BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Dr. Conny Boersch erwartet schon bald Defense-IPOs und verknüpft das Momentum an der Drohnenfront mit der nächsten KI-Welle in Unternehmen. Er kritisiert, dass staatliche Finanzierung lange zu langsam und damit ineffektiv gewesen sei, und zeigt auf, wie schnell sich Anwendungen durch Jamming und Electronic Warfare ändern. Im Fokus steht dabei Destinus als Beispiel für eine neue Generation von Defense-Startups, die Tempo statt Bürokratie liefern will.

Defense-Drohnen, KI und neue Kapitalrunden: Boersch setzt auf Startups
Defense-Drohnen, KI und neue Kapitalrunden: Boersch setzt auf Startups (Foto: IT BOLTWISE)
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Panzer bleiben als Symbol politischer Stärke, aber technologisch kippt die Logik: In der aktuellen Runde um Defense-Startups sprechen Investoren zunehmend über Software, autonome Systeme und KI-gestützte Entscheidungsprozesse statt über reine Plattformen. Dr. Conny Boersch, der nach eigenen Angaben hunderte Firmen investiert und ein Dutzend an die Börse gebracht hat, verbindet den drohenden technologischen Durchbruch mit einem Kapitalfenster, das seiner Ansicht nach „erst noch“ aufgehen wird. Sein Ausgangspunkt ist die Beobachtung, dass die Drohnenfront nicht linear wächst, sondern sich durch Gegenmaßnahmen wie Electronic Warfare und Jamming in kurzen Zyklen weiterentwickelt.

Technisch betrachtet verschiebt sich damit die Architektur militärischer Wirkungsketten. Boersch argumentiert, dass die dominante Rolle weniger bei „einzelnen“ Plattformen liegt, sondern bei der Kombination aus Drohnen, KI und Gleitbomben – und zwar eingebettet in ein System, das auf Störungen reagiert. Im Gespräch wird die Realität besonders greifbar: Wenn die Überlebenslogik eines Panzers auf Minuten heruntergebrochen wird, gewinnt die Fähigkeit, Ziele zu finden, zu priorisieren und Ausweich- sowie Gegenmaßnahmen dynamisch zu orchestrieren. Genau dort berühren sich KI-Entwicklung, Sensordaten-Fusion und die Umsetzung in verlässliche, skalierbare Software-Stacks.

Im Marktbild steht für Boersch vor allem die Rolle von Startup-Geschwindigkeit gegen staatliche Trägheit. Er macht dafür eine strukturelle Zeitverschiebung verantwortlich: Selbst wenn Programme existieren, würden sie dem Bedarf oft hinterherlaufen, weil Freigaben und Gremien Prozesse in die Länge ziehen. Gleichzeitig verweist er auf einen anderen Rhythmus aus den USA, wo Firmen wie Anduril als Beispiel gelten, die Innovationen schneller in den Feldtest bringen. In Europa sieht er zwar „Neo-Primes“ wie Quantum oder Helsing und etwa Destinus, aber insgesamt bleibt der Innovationsdruck laut ihm zu fragmentiert. Seine Kernaussage: Ohne ein dauerhaftes Startup-Ökosystem fehlen die Teams, die Funktionen in kurzen Iterationen produktisieren.

Diese Marktlogik belegt Boersch mit einer konkreten Beteiligungs-These. Die Mountain Alliance ist demnach über Destinus eng mit einem Rheinmetall-Umfeld verbunden: Destinus baue Marschflugkörper für die Ukraine und liefere „2.000 Systeme pro Jahr“. Der Markt, so die Rechnung, sei entsprechend groß; die Ukraine plane 2026 mit sieben Millionen Drohnen und autonomen Kampfsystemen. Dazu passt seine Aussage, dass nach einem Krieg etwa die Hälfte der rund 500 Drohnenfirmen in Europa wieder verschwinden könnte – mit Ausnahmen für Firmen, die als „Neo-Primes“ eine robustere Produkt- und Lieferfähigkeit aufbauen. Interessant ist dabei auch der Wettbewerb der Paradigmen: Schwärme, Anti-Drohnen und elektronische Gegenmaßnahmen laufen nicht nebeneinander her, sondern überlappen sich technologisch.

Im technischen Vergleich wird die Abkehr von starren Einsatzkonzepten besonders klar. Boersch beschreibt eine „Killzone“, die nicht mehr fünf Kilometer, sondern bis zu 50 Kilometer breit gedacht werden müsse. Damit steigt der Anspruch an Distanzsensorik, Datenverarbeitung und Latenz: Eine Drohne, die früher vielleicht als Einzelsystem genügte, muss heute Teil einer koordinierten Schwarmstrategie sein. Für Logistik reichen Quadrocopter laut ihm „plötzlich nicht mehr“, weil sich die Anforderungen an Schutz, Funkrobustheit und Taktik verändern. Jamming und Electronic Warfare wirken hier wie ein starker Qualitätsfilter: Was in einem kontrollierten Test funktioniert, scheitert im Feld häufig an Funkstörungen, also braucht es KI-gestützte Resilienz in Planung und Steuerung.

Mit dieser Perspektive wird auch Boerschs Kapital-These nachvollziehbar: Wenn KI zum „dominierenden Faktor“ in der Verteidigung wird, verschieben sich Bewertungslogiken. Er verweist darauf, dass er Destinus mit der übernommenen Firma Daedalean in Verbindung bringt und nennt Daedalean als „größtes Google-AI-Defense-Spin-off“. Der historische Rückbezug soll einen Lernprozess markieren: Was anfangs als zu riskant oder „verrückt“ galt, sei heute für viele Marktteilnehmer greifbarer. Ergänzend sagt Boersch, die Finanzierung von Startups wie Quantum, Stark und ARX sei „zigfach überzeichnet“; solche Überzeichnungen deuten meist auf eine starke Nachfrage nach skalierbaren Defense-Software-Funktionen hin, nicht nur nach Hardware-Mengen.

Regulatorik und Sicherheit tauchen dabei als unterschätzter Teil der Story auf, auch wenn sie im Text nicht im Vordergrund stehen. Gerade bei KI-Systemen im Defense-Kontext treffen Datenschutz, Lieferkettenanforderungen und die Frage zusammen, wie Trainingsdaten und Sensordaten verarbeitet werden. Unternehmen müssen außerdem sicherstellen, dass Modelle nicht nur „genau“ wirken, sondern unter realen Störbedingungen stabil bleiben. Für die Praxis bedeutet das: Auditierbarkeit von Modellen, Zugriffskontrollen für Datenpipelines und ein belastbares Security-by-Design in der Deployment-Pipeline werden zum Wettbewerbsfaktor. Boerschs Kritik an staatlicher Geschwindigkeit lässt sich damit technisch ergänzen: Ohne moderne MLOps- und Security-Standards wird selbst die beste Idee schwer skalierbar.

Der Ausblick richtet sich daher weniger auf einzelne Schlagzeilen als auf eine Folge von Produktzyklen. Boersch prognostiziert, dass die Innovation gerade erst anfängt: „Defense-Software, KI, Robotics, neue Systeme“ – und sogar humanoide Robotik im militärischen Kontext. Für Entscheider bedeutet das, frühzeitig die richtige Schnittstelle zwischen KI-Entwicklung und operativer Beschaffung zu definieren. Gleichzeitig deutet er an, dass die großen Gelder aus dem „Zeitenwende-1-Paket“ erst zu einem Teil angekommen seien, nämlich bisher etwa 20 bis 25 Prozent. Wenn Kapital und Feldtests sich nun überlagern, könnten kurzfristig weitere Börsenwege entstehen: Er spricht explizit von baldigen Defense-IPOs. Für Entwickler und Investoren liegt die Chance dann in wiederverwendbaren KI-Komponenten, die mit neuen Anti-Drohnen-Strategien und elektronischen Gegenmaßnahmen Schritt halten.


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