BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ab Juli müssen bestimmte importierte Baustoffe mit einem CE-EPD-Label versehen werden, das verifizierte Umweltkennzahlen ausweist. Hintergrund ist der Druck aus EU-Vorgaben, weg von generischen Branchendurchschnitten hin zu produktspezifischen Emissionsdaten. Gleichzeitig verschärfen sich Regeln für die Klimaschutzkommunikation, inklusive unabhängiger Prüfpflichten. Unternehmen wie DGNB-Mitglieder, Zementhersteller und Baustoffanbieter rüsten ihre Datenbasis und Reporting-Prozesse bereits um.

CE-EPD-Label ab Juli: Neue Pflichten für importierte Baustoffe
CE-EPD-Label ab Juli: Neue Pflichten für importierte Baustoffe (Foto: IT BOLTWISE)
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Die nächste Stufe der Nachhaltigkeitskennzeichnung trifft die Bau- und Baustofflieferkette früher als viele erwartet haben: Ab Juli sollen für bestimmte importierte Produkte belastbare ökologische Leistungsdaten stärker in den Mittelpunkt rücken. Der konkrete Hebel ist ein CE-EPD-Label, das künftig nicht nur „irgendwelche“ Umweltwerte wiedergibt, sondern verifizierte Angaben zu CO?-Emissionen, Recyclingfähigkeit und Energieverbrauch enthalten soll. Für Einkauf, Compliance und Nachhaltigkeitsabteilungen bedeutet das vor allem eines: Die Zeit der pauschalen Annahmen wird dünner, weil Lieferketten- und Produktdaten enger miteinander verzahnt werden.

Im Zentrum steht eine Forderung, die in der Branche seit Jahren diskutiert wird: Qualitätssiegel wie das „Qualitätssiegel Nachhaltiges Gebäude“ sollen produktspezifische Umweltproduktdeklarationen (EPDs) auf Basis der Norm DIN EN 15804+A2 zulassen. Bisher wird das System vielerorts mit generischen Branchendurchschnittswerten gespeist. Genau das kritisieren Initiatoren aus dem nachhaltigen Bauen, weil so jene Unternehmen benachteiligt werden, die gezielt in CO?-optimierte Produkt- und Rezepturpfade investieren. Aus Unternehmenssicht ist der Ansatz ein Anreizproblem: Wenn gute Daten keinen Vorteil erzeugen, sinkt die Motivation zur technischen Verbesserung.

Die technische Umsetzung hängt dabei weniger an der „Idee“, sondern an den Datenströmen. Eine EPD ist im Kern eine standardisierte Lebenszyklusbewertung, die Produktions- und Materialinformationen in einem nachvollziehbaren Rahmen verdichtet. Praktisch heißt das: Rohstoffchargen, Energieträger, Logistik, Emissionsfaktoren und Prozessinputs müssen im Projektkontext eindeutig zuordenbar sein. Für Zulieferer entsteht damit ein Engineering- und MLOps-ähnlicher Bedarf an Versionierung: Welche Datenbasis gilt für welches Produkt, welche Annahmen wurden gemacht, und wie wird später nachgeschärft, wenn sich Rezepturen oder Bezugsquellen ändern. Gerade deshalb gewinnen LCA-orientierte Beratungs- und Datenplattformen an Gewicht.

Wie sich der Trend bereits in der Marktpraxis zeigt, verdeutlicht Holcim mit konkreten Portfolioangaben: Laut den beschriebenen Updates in Österreich sank der CO?-Fußabdruck des gesamten Zementportfolios um mehr als 17 Prozent. Bei bestimmten Zementtypen (CEM II/C) soll das Treibhauspotenzial mittlerweile unter 300 Kilogramm CO? pro Tonne liegen. Die Reduktion hängt demnach unter anderem mit dem stärkeren Einsatz von Recyclingmaterialien zusammen. Im Jahr 2025 werden dafür über 400.000 Tonnen Baurestmassen recycelt. Für Entscheider ist das eine wichtige Vergleichsgröße: Statt „Durchschnittswert“ gibt es messbare Spannen und Produktklassen, die sich in EPDs abbilden lassen.

Auch andere Branchenakteure treiben den Datenanspruch, etwa durch Positionspapiere gemeinsam mit Unternehmen wie Goldbeck und ArcelorMittal. Parallel verschärft sich die regulatorische Seite auf EU-Ebene: Seit Anfang Juli sollen importierte CNC-Spannvorrichtungen ein CE-EPD-Label tragen, das durch eine akkreditierte Stelle verifizierte Angaben zu Emissionen, Recyclingfähigkeit und Energieverbrauch liefert. Ergänzend zeichnet sich bei der Klimaschutzkommunikation eine neue Prüfkultur ab: Ein Anbieter wie ClimatePartner bereitet ein Zertifizierungsprogramm vor, das sich an einer EU-Richtlinie (2024/825) orientiert; vorgesehen ist die Umsetzung für den Spätherbst. Eine unabhängige Prüfung, etwa durch Organisationen wie DEKRA, wird dann Pflicht. Branchenexperten erwarten, dass sich dadurch auch das Marketing-Reporting stärker in Richtung „Auditierbarkeit“ verschiebt.

Damit verschiebt sich auch der interne Aufbau vieler Beratungs- und Nachhaltigkeitsorganisationen. Denn sobald produkt- und standortspezifische Lebenszyklusdaten gefordert werden, reichen „neutrale Standardisierungen“ allein nicht mehr aus. Berichtenswert ist hier der Strukturwandel bei der SuMPO-Gruppe zum 1. Juli: Eine neue Einheit, SuMPO NEXT, übernimmt künftig die LCA-Beratung und „Sustainable Transformation“, während die Kernorganisation neutrale Aufgaben rund um Standardisierungen weiterführen soll. Diese Aufteilung ist nicht kosmetisch, sondern spiegelt die Marktnachfrage: Projekte werden datengetrieben, und die Beratung muss stärker in die konkrete EPD-Welt hineinreichen, inklusive Datenmodellierung, Plausibilisierung und Nachweisführung für Auditoren.

Technologisch wird der Druck in Richtung CO?-ärmere Produktionsketten ebenfalls konkreter. Ein Beispiel liefert die Forschung: Das Fraunhofer IKTS arbeitet an einem Verfahren zur klimaneutralen Kalkherstellung. Dabei wird CO? aus dem Brennprozess mit grünem Wasserstoff methanisiert und anschließend in Wasserstoff und festen Kohlenstoff zerlegt. Solche Ansätze zielen darauf ab, die Emissionswerte, die in EPDs dokumentiert werden, langfristig weiter zu senken. Für die Praxis heißt das: Unternehmen können EPDs nicht als statisches Dokument betrachten, sondern als „lebendes“ Ergebnis, das mit Prozessinnovationen aktualisiert werden muss. Wer früh testet, kann später in Ausschreibungen schneller reagieren, weil Datenreife ein Wettbewerbsfaktor wird.

Für Unternehmen ergibt sich daraus jetzt ein ziemlich klares To-do: Wer ab Juli importierte Baustoffe korrekt auszeichnen muss, braucht eine Strategie, die von der produktspezifischen EPD bis zur Klimaschutzkommunikation durchläuft. Typische Fallstricke liegen weniger in der Theorie als in der Ausführung: fehlende Produkt-Granularität, nicht verifizierbare Datenherkünfte, zu spät gestartete Zertifizierungsfenster und Inkonsistenzen zwischen internen Nachhaltigkeitskennzahlen und externen Labels. Der taktische Vorteil entsteht für diejenigen, die früh Lieferantendaten harmonisieren und Zuständigkeiten zwischen Einkauf, Werkplanung, Nachhaltigkeitscontrolling und Legal klären. Die kommenden Monate werden zeigen, ob die Industrie den Übergang schafft – und ob die neuen Vorgaben tatsächlich Innovationen belohnen oder nur Reporting-Komplexität erhöhen.


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