LONDON (IT BOLTWISE) – Bitwise-CIO Matt Hougan erwartet für den nächsten Krypto-Bullenmarkt einen langsameren, weniger volatilen Verlauf. Statt reiner Krypto-Spekulation rücken Stablecoins und die Tokenisierung realer Vermögenswerte stärker in den Fokus. Gleichzeitig zieht KI als Anlage- und Infrastrukturthema Aufmerksamkeit ab, was das Kursbild kurzfristig dämpfen dürfte. Langfristig bleibt Hougan dennoch optimistisch: Bitcoin soll seiner Einschätzung nach in zehn Jahren die Marke von 1 Million US-Dollar übertreffen.

Der nächste Krypto-Zyklus dürfte nach Einschätzung von Bitwise-CIO Matt Hougan weniger nach „Adrenalin“ aussehen als frühere Bullruns. Hougan geht davon aus, dass der kommende Aufschwung insgesamt langsamer und mit geringerer Volatilität einhergeht als in den Zyklen, die Anleger in der Vergangenheit besonders stark von Liquiditätswellen und schnellen Kursausschlägen geprägt haben. Wichtig ist dabei: Das ist keine Absage an Bitcoin oder digitale Assets, sondern eine Prognose zur veränderten Marktstruktur. Der Markt verschiebt sich weg von kurzfristiger Euphorie hin zu kapitalintensiveren, institutionelleren Strategien.
Für Unternehmen und CIOs ist die Kernfrage weniger „Ob“ Krypto wieder anzieht, sondern „Wie“ sich die Preisfindung verändert. Wenn institutionelle Akteure in unsicheren Phasen häufiger auf Asset-Mechaniken setzen, die planbarer wirken, verschiebt sich die Nachfrage: weniger Zukauf aus dem Retail-Hype, mehr Fokus auf Instrumente, die Stabilität versprechen. Genau hier verortet Hougan einen relevanten Bremsfaktor. Neben Bitcoin und klassischen Krypto-Investmentthesen gewinnen Stablecoins sowie die Tokenisierung realer Vermögenswerte an Attraktivität. Damit werden Teile des Kapitals aus dem früher stark von Kryptowährungen dominierten Aufmerksamkeitsraum in stabilere bzw. Anders strukturierte Märkte umgeleitet.
Der Stablecoin-Markt liefert dafür auch belastbare Größenordnungen. Wie CoinDesk berichtet, erreichte der Gesamtwert von Stablecoins im Mai 2026 einen Allzeithöchststand von 322 Milliarden US-Dollar. Das ist bemerkenswert im Vergleich zu klassischen Währungspuffern: Der Wert entspreche mehr als den Devisenreserven von 95 Ländern weltweit. Gleichzeitig lassen sich daraus zwei Schlussfolgerungen ableiten. Erstens: Stablecoins fungieren zunehmend als „Infrastrukturkapital“ für Handel, Abwicklung und Tokenisierung. Zweitens: Wenn diese Liquidität strukturell wächst, verändert sich die Zusammensetzung dessen, was den Markt treibt – nicht zwingend im Sinne einer Krypto-„Abkehr“, aber im Sinne einer anderen Nachfragekurve.
Auch die Geschwindigkeit des Wachstums wird von der Investmentbank Citi adressiert. In der vorliegenden Argumentation heißt es, Citi sehe im optimistischen Szenario bis 2030 Werte von bis zu vier Billionen US-Dollar für den Stablecoin-Gesamtbestand, während das Basisszenario bei 1, 9 Billionen US-Dollar liege. Diese Bandbreite ist für Entscheider relevant, weil sie unterschiedliche Investitionszyklen in Wallets, Custody, Compliance-Workflows und Abwicklungsplattformen erzwingt. Technisch betrachtet profitieren Tokenisierungs- und Stablecoin-Ökosysteme häufig von standardisierten Schnittstellen, besseren Liquiditätsmechanismen und reiferen Betriebsprozessen – während reine „Price-Chasing“-Strategien öfter an ihre Grenzen kommen, sobald die Marktbreite fehlt.
Hougan koppelt die veränderte Anlegeraufmerksamkeit außerdem an den Aufstieg von KI als Investitionsthema. In seiner Darstellung konkurriert KI in manchen Portfolios um Budgets, Talent und Risikokapital – und entzieht dadurch kurzfristig einem Teil der Krypto-Story die mediale und kapitalmarktseitige Priorität. Daraus folgt kein Nullsummenspiel, aber eine zeitliche Staffelung: Während Krypto weiterhin als Option für Rendite und Hedge diskutiert wird, werden manche Kapitalflüsse zunächst in KI-nahe Infrastrukturen, Datenplattformen und KI-gestützte Automatisierung gelenkt. Das hat indirekte Auswirkungen auf Volatilität und Korrelationen, weil sich die „Reaktionsmuster“ verschiedener Investorengruppen verändern.
Der Kontext für Hougans These wirkt dabei weniger wie eine Momentaufnahme. Bereits im November 2025 beschrieb er laut Bericht bei CNBC eine stark erschöpfte Stimmung im Retail-Segment, nachdem es über Monate zu Liquidationen, Leverage-Ausfällen und einem Rückgang euphorischer Erwartungshaltungen gekommen war. Zugleich sei Bitwise nach eigenen Angaben weiterhin kontinuierliche Zuflüsse von professionellen Investoren verzeichnet worden. Genau diese Zweiteilung – erschöpftes Retail-Publikum versus eher stabil investierte Institutionen – ist für Hougan der strukturelle Hintergrund. Ein Markt, der weniger von stark schwankenden Privatanleger-Inputs und mehr von institutionellen Dauerallokationen lebt, tendiert dazu, Kursanstiege gradueller verlaufen zu lassen.
Für die technische Einordnung lohnt ein Blick darauf, warum Stablecoins und Tokenisierung in Unternehmen derzeit stärker in standardisierte „Operating Models“ übergehen. Stablecoins lassen sich als Abwicklungs- und Abrechnungskomponente betrachten, ähnlich wie man früher Cash-Management über Banken optimiert hat: Konsistenz, Auditierbarkeit und nachvollziehbare Transaktionsketten zählen. Tokenisierte Realvermögen erweitern dieses Prinzip um programmierbare Rechte und Zuständigkeiten, was wiederum Compliance- und Sicherheitsarchitekturen in den Fokus rückt. Aus KI-Sicht ist die Parallele: Während KI-Modelle häufig durch Training und Monitoring operationalisiert werden, benötigen digitale Vermögenswerte ebenfalls „Betriebsreife“ – also Überwachung, Incident-Response und Risikokontrollen. Diese Betriebsdimension kann kurzfristig den Hype dämpfen, aber langfristig Marktnachhaltigkeit erhöhen.
Der Zeitplan für den „Start“ des nächsten Zyklus bleibt Hougan bewusst offen. Entscheidend ist jedoch die Richtung seiner Erwartung: weniger Volatilität bedeutet nicht automatisch geringere Renditechancen, aber es reduziert das klassische Retail-getriebene „Spike“-Verhalten. Technisch und marktdynamisch könnte das heißen, dass Liquidität stärker über Rebalancing-Mechanismen und institutionelle Zuteilungen entsteht – und weniger über plötzliche Retail-Wellen. Für Marktteilnehmer ist das eine andere Erwartungsverwaltung: Risikomodelle, Hedging-Strategien und Portfolio-Tracking müssen stärker auf „Bandbreiten“ statt auf „Ausbrüche“ eingestellt werden. Genau hier entstehen neue Spielräume für mittelgroße Teams, die Operational Excellence in Krypto-Produkten aufbauen.
Trotz gedämpfter Kurzfristerwartung bleibt Hougan ein überzeugter Bitcoin-Bulle. Wie CoinDesk berichtet, bekräftigte er im selben Interview seine Langfristprognose, dass Bitcoin innerhalb der nächsten zehn Jahre die Marke von einer Million US-Dollar überschreiten werde. In seiner Logik ist das mit einem ruhigeren Bullrun vereinbar: Ein graduellerer Preispfad kann die Voraussetzung für eine strukturell reifere Marktentwicklung sein, in der institutionelle Dauerinvestoren dominieren statt retail-getriebenes Spekulationskapital. Für die Industrie bedeutet das: Entwickler-Teams sollten nicht nur auf Trading-Usercases fokussieren, sondern stärker auf Infrastruktur – Custody, Tokenisierung, Compliance-Automation und Security-by-Design. Wenn sich Krypto künftig stärker wie ein reguliertes Finanz-Ökosystem verhält, steigen die Chancen für nachhaltige Produktumsätze.
Langfristig zeichnet sich damit ein klarer „Roadmap“-Effekt ab: Je mehr Kapital in Stablecoins und tokenisierte Realvermögen fließt, desto stärker werden Nachfrage und Wettbewerb entlang der Infrastrukturkomponenten. Das betrifft Wallet- und Custody-Design, Orchestrierungs- und Abwicklungslogik, aber auch die Fähigkeit, Risiken in Echtzeit zu überwachen. KI kann dabei doppelt wirken: als Konkurrenz um Aufmerksamkeit kurzfristig, aber auch als Enabler für Betrugsprävention, Anomalie-Erkennung und präzisere Risikosteuerung in Krypto-Workflows. Regulatorisch bleibt die Frage, wie Stablecoin-Regime, Transparenzpflichten und Datenschutz-Anforderungen operativ umgesetzt werden. Wer solche Anforderungen früh in Architektur und Prozesse integriert, dürfte in einem weniger volatilen, institutionell geprägten Marktumfeld die besseren Startvorteile haben.
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