiedlichen Kunden, was auf automatisierte oder skriptbasierte Ausführung hindeutet – passend zu dem beschriebenen Aufteilen der Arbeit auf mehrere Service Principals und den engen Zeitabständen zwischen Operationen. Als Endziel wird ein ransomware-ähnlicher Effekt bewertet, weil neben dem Löschen vieler Azure-Ressourcen auch Backup- und Recovery-bezogene Ressourcen betroffen waren, um die Wiederherstellung zu erschweren. Gleichzeitig berichtet Microsoft, dass keine bestätigte Erpressungsnote-Verbreitung oder ein erfolgreicher Datenabfluss im Zusammenhang mit dem Eindringen beobachtet wurde.

Für Unternehmen folgt daraus ein operativer Fokus, der weniger auf einzelne „Tool-Fixes“ zielt, sondern auf die Prozesskette nach der Kompromittierung. Wenn ein KI-orchestrierter Angreifer wie in diesem Fall Credentials gezielt erntet, lateral vorgeht, Persistence aufbaut und dann innerhalb Minuten Ressourcen entfernt, geraten klassische „Alert-first“-Modelle schnell unter Zeitdruck. Microsoft formuliert deshalb, dass sich Defender auf die gleiche Ebene automatisierter Untersuchung und Reaktion bewegen müssen, weil die Angriffe durch KI-gestützte Koordination schneller und stärker skaliert auftreten können. Der strategische Kern liegt dabei in der Reduktion von „Blast Radius“: Service Principals sollten möglichst minimal privilegiert sein, Resource Locks und Löschschutz müssen konsequent aktiv bleiben und die Monitoring-Abdeckung darf nicht bei der ersten Credential-Erkennung enden, sondern muss auch Erfassungs-, Lösch- und Recovery-Ereignisse über große Azure-Tenants hinweg konsistent auswerten.

Unabhängig davon, ob der Ursprung der Kompromittierung tatsächlich auf eine öffentlich gewordene Identitätsinformation zurückgeht, bleibt die Botschaft klar: Cloud-Identitäten sind in solchen Szenarien nicht nur Authentifizierungspunkte, sondern ein zentraler Angriffsmechanismus. JADEPUFFER zeigt zudem, wie ein Einstieg über eine Schwachstelle (in diesem Fall Langflow) mit Agentik-Logik und klarer Zielausrichtung auf Speichersysteme und Datenartefakte zusammenfließen kann. Für Sicherheits- und Plattformteams bedeutet das, dass die nächsten Verteidigungsmaßnahmen nicht ausschließlich auf die Endpunkte oder einzelne Applikationen zielen sollten, sondern auf die gesamte Kette aus Berechtigung, Ressourcen-Schutzmechanismen und automatisierter Incident-Response im Azure-Betrieb.


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