BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Mehrheit der Deutschen fordert, Europas wirtschaftliche Beziehungen stärker auf mehr Partnerländer zu verteilen. Die Civey-Umfrage im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung zeigt dafür einen sehr klaren Rückhalt: 85 Prozent stimmen zu, nur 5 Prozent lehnen die Aussage ab. Besonders wichtig sind Befragten dabei Energie, Arzneimittel und Verteidigungstechnologie. Gleichzeitig wird Zustimmung zur Idee „mehr Kosten jetzt“ deutlich gedämpft, sobald der Preis konkret wird.

Deutschland sieht sich bei Lieferketten, Energie und Schlüsseltechnologien zunehmend in einer „Zwei-Block“-Logik gefangen: zu stark an den USA und China gebunden, zu wenig an Alternativen angebunden. Wie Branchenexperten es einordnen, beschreibt die aktuelle Debatte weniger ein neues Problem als eine verschobene Prioritätensetzung. In einer repräsentativen Civey-Befragung im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung sprechen sich 85 Prozent dafür aus, dass Europa seine wirtschaftlichen Beziehungen breiter verteilt, um weniger abhängig von den USA und China zu sein. Nur 5 Prozent lehnen das ab, 10 Prozent bleiben unentschieden.
Bemerkenswert ist, dass die Zustimmung nicht abstrakt bleibt. Die Umfrage fragt zusätzlich, in welchen Bereichen mehr Unabhängigkeit besonders wichtig sei. Hier landet Energie mit 50 Prozent auf dem ersten Platz. Arzneimittel folgen mit 45 Prozent, wobei Mehrfachnennungen möglich waren. Verteidigungstechnologie nennen 40 Prozent; bei Halbleitern und Chips sehen 32 Prozent einen besonderen Bedarf. Auch Künstliche Intelligenz rutscht nicht vollständig aus dem Blick: Jeder Fünfte hält mehr europäische Unabhängigkeit bei KI für wichtig. Damit entsteht ein Bild, in dem Resilienz vor allem dort erwartet wird, wo Ausfälle unmittelbare gesellschaftliche und wirtschaftliche Folgen haben.
Technisch betrachtet ist genau diese Bereichsmischung eine Herausforderung für Politik und Unternehmen: Energie- und Medizinabhängigkeit lassen sich anders operationalisieren als Chip- oder KI-Kompetenz. Bei Energie geht es häufig um Kraftwerks- und Netzinfrastruktur, bei Arzneimitteln um Wirkstoffketten, Qualitätsregime und regulatorische Freigaben. Halbleiter benötigen dagegen Fertigungskapazitäten, Tooling und IP-Zulieferketten; KI wiederum hängt nicht nur von Rechenleistung ab, sondern auch von Datenzugängen, Modellwartung und Governance. Im Vergleich zeigt sich ein klarer Bias hin zu „kritischen Lieferketten“, während reine Handelsdiversifizierung ohne Produktions- und Prozessfähigkeit weniger Wirkung entfalten dürfte. Genau deshalb wird Diversifizierung oft als strategische Industriepolitik verstanden, nicht nur als Einkaufstaktik.
Markt- und Wettbewerbsseitig lohnt der Blick auf die bereits laufenden Fahrpläne anderer Akteure: Die USA treiben über Programme wie den CHIPS- und Science-Ansatz den Aufbau heimischer und verbündeter Halbleiter-Ökosysteme voran, während die EU parallel an Resilienzmaßnahmen in Energie, Industrie und Verteidigung arbeitet. China wiederum stabilisiert eigene Versorgungsketten über vertikale Integration und expansive Investitionen in Schlüsselkomponenten. Diversifizierung „zu mehr Partnern“ klingt damit wie die logische Fortsetzung früherer Lieferkettenrisiko-Strategien, steht aber im Wettbewerb zu großen, bereits subventionierten Kapazitätsprogrammen. Laut Branchenanalysten entsteht der Vorteil meist dort, wo Europa schneller Skalierung organisiert als reine Reaktionspolitik betreibt.
Die Umfrage zeigt allerdings auch eine Kostenrealität, die die Debatte um Unabhängigkeit politisch bremst. Auf die Aussage „Die Politik sollte kurzfristig höhere Kosten für Unternehmen und Verbraucher:innen in Kauf nehmen, damit Europa langfristig wirtschaftlich unabhängiger wird“ antworten 47 Prozent ganz oder eher zustimmend. 33 Prozent lehnen das ab; jeder Fünfte (20 Prozent) ist unentschieden. Das ist eine wichtige Differenz: Viele unterstützen Unabhängigkeit als Ziel, aber nicht als blanken Preis für Umstellungen. In den Worten eines Wirtschaftsexperten: „Resilienz ist nicht gratis—entscheidend ist, ob sie als Investition in Robustheit oder als Daueraufschlag wahrgenommen wird.“ Für Unternehmen bedeutet das: Business Cases müssen Lieferfähigkeit und Gesamtkosten transparent verbinden.
In der Praxis verschiebt sich damit die Frage von „Welche Länder?“ zu „Welche Fähigkeiten?“. Regulatorisch und datenschutzrechtlich gewinnt parallel die Umsetzung an Gewicht: Wenn KI-Entscheidungen künftig stärker europäisch gedacht werden, steigt der Bedarf an Governance-Prozessen, Compliance und Nachvollziehbarkeit über den gesamten Daten- und Modell-Lifecycle. Auch in den Bereichen Energie und Gesundheit berühren Diversifizierungsstrategien öffentliche Beschaffung, Zertifizierungen und Sicherheitsanforderungen. Historisch erinnert das an frühere Versuche, Abhängigkeiten zu reduzieren—etwa in der Energiepolitik nach Krisen oder in der Technologiepolitik nach Engpässen—nur dass diesmal die Erwartung an Geschwindigkeit und Gleichzeitigkeit höher ist. Der nächste Entwicklungsschritt wird davon abhängen, ob Investitionen in Fertigung, Beschaffung und Sicherheit als zusammenhängendes Programm statt als Einzelmaßnahme umgesetzt werden.
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