BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Fraunhofer IPK und Accentus veröffentlichen einen kostenfreien Praxisleitfaden zu ambidextren Produktionssystemen. Er soll die typische Tagesgeschäft-Falle aufbrechen, in der Stabilität meist alles dominiert und Innovation verdrängt. Das Vorgehen kombiniert ein Zielsystem-Konfigurator-Tool, iteratives Change Management und eine Projekt-, Innovations- und Krisenstruktur mit Lagezentrum. Damit erhalten mittelständische Fertiger einen strukturierten Rahmen, um Kernprozesse stabil zu betreiben und zugleich Erkundungsinitiativen konsequent zu priorisieren.

In vielen Werkhallen gewinnt die Tagesroutine gegen jede langfristige Planung. Wenn Volumen schwankt, Fachkräfte fehlen und Lieferketten unter Druck geraten, wirkt jede Stunde Investition in Neues wie ein Risiko für Ausbringung und Qualität. Genau dieses Muster beschreibt der Praxisleitfaden „Wenn das Tagesgeschäft die Zukunft verdrängt“, den Fraunhofer IPK gemeinsam mit Accentus veröffentlicht. Im Kern geht es um organisatorische Ambidextrie: Unternehmen sollen parallel Exploit (Stabilität, Standardisierung) und Explore (Neues entdecken, flexibel reagieren) in einem steuerbaren System organisieren. Der Leitfaden richtet sich damit vor allem an Führungskräfte, die Innovation nicht als Nebenprojekt behandeln wollen.
Technisch betrachtet ist ambidextre Steuerung weniger ein „Mindset“ als ein Systemdesign-Problem. Das Fraunhofer IPK stützt die Herleitung auf 18 leitfadengestützte Interviews mit Mitarbeitenden und Führungskräften sowie systematische Beobachtungen in realen Produktionsumgebungen. Das Ergebnis ist zugleich ernüchternd und praktisch: In vielen produzierenden Unternehmen ist die exploitative Seite – also Prozessdisziplin, Standardisierung und die Fähigkeit, Kernprozesse verlässlich zu betreiben – bereits sichtbar gut ausgeprägt. Explorative Aktivitäten dagegen werden vom Tagesgeschäft verdrängt, weil Verantwortlichkeiten, Taktung und Ressourcenplanung nicht sauber getrennt oder gekoppelt sind. Genau an dieser Stelle setzt das Lösungssystem an.
Das vorgeschlagene Fundament besteht aus einem Basismodell mit acht Gestaltungsfeldern. Diese reichen von Unternehmenskultur und Strategie über Führung sowie Organisationsstruktur bis hin zu Kompetenzentwicklung und digitalen Assistenzsystemen. Damit wird Ambidextrie nicht nur auf der Ebene von Meetings oder Projektportfolios betrachtet, sondern auch in die alltägliche Ausführung gespiegelt. Zusätzlich kommt ein Zielsystemkonfigurator zum Einsatz, der Unternehmen hilft, ihre aktuelle Ausprägung zwischen Stabilität und Ausnahme zu reflektieren. Daraus lassen sich Zielzustände ableiten und konkrete Handlungsbedarfe sichtbar machen. Im Hintergrund läuft ein iterativer Change-Management-Ansatz, der Anpassungen schrittweise begleitet, statt eine „Big Bang“-Umstellung zu verlangen.
Eine besonders auffällige Komponente ist die Projekt-, Innovations- und Krisenstruktur (PIK) mit einem zentralen Lagezentrum. Das Prinzip ist bewusst angelehnt an die Organisationslogik der Polizei: Für außergewöhnliche Lagen entstehen temporäre Strukturen, während der reguläre Betrieb weiterläuft. Übertragen auf die Industrie bedeutet das, dass Innovationsvorhaben, Projekte und Krisensituationen systematisch priorisiert, koordiniert und bearbeitet werden, ohne dass die Liniensteuerung kollabiert. In der Praxis ist das ein Unterschied zu vielen „Agile at Scale“-Interpretationen, bei denen Explorationsarbeit häufig einfach parallel zu stabilen Prozessen läuft und dadurch entweder Ressourcen frisst oder in der Planung verwässert. Als Vergleich dienen oft Muster aus anderen Branchen, etwa Spotify mit seiner Squad-/Tribe-Logik oder das Toyota Production System als Referenz für Prozessstabilität – der Leitfaden versucht jedoch, diese Welten über eine klar definierte Struktur für Ausnahmen zusammenzubringen.
Marktseitig ist die Timing-Logik nachvollziehbar: Volatile Märkte, Fachkräftemangel und immer kürzere Innovationszyklen erzeugen ein strukturelles Dilemma, in dem Stabilitätsziele kurzfristig dominieren. Gleichzeitig wächst die Einsicht, dass reine Effizienzprogramme die Innovationsfähigkeit langfristig aushöhlen können. Branchenberichten zufolge sehen viele Mittelständler den Ausweg weniger in „mehr Projekten“, sondern in besserer Governance für Unsicherheit. Andreas Hoberg (Ingenics) beschreibt das als Reflex nach Stabilität, der zwar verständlich, aber oft ein Entwicklungshemmnis ist: Ambidextrie bedeute, sich im instabilen Umfeld wohler zu fühlen, ohne die Steuerung aufzugeben. Hartmut Eckert (AZO Global Product Center) ergänzt die Unternehmensbrille: Das eigene Profil schwankt zwischen maßgeschneiderter Innovationsarbeit und einem neuen Effizienzfokus, der Prozessoptimierung klar in den Vordergrund rückt.
Historisch betrachtet ist das Thema nicht neu, aber die Umsetzbarkeit hat sich über die letzten Jahre verbessert. Die Diskussion um Dualitäten in Organisationen wurde bereits in früheren Management-Ansätzen adressiert; in der Fertigungsrealität scheiterten viele Initiativen jedoch an fehlender operativer Übersetzung. Lean-Offensiven haben Standardisierung und Verschwendungssenkung stark gemacht, während Innovations-Programme häufig als separate Einheit existierten, ohne genügend Anschluss an die Linienlogik zu finden. Moderne KI-gestützte Assistenzsysteme und datengetriebene Planungsplattformen ändern daran die Voraussetzungen: Sie können helfen, Zielkonflikte messbar zu machen, Entscheidungen zu beschleunigen und Lernzyklen zu verkürzen. Der Leitfaden adressiert diese Entwicklung, indem digitale Assistenz als Gestaltungsfeld explizit vorkommt – allerdings nicht als „Zauberformel“, sondern als Stellhebel innerhalb einer strukturierten Organisation.
Für die Industrie bedeutet das auch eine neue Art, Investitionen zu priorisieren. Wer Ambidextrie ernst nimmt, muss Ressourcenplanung, Rollen und Kommunikationskanäle so ausrichten, dass Explorationsarbeit geschützt ist und zugleich in die Stabilitätsarchitektur zurückspielt. Genau hier können Unternehmen von dem beschriebenen iterativen Change-Management profitieren: Es ermöglicht, die neue PIK-Struktur zunächst in einem kontrollierten Rahmen aufzubauen, Kennzahlen für Stabilität und Lernfortschritt festzulegen und dann nachzuschärfen. Aus Entwickler- und Engineering-Sicht entstehen damit auch Chancen für Softwareanbieter und Integratoren, die Konfiguratoren, Lage-Boards und Schnittstellen zu bestehenden Produktions- und Qualitätsdaten liefern. Wichtig ist nur, dass die Toolchain nicht Selbstzweck wird, sondern direkt an Entscheidungsprozesse und Verantwortlichkeiten andockt.
Ein weiterer Aspekt ist Sicherheit und Regulierung, insbesondere wenn digitale Assistenzsysteme ins Spiel kommen. Produktionsnahe KI- und Assistenzfunktionen greifen häufig auf personenbezogene Daten (z. B. Schicht-/Rolleninformationen) oder auf Betriebs- und Qualitätsdaten zu, die je nach Unternehmenskontext als besonders schützenswert gelten. In der EU ist dabei nicht nur der Datenschutz nach DSGVO relevant, sondern auch Informationssicherheit nach gängigen Rahmenwerken (in der Praxis oft orientiert an BSI-Grundsätzen oder vergleichbaren Industriestandard-Controls). Der Leitfaden selbst fokussiert auf organisatorische Gestaltung, doch Unternehmen sollten parallel klare Zugriffsmodelle, Protokollierung und Datenminimierung für alle Assistenzkomponenten einführen. So bleibt die ambidextre Steuerung handhabbar, ohne neue Compliance-Risiken zu schaffen.
Der Praxisleitfaden steht ab dem 1. Juli 2026 kostenfrei zum Download beim Fraunhofer IPK bereit; parallel gibt es unter demselben Link ein virtuelles Open Lab mit zusätzlichen Materialien, Methoden und Austauschmöglichkeiten. Für die nächsten Monate ist entscheidend, wie schnell Unternehmen die PIK-Struktur und den Zielsystemkonfigurator in ihre bestehende Rollen- und Gremienlandschaft integrieren. Wenn das gelingt, könnte der Leitfaden die Diskussion um „Innovation neben dem Tagesgeschäft“ in Richtung „Innovation als kontrollierter Ausnahmefall“ verschieben. Gleichzeitig wird die Frage lauter, wie Generationswechsel, Lieferketten-Unsicherheit und neue KI-Assistenz über Jahre hinweg steuerbar bleiben. Ambidextrie wird damit weniger zu einem Projekttermin und mehr zu einer dauerhaften Fähigkeit – und genau das macht die Veröffentlichung für den Produktionsalltag so relevant.
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