SINGAPUR / LONDON (IT BOLTWISE) – Acti startet mit einer agentischen Tastatur für iOS und Android, die nicht nur Wörter vorschlägt, sondern Aktionen auslösen kann. Statt Nutzer über mehrere KI-Apps hinweg zu lotsen, will Acti Kontext direkt in E-Mail, Messengern und Social Apps nutzbar machen. Technisch setzt das Startup auf Google-Gemini-Modelle und auf ein Skills-Konzept, mit dem Nutzer mehrstufige Workflows per Tastendruck auslösen. Wichtig ist zudem ein local-first Ansatz, bei dem private Inhalte standardmäßig auf dem Gerät bleiben.

Acti aus Singapur geht mit einem ungewöhnlichen Ansatz ins KI-Zeitalter: Die agentische Tastatur für iOS und Android soll die nächste „User-Oberfläche“ für Künstliche Intelligenz werden. Die zentrale Idee wirkt simpel, hat aber erhebliche Produktimplikationen: Nutzer sollen nicht erst eine Chatbot-App öffnen, ihren Kontext dort nachtragen und anschließend wieder zurück zur eigentlichen Anwendung wechseln. Der von Acti adressierte Engpass entsteht dort, wo Informationen fragmentiert sind – in getrennten Apps für Messaging, E-Mail, Social oder Kalender – und KI-Hilfe dadurch häufig wie ein Umweg behandelt wird.
Acti positioniert sich ausdrücklich als Kontext-Layer „über“ den vorhandenen Anwendungen, nicht als separater KI-Kanal. Laut Gründer und CEO Young Wang bleiben heutige Agenten oft deshalb begrenzt, weil relevante Nutzersituationen über verschiedene Apps verteilt sind. Die Tastatur dagegen „sitzt“ in jedem Eingabemoment: Sie sieht, was gerade geschrieben wird, und kann daraus mehr machen als Vorschläge. Ein Beispiel: Wenn in einem Chat nach einem Restaurant in der Nähe gefragt wird, kann die Tastatur lokale Empfehlungen platzieren. Oder bei einem Gespräch über Aktien könnte sofort der Live-Kurs im Chat bereitgestellt werden – ohne den Wechsel zu einer Such- oder KI-App.
Unter der Haube läuft bei Acti kein eigener Modell-Stack auf „eigener Hardware“, sondern eine Nutzung von Google-Gemini-Modellen. Wang nennt als Auswahlkriterien ein ausgewogenes Verhältnis aus Intelligenz, Latenz, Zuverlässigkeit, mehrsprachiger Performance und Kosten. Für Unternehmen und Entwickler ist das vor allem im Hinblick auf Skalierung und Betrieb relevant: Entscheidend wird, wie stark sich die Benutzerinteraktion in Echtzeit anfühlt und wie stabil die Orchestrierung zwischen Tastatureingabe, Modellaufruf und nachgelagerten Aktionen funktioniert. Im Kern erinnert das an klassische UX-Patterns aus Produktivitäts-Apps, nur dass die Tastatur hier als Einstieg für agentische Workflows dient.
Eine der technisch spannendsten Stellen ist das „Skills“-Konzept. Skills funktionieren ähnlich wie benutzerdefinierte Abkürzungen: Nutzer können eine einzelne Taste (oder per Long-Press) so konfigurieren, dass sie mehrstufige Tasks automatisch ausführt – etwa das Übersetzen einer Nachricht oder das sofortige Teilen eines Meeting-Links. Acti betont, dass dafür kein Code erforderlich ist: Nutzer beschreiben den gewünschten Ablauf in natürlicher Sprache, und die App erstellt den Skill. In einem frühen Zugang hätten Tester bereits über 1.000 Skills in weniger als zwei Wochen gebaut. Das ist auch ein Wettbewerbssignal: Während Plattformen wie Microsoft oder Google KI-Funktionen in eigene Produktivitätssuiten integrieren, versucht Acti die Interaktion auf die gemeinsame Eingabefläche „Tastatur“ zu verlagern.
Datenschutz und Regulierung spielen dabei eine zentrale Rolle, gerade weil Tastaturen potenziell sehr sensible Informationen verarbeiten. Acti setzt auf einen local-first Ansatz: Der persönliche Kontext soll standardmäßig auf dem Gerät bleiben. Die Firma gibt an, dass private Nachrichten, Gespräche oder Kontext nicht abgerufen oder gespeichert werden, solange der Nutzer nicht explizit eine Funktion auslöst, die externe Verarbeitung benötigt. Für europäische Unternehmen und deren Compliance-Teams ist das mehr als Marketing: Es berührt Fragen nach Zweckbindung, Datenminimierung und den Anforderungen aus der DSGVO. Entscheidend wird sein, wie granular sich „explizites Auslösen“ tatsächlich abbilden lässt, wie transparent Protokolle sind und wie nachvollziehbar sich Datenflüsse zwischen Gerät, Backend und Drittanbietern gestalten lassen.
Auch wirtschaftlich bleibt das Modell zunächst in Bewegung. Acti will Einnahmen über Abonnements generieren, die fortgeschrittene KI-Modelle, höhere tägliche Nutzungslimits und weitere Premium-Features liefern. Zusätzlich gibt es einen Skills-Marktplatz: Skills können privat bleiben oder öffentlich geteilt werden, wodurch ein „Skill Hub“ entsteht. Das erinnert an App-Ökosysteme und Plug-in-Strategien, nur dass hier die Schnittstelle zwischen Nutzerintention und Aktion in sehr vielen Alltagssituationen verankert ist. Als frühe Finanzierung nennt das Startup eine Seed-Runde über 5,3 Millionen US-Dollar, angeführt von BITKRAFT Ventures. In diesem Kontext sagte BITKRAFT-Partner Jonathan Huang sinngemäß, dass man Acti fördere, weil das Team eine echte Chance habe, die nächste Phase der Mensch-Computer-Interaktion mitzugestalten.
Für die weitere Entwicklung ist entscheidend, wie Acti den Sprung von „einzelnen Aktionen“ zu stabilen, mehrstufigen Agenten schafft, ohne dabei Nutzervertrauen zu verlieren. Historisch gab es bereits viele Versuche, KI in mobile Schnittstellen zu integrieren – oft mit dem Problem, dass entweder die Kontextbrüche bleiben oder die Latenzen und Fehlaktionen zu hoch sind. Actis Ansatz, die Tastatur als gemeinsame, kontinuierliche Oberfläche zu verwenden, könnte diese Hürde zumindest teilweise senken. Gleichzeitig wird die Konkurrenz nicht schlafen: Während große Plattformen KI in Messaging, Suche und Office integrieren, entsteht ein neuer Wettlauf darum, wer die „nächste Aktion“ in den Alltag einbettet. Wenn Acti in iOS und Android breite Adoption findet, könnten Entwickler perspektivisch stärker an agentische Tastatur-APIs, Skill-Distribution und sichere lokale Ausführungsmodelle anknüpfen – mit klaren Implikationen für Plattformhersteller, Sicherheitsteams und Produktrollen im Enterprise-Bereich.
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