LONDON (IT BOLTWISE) – Amundi macht es bei seinem größten Paris-Aligned-ETF besonders konsequent: Der Index muss jedes Jahr messbar treibhausgasärmer werden und blendet bestimmte Branchen und Umsätze per Regelwerk aus. Trotzdem drehte der Fonds nach dem Absturz 2022 in mehreren Folgejahren in den Bereich von zweistelligen Renditen, teils über 20 Prozent. Der Hintergrund liegt weniger im „Klimaboost“ als in der Kombination aus Zinswende, Marktrotation und der EU Paris-Aligned-Methodik. Für Anleger bedeutet das: Klimakriterien ja, aber Rendite bleibt stark an klassische Kapitalmarkt-Treiber gekoppelt.

Der Amundi S&P Eurozone Climate Paris Aligned UCITS ETF ist in einer Nische angekommen, die selten so eng definiert ist wie bei den EU Paris-Aligned Benchmarks (PAB): Der Index folgt einem regulatorisch vorgegebenen Dekarbonisierungspfad und darf Abweichungen nicht einfach „wegargumentieren“. Das wirkt auf den ersten Blick wie ein strengster Klimafilter, erklärt aber zugleich, warum die Wertentwicklung in den Jahren nach 2022 so widersprüchlich ausfiel. Während der Fonds 2022 rund -17,25 Prozent verzeichnete, folgten drei Folgejahre mit durchweg zweistelligen Gewinnen und zwei Jahren oberhalb von 20 Prozent. Genau dieses Muster ist der Schlüssel zum Verständnis.
Technisch basiert der Fonds auf dem S&P Eurozone LargeMidCap Net Zero 2050 Paris-Aligned ESG Index. Ausgangspunkt ist ein breiter S&P-Eurozonen-Universum, aus dem Unternehmen so selektiert und gewichtet werden, dass der Gesamt-Korb mit dem Pariser Ziel einer Begrenzung der Erderwärmung auf 1,5 Grad Celsius „vereinbar“ bleibt. Der entscheidende Punkt: Diese Vereinbarkeit ist nicht als Marketingziel definiert, sondern als Rechenverfahren mit harten Mindestanforderungen. Beim Start muss die Treibhausgasintensität mindestens 50 Prozent niedriger sein als im Ausgangsindex. Danach gilt jährlich im Schnitt mindestens -7 Prozent, unabhängig davon, ob sich die Realwirtschaft schneller oder langsamer entwickelt.
Damit verbunden sind feste Ausschlusskriterien, die die Branchenzusammensetzung spürbar verändern. Unternehmen mit relevanten Umsatzanteilen aus der Förderung von Kohle, Öl oder Erdgas werden ausgeschlossen; ebenso Hersteller kontroverser Waffen sowie Firmen, die gegen die Prinzipien des UN Global Compact verstoßen. Gleichzeitig setzt die Methodik auf eine gezielte Gewichtung in Bereichen, die zur Energiewende beitragen, etwa erneuerbare Energien oder Energieeffizienz. In der Praxis führt das zu einem Portfolio, das zwar breit über die Eurozone gestreut ist, aber Branchenlogik systematisch umsortiert. Anleger bekommen daher kein Wetten auf „eine grüne Einzelbranche“, sondern ein regelbasiertes Aktienrisiko, das jährlich neu kalibriert wird.
Am Markt ist der Wettbewerb im engeren Sinne begrenzt, weil nicht jeder Anbieter denselben Index in einer vergleichbaren PAB-Implementierung auflegt. Amundi gilt dabei als einziger Emittent, der den betreffenden S&P-Index sowohl in einer thesaurierenden als auch in einer ausschüttenden Variante abbildet. Rivalen existieren jedoch über verwandte, aber methodisch unterschiedliche Klimaindizes, etwa iShares’ ETF auf den MSCI EMU Paris-Aligned Climate, der einem MSCI-Regelwerk folgt und nach Angaben im Text mit etwa 1,57 Milliarden Euro Volumen ebenfalls sichtbar ist. Experten betonen in diesem Zusammenhang meist weniger die „Klimafähigkeit“ als die Konsequenz der Methodik: Je strenger und je regulatorisch dichter, desto stärker werden Renditepfade durch Indexlogik beeinflusst.
Der Renditeumschwung nach 2022 lässt sich dagegen weniger als reines Klimathema erklären. 2022 war ein Jahr, in dem die Europäische Zentralbank die Zinsen deutlich anhob, um die durch Russlands Angriff auf die Ukraine ausgelöste Energiekrise und die hohe Inflation zu bekämpfen. Steigende Zinsen treffen wachstumsorientierte Tech- und Industrie-Assets besonders hart, weil künftige Gewinne stärker abdiskontiert werden. In einem Fonds, der technologielastisch und zugleich fossile Energieanbieter per Regelwerk meidet, entstand ein doppelter Nachteil: Technologie litt überdurchschnittlich, während Öl- und Gaskonzerne von den Energiepreisschocks profitierten, ohne dass dieser Fonds die Gewinnerseite halten durfte.
Ab 2023 drehte sich das Umfeld. Die Zinserhöhungen liefen aus, die Inflation begann zu sinken, und Technologiewerte erholten sich deutlich. Zusätzlich wirkte die globale Euphorie rund um KI-Ökosysteme auch auf europäische Zulieferer, die über die Chip-Lieferkette profitieren konnten. Eine weitere Rolle spielte der Bankensektor: Im Fonds ist er mit rund 32 Prozent Gewicht die größte Einzelbranche, und 2025 galt er laut Marktbeobachtungen als eines der besten Jahre seit Jahrzehnten. Banken werden durch die Paris-Aligned-Ausschlüsse nicht herausgefiltert, während Energieausklammerung in einem fallenden Ölpreis-Umfeld nicht mehr als Bremse, sondern als „Neutralisierung“ weniger Problemfaktoren wirkte. So erklärt sich, warum die Kalenderjahresrenditen nicht nur nach Klima-Logik, sondern nach Makro-Rotation aussehen.
Die Klimakomponente hat gleichwohl Grenzen, die im Fondsprospekt-Umfeld häufig zu Missverständnissen führt. Kritiker der EU-Regeln argumentieren, die vorgeschriebene starre Dekarbonisierung von mindestens 7 Prozent pro Jahr könne rechnerisch auch durch reine Umschichtung innerhalb des Portfolios erreicht werden. Ob der konkrete 103-Titel-Korb tatsächlich mit dem 1,5-Grad-Pfad vereinbar ist, hängt daher nicht ausschließlich vom Index ab, sondern letztlich davon, ob die Unternehmen in der Realwirtschaft ihre Emissionen im Tempo reduzieren, das die Modellrechnung unterstellt. Für Anleger folgt daraus eine klare Erwartungskorrektur: „Paris-aligned“ ist eine regulatorisch verankerte Rechenmethodik, keine Renditegarantie und auch keine automatische Klimawirkungszusage im Sinne physischer Emissionspfade.
Auf Portfolioebene zeigen sich die Auswirkungen der Methodik: Die zehn größten Positionen erreichen zusammen rund 39,05 Prozent bei insgesamt 103 Titeln. Größte Position ist ASML mit 8,53 Prozent. Der Halbleiterausrüster ist zugleich ein Beispiel für die Paradoxien des Klimafilters: Seine Kernleistung gilt als energieintensiv, aber die Technologie gilt als entscheidend für effizientere Chips und damit für die technische Basis der Energiewende. Auf Platz zwei folgt Schneider Electric mit 4,28 Prozent, gefolgt von SAP mit 4,19 Prozent. Bei SAP kommt zudem ein regulatorischer Wettbewerbsvorteil hinzu: Berichten zufolge erhielt das Unternehmen die Einsatzerlaubnis, Verschlusssachen auf seiner Cloud Infrastructure zu verarbeiten. Genau diese Mischung aus IT- und Industrie-Schwergewichten, plus die Branchenverschiebung hin zu Finanzwerten (rund 31,72 Prozent) und Technologie (rund 19,03 Prozent), macht die Performance künftig besonders sensibel für Zinsen und Konjunkturerwartungen.
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