HEIDELBERG / LONDON (IT BOLTWISE) – blue activity baut seinen Fokus auf mikrobieller Wasserbehandlung in industriellen Verdunstungskühlsystemen weiter aus und bekommt dafür zuletzt 8, 5 Millionen Euro frisches Kapital. Das CleanTech überwacht dabei zentrale Kühlwasser-KPIs wie Biofilm, Scaling, Korrosion und Füllstand über ein Echtzeit-Dashboard. Damit will das Startup die Produktentwicklung beschleunigen und die kommerziellen Aktivitäten in europäischen Industriemärkten skalieren. Entscheidend ist: Es ersetzt chemische Biozide durch Mikroorganismen – ein Ansatz, der in einem regulierten Umfeld besonders präzise validiert werden muss.

Blue activity: 8, 5 Millionen Euro für mikrobielles Biozid-Substitut im Kühlwasser
Blue activity: 8, 5 Millionen Euro für mikrobielles Biozid-Substitut im Kühlwasser (Foto: IT BOLTWISE)
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blue activity aus Heidelberg steht exemplarisch für die nächste Welle von CleanTech-Startups: weniger „mehr Chemie, nur effizienter“, sondern ein Wechsel der Behandlungsmethode im industriellen Kreislauf. Das Unternehmen entwickelt eine nachhaltige Behandlung von Kühlwasser in industriellen Verdunstungskühlsystemen, indem es chemische Biozide durch Mikroorganismen ersetzt. Laut Interview-Stand sind zuletzt 8, 5 Millionen Euro in das Unternehmen geflossen, um Produktentwicklung und Marktbetrieb in Europa zu beschleunigen. Mit zehn Mitarbeitenden und einem bereits siebenstelligen Umsatz ist die Story weniger „Pilot-Fantasie“, sondern der Versuch, in der harten Realität kontinuierlicher Anlagenwartung zu bestehen.

Technisch greift blue activity ein Problem an, das in der Betriebspraxis schnell teuer wird: Biofilm, Scaling und Korrosion entstehen, wenn sich im Kühlwasserkreislauf unerwünschte Beläge und chemische Reaktionspfade ausbilden. Der Ansatz zielt darauf, anstelle klassischer Biozide Mikroorganismen so einzusetzen, dass das Kühlwasser natürlicher gereinigt wird und weniger schädliche Stoffe in Flüsse und Böden gelangen. Das dazugehörige „Echtzeit-Monitoring-Dashboard“ verfolgt dabei mehrere KPIs, die in der Instandhaltung sonst verteilt in Protokollen, Sensoren und Laborproben landen. In der Praxis bedeutet das: Entscheidungen können schneller aus dem Betrieb abgeleitet werden, nicht erst nach der Auswertung von Messreihen.

Der Vergleich zu etablierten Alternativen zeigt, warum Timing und Skalierung hier so anspruchsvoll sind. Große Chemie- und Wasserbehandlungsunternehmen setzen traditionell auf Chemikalienkataloge, Dosierlogik und Validierungsprozesse, die auf langjährigen Datensätzen beruhen. Blue activity positioniert sich anders: Es geht um eine biologische Komponente, die sich im Anlagenkontext dynamisch verhält. Genau deshalb ist das Zusammenspiel aus Produktreife und Betriebssicherheit zentral. Nach rund fünf Jahren wurde die Technologie zudem vom VDI als zukunftsweisend anerkannt – ein Signal, dass der Ansatz nicht nur technisch plausibel, sondern auch industriekompatibel diskutierbar ist. Für Entscheider zählt dabei vor allem, ob die Lösung planbar wirkt, wenn sich Wasserqualität, Lastprofile und Betriebsbedingungen ändern.

Marktseitig liefert die Finanzierung eine klare Blaupause für die Go-to-Market-Strategie: 8, 5 Millionen Euro von Investoren wie Wind Capital (Paris), Venture Stars (München) und Angel Invest (Berlin) sollen die Entwicklungstakte erhöhen und die kommerziellen Aktivitäten in europäischen Industriemärkten ausbauen. Der Zeithorizont ist nicht zufällig: In vielen Branchen ist Wasser als Betriebsressource gleichzeitig Kosten- und Compliance-Thema, während parallele Nachhaltigkeitsanforderungen in Beschaffungsprozessen härter werden. Branchenberichte deuten darauf hin, dass sich die Kaufentscheidung in solchen Umgebungen zunehmend an messbaren Umwelt- und Betriebskennzahlen orientiert. Das verschiebt den Wettbewerb von „Behauptungen zur Nachhaltigkeit“ hin zu nachweisbaren Effekten in den Anlagen – und genau hier kann ein Monitoring-Dashboard als Vertrauensanker wirken.

Historisch ist der Versuch, Biozidlast zu reduzieren, keineswegs neu. In Kühlsystemen wurden über Jahrzehnte verschiedene Wege verfolgt: von physikalischen Verfahren bis zu biobasierten oder kombinierten Konzepten. Der Unterschied zu vielen früheren Ansätzen liegt oft im Engineering rund um die Stabilität im Feld. Mikroorganismen müssen in einer realen Anlage mit Schwankungen bei Temperatur, Durchfluss und Wasserchemie zurechtkommen; zugleich dürfen Prozesse wie Korrosionsschutz und Fouling-Kontrolle nicht kollabieren. Dass blue activity einen Umsatzsprung von 60.000 Euro im ersten Jahr auf einen siebenstelligen Betrag geschafft hat, spricht dafür, dass das Produkt nicht nur im Labor, sondern in Kundenbetrieben belastbar ist. Gleichzeitig zeigt die Rückschau, dass Wachstum anfangs schneller lief als Produktreife: ein typisches, aber riskantes Muster in B2B-Deep-Tech.

Auch aus regulatorischer Perspektive wird der Unterschied zwischen „Technologieversprechen“ und „zugelassene Betriebspraxis“ besonders deutlich. Wasserbehandlung ist in der EU eng mit Umwelt- und Wasserrecht verknüpft; zusätzlich spielen stoffbezogene Anforderungen aus dem Chemikalienumfeld und die Nachweisführung zur Wirkung im Betrieb eine Rolle. Insofern ist das Echtzeit-Monitoring nicht nur ein Komfort-Feature, sondern potenziell ein Baustein für Auditierbarkeit: Wenn KPIs wie Biofilm, Scaling und Korrosion konsistent erfasst und nachvollziehbar sind, kann das bei Genehmigungs- und Dokumentationsprozessen helfen. Ergänzend gilt: Auch ohne unmittelbaren Fokus auf personenbezogene Daten sollte das System so designt sein, dass Betriebs- und Anlagedaten sicher übertragen, gespeichert und vor unbefugtem Zugriff geschützt werden.

Für die Skalierung im Enterprise-Umfeld braucht es mehr als Produkt und Geld: Es geht um Service-Modelle, Onboarding und die Fähigkeit, Anlagen schnell in den „stabilen Zustand“ zu begleiten. Die Entscheidung, das Team in Richtung 13 bis 15 Mitarbeitende auszubauen und den Umsatz auf 3 Millionen Euro in einem Jahr zu steigern, deutet darauf hin, dass blue activity Kapazitäten für Produktentwicklung und kommerzielle Umsetzung bündeln will. Genau hier trennt sich in der Praxis häufig die Spreu vom Weizen: Während ein Pilot oft gut funktioniert, muss das Setup in vielen unterschiedlichen Anlagenkonfigurationen wiederholbar sein. Marktbeobachter rechnen in solchen Märkten damit, dass sich Gewinner vor allem über Prozessrobustheit, Support-Qualität und messbare Wirkung differenzieren.

Der wichtigste Ausblick für die Branche: Wer Mikroorganismen als Biozid-Substitut nutzt, muss die Betriebsschnittstelle genauso ernst nehmen wie die Biologie selbst. In den nächsten Monaten dürfte blue activity deshalb stärker in die Kombination aus Anlagenrealität und datengetriebener Steuerung investieren – insbesondere, um Monitoring-Signale direkt in Betriebsentscheidungen zu übersetzen. Für Entwickler und Systemintegratoren eröffnen sich daraus konkrete Chancen: Integrationen in Monitoring-Landschaften, Datenmodelle für KPIs, automatisierte Plausibilitätschecks und sichere Deployment-Prozesse werden wichtiger, je größer die Zahl der Anlagen steigt. Wenn der Ansatz gelingt, könnten Kühlsysteme mittelfristig stärker auf messbare Umweltwirkungen statt auf pauschale Chemiedosierung ausgerichtet werden – ein Trend, der in der Industrie ohnehin beschleunigt.


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