WIEN / HEIDENHEIM / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein Konsortium aus Buzzi-Dyckerhoff, Heidelberg Materials, Schwenk und Vicat treibt mit einer Pure-Oxyfuel-Pilotanlage den Zementklinker-Anteil Richtung CO2-Reduktion. Die Anlage startet bereits im Testbetrieb und soll täglich bis zu 450 Tonnen Klinker erzeugen, während das CO2 aus dem Brennvorgang weitgehend isoliert wird. Parallel zeigt PORR beim Schulbau in Wien, wie CEM-II/C mit Recyclingzuschlägen in reale Bauvorhaben übersetzt wird. Ergänzend entwickelt Fraunhofer im Projekt „Grüner Kalk“ einen Membranreaktor, der CO2 mithilfe von grünem Wasserstoff in Kreislaufpfade überführt.

Pure-Oxyfuel & grüner Kalk: 120 Millionen Euro für emissionsarmen Zement
Pure-Oxyfuel & grüner Kalk: 120 Millionen Euro für emissionsarmen Zement (Foto: IT BOLTWISE)
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Zement und Beton stehen politisch und ökonomisch unter Druck: Für einen großen Teil der Industrie-Emissionen ist der Brennprozess beim Klinkerbau verantwortlich, der im Kern prozessbedingt CO2 freisetzt. Vor diesem Hintergrund setzt das Zusammenspiel aus Bauprojekten, Pilotanlagen und angewandter Forschung darauf, die Emissionen schrittweise zu senken, bevor die regulatorischen Anforderungen ab 2027 härter werden. Ein besonders konkretes Signal kommt dabei gleich von mehreren Baustellen: Während in Wien emissionsärmerer Beton in einem Schulbauprojekt in großen Volumina verarbeitet wird, startet in Heidenheim-Mergelstetten eine weltweit erste Pilotanlage für Pure-Oxyfuel – und damit eine Technologie mit direktem Hebel auf den Brennausstoß.

Auf der Anwendungsseite zeigt PORR, wie sich weniger CO2 rechnerisch und praktisch in die Baukette einpassen lässt. Für den Schulbau Seestadt Aspern in Wien sollen bis September 2028 rund 36.000 Kubikmeter Beton auf Basis der Zementsorte CEM II/C verbaut werden. Nach Unternehmensangaben spart das rund 4.200 Tonnen CO2-Äquivalente gegenüber einer Referenzlösung. Entscheidend ist dabei nicht nur die Zementwahl, sondern auch das Rezept: Branchenkennzahlen aus dem Jahr 2025 deuten darauf hin, dass CEM II/C mit Recyclingzuschlägen pro Tonne etwa 377 Kilogramm CO2 verursacht – rund 25 Prozent weniger als ein österreichischer Durchschnittswert für Zement aus 2020. Der Markt-Test auf dem Bau liefert damit belastbare Daten für spätere Ausschreibungen.

Im technischen Zentrum steht jedoch die Frage, wie sich das prozessbedingte CO2 beim Klinkerbrennen selbst besser beherrschen lässt. Hier setzt Pure-Oxyfuel an: Ein Konsortium aus Buzzi-Dyckerhoff, Heidelberg Materials, Schwenk und Vicat hat in Heidenheim-Mergelstetten eine Pilotanlage in Betrieb genommen, die bereits seit dem Frühjahr im Testbetrieb läuft. Die Investition liegt bei rund 120 Millionen Euro; die Anlage produziert dabei bis zu 450 Tonnen Klinker pro Tag. Das Verfahren zielt darauf, den CO2-Ausstoß beim Brennvorgang fast vollständig zu vermeiden, indem entstehendes Kohlendioxid isoliert und anschließend für spätere Nutzung oder Lagerung aufbereitet wird. Damit rückt die Technik von „weniger intensiv“ hin zu „anders chemisch/prozessual“.

Ein technischer Vergleich macht den Unterschied zu herkömmlichen Effizienzprogrammen deutlich: Beim klassischen Ansatz wird häufig über Rohstoffanpassungen, Brennoptimierung oder Beimischungen der CO2-Fußabdruck reduziert. Pure-Oxyfuel versucht dagegen, die Emissionen räumlich und stofflich zu entkoppeln – und bietet dadurch einen Pfad zu höherer Planbarkeit, sobald die Abscheidung und Nachbehandlung industrialisiert sind. Parallel bleibt jedoch die Frage, wie zuverlässig die Prozessstabilität über lange Betriebszyklen bleibt und wie sich Energie- und Anlagenverfügbarkeiten in die tatsächlichen Lebenszykluskosten übersetzen. In der Praxis werden solche Pilotphasen oft daran gemessen, ob sie über Demonstrationsvolumina hinaus skalieren können, ohne dass Emissionsminderungen durch zusätzliche Aufwände „aufgefressen“ werden.

Der Marktkontext ist dabei anspruchsvoll: Europas Zement- und Betonbranche steht gleichzeitig vor steigenden CO2-Kosten, strengeren ESG-Anforderungen und dem Bedarf, Bauprojekte termingerecht und bezahlbar zu liefern. Für Unternehmen ist diese Gemengelage ein Timing-Thema. Wer auf reine „End-of-Pipe“-Nachrüstung setzt, muss mit kurzfristigen Regeländerungen rechnen; wer nur auf Rezeptoptimierung setzt, stößt bei hohen Einsparzielen schneller an Grenzen. Gleichzeitig konkurrieren mehrere Technologiepfade miteinander: Während CEM-II/C-Varianten den schnelleren Implementierungskanal darstellen, adressieren Oxyfuel- und verwandte Carbon-Capture-Konzepte die grundsätzliche Emissionsentstehung. Branchenanalysen ordnen diese Phase deshalb als Übergang ein: erst Skalierung von Pilotwissen, dann breite Umsetzungswellen in Serienanlagen und in Vergabeverfahren.

Auch die Forschung arbeitet an einer zweiten Kreislauflösung, die über die reine Abscheidung hinausgeht. Das Fraunhofer-Institut für Keramische Technologien und Systeme (IKTS) entwickelt im Projekt „Grüner Kalk“ einen Membranreaktor, der CO2 aus dem Kalkbrennen über den Einsatz von grünem Wasserstoff in Methan umwandeln soll. In einem weiteren Schritt wird das Methan per Pyrolyse in Wasserstoff und festen Kohlenstoff (Carbon Black) zerlegt. Der gewonnene Wasserstoff fließt zurück in den Produktionskreislauf. Perspektivisch soll dieser Pfad nicht nur einzelne Prozessschritte verbessern, sondern auch in der Zementindustrie Emissionen senken. Hier ist die regulatorische und energiepolitische Dimension besonders spürbar: Die Wirksamkeit hängt stark davon ab, wie „grün“ der eingesetzte Wasserstoff tatsächlich bilanziert wird und wie effizient die Gesamtkette arbeitet.

Unternehmensseitig verschiebt sich damit der Fokus in Richtung integrierter Dekarbonisierung: Wer CO2 reduziert, muss die Wirkung in Ausschreibungen, Beschaffungsprozessen und Monitoring-Systemen abbilden können. Das bedeutet in der Umsetzung meist mehr als nur eine Rezepturänderung oder den Bau einer Pilotanlage. Es braucht belastbare CO2-Bilanz-Logik, klare Datenflüsse von Rohstoffchargen über Produktionsparameter bis hin zum Bauprodukt. Zusätzlich rückt das Thema Security und Datenintegrität in die Verantwortung, weil ESG- und Emissionsdaten in vielen Organisationen heute aus mehreren Quellen zusammengeführt werden. Schon kleine Inkonsistenzen zwischen Werkdaten, Lieferketteninformationen und Projektkalkulationen können Audit-Trails und Reporting zäh werden lassen.

Für die nächsten Monate und Jahre ist deshalb vor allem entscheidend, wie schnell Pilotresultate zu reproduzierbaren Betriebskennzahlen werden. Pure-Oxyfuel liefert mit dem Start einer Anlage, die täglich bis zu 450 Tonnen Klinker produziert, eine greifbare Messlatte für Skalierung, Prozessstabilität und Abscheidequalität. Gleichzeitig können Projekte wie der Schulbau in Wien zeigen, wie CEM-II/C in der Praxis den Weg in größere Volumina findet – und wie sich Einsparwerte in Vergabedokumenten verankern lassen. Aus heutiger Sicht ergibt sich für Entwickler und Systemintegratoren eine Chance: Wer KI-gestützte Prozessüberwachung, Datenplattformen für Emissions-Tracking oder Optimierungslogik anbietet, kann in den kommenden Modernisierungszyklen stark nachgefragt werden. Der entscheidende Fortschritt wird am Ende nicht nur technologisch sein, sondern daran gemessen, ob die gesamte Kette von Werk bis Baustelle zuverlässig emissionsarme Ergebnisse ausliefert.


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