BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Jahresbericht des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) für 2025 zeichnet ein klares Bild: Neben Russland und China spionieren auch Geheimdienste aus Iran, Pakistan und Marokko in Deutschland – mit dem Ziel, Oppositionelle auszuleuchten, zu diskreditieren oder anzuwerben. Laut Bericht setzen die Akteure dabei sowohl menschliche Quellen als auch moderne Technik ein und versuchen, Politik, Medien und Verwaltung über „klandestine Methoden“ zu beeinflussen. Besonders die iranische Führung rücke demnach oppositionelle Gruppen ins Visier, inklusive Risiken bei Reisen in den Iran. Der Bericht zeigt damit, warum Spionageabwehr nicht nur ein Sicherheits- sondern auch ein Rechts- und Datenschutzthema ist.

Der Jahresbericht des Bundesamts für Verfassungsschutz (BfV) für 2025, in Berlin vorgestellt, beschreibt eine Lage, die weit über klassische Spionagefotos hinausgeht. Neben den Hauptakteuren Russland und China stuft das Amt Geheimdienste weiterer Staaten – namentlich Iran, Pakistan und Marokko – als aktuell sehr aktiv in Deutschland ein. Der Schwerpunkt liege demnach auf dem Ausspähen von Oppositionellen aus diesen Ländern in der Bundesrepublik. Hinzu komme das Platzieren oder Anwerben von Spionen im Staatsapparat, also die klassische Verdichtungsarbeit, die Informationen aus internen Strukturen zugänglich macht.
Der Bericht ordnet die Methoden dabei in zwei Sphären ein: „menschliche Quellen“ auf der einen Seite und moderne Technik auf der anderen. Aus Staaten Nordafrikas und des Nahen und Mittleren Ostens berichtet das BfV laut Jahresbericht ausdrücklich, dass in der Vergangenheit menschliche Quellen in deutschen Behörden genutzt wurden, um Informationen zu gewinnen. Gleichzeitig versuchen diese Akteure, Politik, Medien und Verwaltungshandeln durch „klandestine Methoden“ zu beeinflussen. Das ist sicherheitspolitisch relevant, weil solche Einflussversuche nicht zwangsläufig in offenen Angriffen münden, sondern Vertrauen in Prozesse und Institutionen erodieren können.
Aus technischer Perspektive zeigt sich in den Beschreibungen vor allem, dass Spionageabwehr immer stärker „hybrid“ gedacht werden muss. Wenn Staaten moderne Technik einsetzen und sich zugleich bei europäischen Firmen einkaufen, entstehen mehrere Angriffsflächen: Lieferketten, Dienstleister-Ökosysteme und Datenflüsse zwischen Organisationen. Im Vergleich zu rein klassischer Nachrichtendienstarbeit entspricht das eher dem, was man aus dem Security-Umfeld als Kombination von Social Engineering, IT-Umgehung und operativer Einflussnahme kennt. Solche Vorgehensweisen ähneln in ihrer Logik internationalen Praktiken, wie sie auch Dienste wie die NSA oder das FBI in öffentlich dokumentierten Strategien adressieren, etwa bei der Verknüpfung von Cyber- und HUMINT-Risiken.
Besonders deutlich wird die transnationale Dimension. Das BfV schildert, dass Auslandsgemeinden aufgeklärt werden, Oppositionelle ausgespäht oder als Extremisten diskreditiert und einzelne Personen auch physisch bedroht werden. Diese sogenannten transnationalen Repressionen dienen dem Bericht zufolge dazu, „auch in Deutschland Oppositionelle zu attackieren“ und damit „die Souveränität“ anzugreifen. Damit wird ein Begriff aus der internationalen Sicherheitsdebatte konkret: Unterdrückung findet nicht nur im Herkunftsland statt, sondern wird bis in freie politische Handlungsspielräume in Europa getragen. Der Innenminister Alexander Dobrindt beschreibt diesen Angriff auf die Souveränität als zentrale Zielrichtung.
Beim Blick auf Iran rückt das BfV zudem die ideologische Komponente in den Vordergrund. Gruppen oder Einzelne, die in Gegnerschaft zur iranischen Führung stehen, geraten demnach besonders unter Druck. Der Bericht verweist darauf, dass diese Gruppierungen für die Machthaber als Gefährdung für den Fortbestand der Herrschaft gelten – mit der Folge, dass Proteste im Inland gewaltsam unterdrückt und dieselben Gruppen sowie Personen im Ausland verfolgt würden. In Bezug auf Reisen nennt das Amt konkrete Risiken: Oppositionelle müssten bei einem Aufenthalt im Iran mit Festnahmen beziehungsweise mehrtägigen Befragungen durch iranische Nachrichtendienste rechnen.
Als Folge der Konflikte und Kriege 2025 hätten iranische Nachrichtendienste zudem israelische und jüdische Einrichtungen sowie deren Unterstützer in Deutschland und Europa ausgespäht. Verfassungsschutzpräsident Sinan Selen betont dabei, dass „Antisemitismus ein tragender Pfeiler“ für diese Aktionen sei. Für Unternehmen und Organisationen ergibt sich daraus ein unmittelbarer Sicherheits- und Compliance-Kontext: Wer zivilgesellschaftliche Initiativen, religiöse Einrichtungen oder Unterstützernetzwerke betreibt, ist potenziell Ziel von Aufklärung, Einschüchterung und Manipulation. Der Markt reagiert darauf üblicherweise mit Security-Programmen, die sowohl technische Zugänge als auch Kommunikations- und Event-Risiken abdecken.
Auch bei Pakistan nennt das BfV eine spezifische Zielrichtung: „vor allem Angehörige des Volkes der Belutschen“, die in Afghanistan, Iran und Pakistan leben. Zugleich versuche man, in der afghanischen und pakistanischen Diaspora auf eine positive Wahrnehmung Pakistans hinzuwirken, sodass auch Demonstrationen und Propagandaveranstaltungen unterstützt würden. Marokko wiederum nehme neben Akteuren des islamischen Extremismus und Terrorismus vor allem Oppositionelle sowie Kritiker von Monarchie und Staatsführung in den Blick. Im September sei ein Marokkaner wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit verurteilt worden, weil er Informationen über Anhänger einer Oppositionsbewegung in Deutschland gesammelt haben soll.
Für die Zukunft wird daraus eine klare Leitfrage: Wie können Politik, Verwaltung und Unternehmen die Balance halten zwischen legitimer Gefahrenabwehr und rechtsstaatlicher Begrenzung? Spionageabwehr kollidiert regelmäßig mit Datenschutz und Grundrechten, sobald Analytik, Datensammlungen oder Risiko-Scores in den Vordergrund rücken. Das gilt besonders dann, wenn „klandestine Methoden“ auch in Datenverarbeitungsketten wirken, etwa durch kompromittierte Dienstleister oder unklare Rollen von Handels- und Beschaffungsakten. Der nächste Schritt für die Branche dürfte daher in engeren Standards für IT-Supply-Chain-Sicherheit, in Auditierbarkeit von Zugängen sowie in der Schulung gegen Social-Engineering bestehen. Kurzfristig zählt nach solchen BfV-Hinweisen weniger der einzelne Alarm, sondern die Fähigkeit, Muster über Quellen hinweg zu erkennen und rechtssicher zu handeln.
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