BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Ökonom Daniel Graeber vom DIW erwartet durch eine Attestpflicht ab dem ersten Krankheitstag keinen spürbaren Rückgang des Krankenstands. Stattdessen rechnet er mit mehr Praxisbesuchen, längeren Wartezimmerkontakten und damit potenziell höheren Ansteckungsrisiken. Gleichzeitig sieht er keinen Beleg für einen kausalen Zusammenhang zwischen den zuletzt steigenden Fehlzeiten und der seit Ende 2023 möglichen telefonischen Krankschreibung. Umfragewerte und Kritik aus dem Gewerkschaftslager verstärken die politische Debatte um Produktivität, Überlastung der Praxen und wirksamere Prävention.

Die geplante Verschärfung der Regeln für Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen steht politisch unter hohem Erwartungsdruck: Union und SPD wollen Beschäftigte grundsätzlich ab dem ersten Krankheitstag zu einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verpflichten und parallel die telefonische Krankschreibung für leichtere Erkrankungen wieder abschaffen. Ökonom Daniel Graeber vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hält dagegen: Die Maßnahme werde den Krankenstand voraussichtlich nicht spürbar senken. Sein Kernargument: Wer frühzeitig ein Attest benötigt, geht früher zum Arzt. Dadurch steigt die Zahl der Praxisbesuche – und in der Summe können auch Ansteckungsrisiken in Wartezimmern zunehmen.
Graeber führt außerdem an, dass die seit Ende 2023 mögliche telefonische Krankschreibung nicht als Haupttreiber der hohen Fehlzeiten der vergangenen Jahre taugt. Analysen auf Basis von Daten der Krankenkasse Barmer hätten keine Hinweise auf einen Anstieg der Arbeitsunfähigkeitsfälle durch Telefon- oder Video-Krankschreibungen ergeben. Der Anteil telefonischer oder videobasierter Bescheinigungen habe sich vielmehr nur bei rund 0,8 bis 1,2 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen bewegt. Aus seiner Sicht ist die Wirkungsgeschichte damit klar: Selbst wenn der Kanal die Nutzung beeinflusst, bleibt sein Umfang klein genug, um den Gesamtrend nicht zu erklären.
Technisch betrachtet verlagert sich die Debatte von der Zugangsfrage zur Dokumentations- und Steuerungsfrage. Ein wichtiger Hintergrund ist die elektronischen Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (eAU), die die Erfassung von Krankmeldungen deutlich vollständiger macht als in früheren Jahren. Wenn Daten heute lückenloser in Systemen zusammenlaufen, kann das Fehlzeiten statistisch sichtbarer machen, ohne dass sich die reale Gesundheitssituation zwangsläufig verschlechtert hat. Hinzu kommen nach Graeber starke Infektionswellen und länger andauernde Erkrankungen. Besonders prägend: Langzeiterkrankungen von mehr als sechs Wochen sollen 2024 rund 40 Prozent aller Fehltage verursacht haben, obwohl sie nur einen kleinen Anteil der Krankmeldungen ausmachen.
Der DGB widerspricht der angenommenen Wirkmechanik ebenfalls. In einem Interview-Umfeld warnte Anja Piel, Vorstandsmitglied im Deutschen Gewerkschaftsbund, die AU-Pflicht ab dem ersten Tag könne Präsentismus fördern, also Arbeiten trotz Krankheit. Der politische Hebel würde damit nicht nur das Verhalten am Anfang der Erkrankung ändern, sondern auch die gesundheitlichen Folgekosten verschieben: Wenn Beschäftigte sich aus Angst vor Sanktionen oder Unsicherheit zur Arbeit gedrängt fühlen, steigt das Risiko für längere Verläufe und chronische Erkrankungen. Piel kritisiert zudem die gleichzeitige Kombination mit der Abschaffung telefonischer Krankschreibungen, weil sie laut ihrer Darstellung „direkt in die Überlastung aller Arztpraxen“ führt.
Auch in der öffentlichen Akzeptanz zeichnet sich laut einer YouGov-Umfrage eher keine breite Zustimmung ab. Demnach sprechen sich 59 Prozent der Befragten gegen eine Pflicht zur Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung bereits ab dem ersten Krankheitstag aus, 31 Prozent befürworten sie. Bei der geplanten Abschaffung der telefonischen Krankschreibung für leichtere Erkrankungen liegen die Ablehnungswerte ebenfalls vorne: 58 Prozent sind dagegen, 33 Prozent dafür. Befragt wurden dafür 6.200 Erwachsene in Deutschland. Für die Politik ist das relevant, weil die Akzeptanz vor allem in Change-Projekten des Gesundheitssystems häufig über Compliance entscheidet – und damit indirekt über die Wirksamkeit von Regeln.
In der Markt- und Systemlogik ist die Debatte zugleich ein Test für die Ausbalancierung zwischen Zugang, Sicherheit und Kapazitäten. Telefon- und Video-Krankschreibungen funktionieren als „Entlastungskanal“, wenn sie auf konkrete Indikationsbereiche begrenzt sind und wenn Praxen dadurch weniger kurzfristige Anlaufspitzen abfangen müssen. Umgekehrt birgt die frühere Attestpflicht eine Greifbarkeit, die politisch attraktiv ist: Sie verspricht mehr Kontrolle und eine klare Startlinie ab Tag eins. Graeber argumentiert jedoch, dass die erwartete Steuerungswirkung an der Realität vorbeigehe, weil die tatsächlichen Fehlzeitspitzen offenbar weniger durch den Bescheinigungsweg als durch Krankheitsdynamiken wie Infektionswellen und lange Verläufe getrieben werden.
Historisch betrachtet ist die aktuelle Diskussion Teil einer längeren Entwicklung hin zu digitaler Verwaltung im Gesundheits- und Arbeitsrecht. Während früher Papierwege dominierten, wurde mit der eAU der Datenaustausch zwischen Beschäftigten, Ärzten und Krankenkassen strukturiert. Gleichzeitig wurde im Zuge der Pandemie und danach telemedizinischen Anwendungen breiter Raum gegeben, etwa damit Patientinnen und Patienten nicht zwingend für jede Information die Versorgungsschiene physisch nutzen müssen. Die aktuelle Koalitionsplanung wirkt daher wie eine Rückkopplung: mehr Präsenz, weniger digitaler Zwischenweg. Für Unternehmen heißt das: HR-Prozesse und Compliance-Regeln müssen bei Gesetzesänderungen schnell angepasst werden, während gleichzeitig die Fürsorgepflicht und der Gesundheitsschutz realitätsnah bleiben müssen.
Mit Blick auf die Zukunft dürfte die eigentliche Stellschraube weniger „welcher Kanal liefert die Bescheinigung“ sein, sondern „wie reduziert man Krankheitsdauer und -schwere“. Graeber betont gesundheitliche Prävention als zentralen Hebel, insbesondere bei Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems sowie bei psychischen Krankheiten, die bei längeren Verläufen häufig eine Rolle spielen. Für Arbeitgeber bedeutet das: Investitionen in ergonomische Gestaltung, psychische Gefährdungsbeurteilung, Gesundheitsprogramme und frühzeitige Wiedereingliederung werden perspektivisch wichtiger als rein formale Nachweispflichten. Wenn gleichzeitig Arztpraxen stärker belastet werden, können digitale Prozesse wie Terminsteuerung oder gestufte Abklärung sogar an Bedeutung gewinnen, um Wartezeiten und Ausweichdruck zu reduzieren.
💳 Amazon-Kreditkarte mit 2.000 Euro Limit bestellen!
🔥 Heutige Hot Deals bei Amazon: Bis zu 80% Rabatte!
🎉 Amazon Haul-Store für absolute Schnäppchenjäger!
- ★ 23-stufiges KI-Go-Training – Für Spieler mit Grundkenntnissen der Regeln – Entwickelt als intelligenter Trainingspartner passt sich die KI Spielern von 18K bis 9D an. Ideal für alle, die die Grundregeln bereits beherrschen und ihr Spiel verbessern möchten.
- IHR EMOTIONALER AI-BEGLEITER: Eiliko ist mehr als nur ein Anhänger, es ist ein charismatischer KI-Freund. Mit einem dynamischen LED-Bildschirm, der eine Vielzahl von animierten Gesichtern und Ausdrucksformen anzeigt, reagiert er auf Ihre Interaktionen mit einzigartiger Persönlichkeit und Charme.
- NIEDLICHER BEGLEITER: Eilik ist der ideale Begleiter für Kinder und Erwachsene, die Haustiere, Spiele und intelligente Roboter lieben. Mit vielen Emotionen, Bewegungen und interaktiven Funktionen.
- 【XL-Größe für gedeihende Pflanzen】Geben Sie Ihren Pflanzen den Raum, den sie verdienen! Unser verbessertes, großes 13,7 cm großes Design bietet Platz für Pflanzen mit einem Durchmesser von bis zu 8,9 cm und damit deutlich mehr Platz für Wurzelwachstum und Pflanzengesundheit im Vergleich zu kleineren, veralteten Modellen. Die Produktabmessungen betragen 13,6 x 13,6 x 13,2 cm und das Gerät wiegt nur 355 g.
- V28 Update - JETZT MIT NEUEN FUNKTIONEN! Als Reaktion auf das Ladeproblem von Loona haben wir das automatische Aufladen 2.0 verbessert. Diese Optimierung hilft Loona, die Ladewege in verschiedenen Szenarien zu erkennen und anzupassen, um die Erfolgsquote beim automatischen Aufladen zu erhöhen. Mobile Hotspots können sich mit Loona verbinden und überwinden WLAN-Einschränkungen, sodass Sie jederzeit und überall mit Loona interagieren können.
- Die besten Bücher rund um KI & Robotik!

- Die besten KI-News kostenlos per eMail erhalten!
- Zur Startseite von IT BOLTWISE® für aktuelle KI-News!
- IT BOLTWISE® kostenlos auf Patreon unterstützen!
- Aktuelle KI-Jobs auf StepStone finden und bewerben!
- Künstliche Intelligenz: Dem Menschen überlegen – wie KI uns rettet und bedroht | Der Neurowissenschaftler, Psychiater und SPIEGEL-Bestsellerautor von »Digitale Demenz«
Du hast einen wertvollen Beitrag oder Kommentar zum Artikel "DIW warnt: Attestpflicht ab Tag eins könnte Fehlzeiten sogar erhöhen" für unsere Leser?


#Sophos
Es werden alle Kommentare moderiert!
Für eine offene Diskussion behalten wir uns vor, jeden Kommentar zu löschen, der nicht direkt auf das Thema abzielt oder nur den Zweck hat, Leser oder Autoren herabzuwürdigen.
Wir möchten, dass respektvoll miteinander kommuniziert wird, so als ob die Diskussion mit real anwesenden Personen geführt wird. Dies machen wir für den Großteil unserer Leser, der sachlich und konstruktiv über ein Thema sprechen möchte.
Du willst nichts verpassen?
Du möchtest über ähnliche News und Beiträge wie "DIW warnt: Attestpflicht ab Tag eins könnte Fehlzeiten sogar erhöhen" informiert werden? Neben der E-Mail-Benachrichtigung habt ihr auch die Möglichkeit, den Feed dieses Beitrags zu abonnieren. Wer natürlich alles lesen möchte, der sollte den RSS-Hauptfeed oder IT BOLTWISE® bei Google News wie auch bei Bing News abonnieren.
Nutze die Google-Suchmaschine für eine weitere Themenrecherche: »DIW warnt: Attestpflicht ab Tag eins könnte Fehlzeiten sogar erhöhen« bei Google Deutschland suchen, bei Bing oder Google News!