AACHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Zwei RWTH-Absolventen wollen den Maispilz Huitlacoche wirtschaftlich nutzen und daraus spezielle Lipide für Kosmetik herstellen. Das Team setzt dabei auf fermentationsbasierte „Tune“-Prozesse, um Fettsäureprofile gezielt einzustellen und Schwankungen stark zu reduzieren. Entscheidend ist die Skalierung: Ein Laborfermenter mit 50 Litern reicht nicht, weshalb ein 15.000-Liter-Bioreaktor als nächster Schritt ansteht. Während Beauty als erster Markt gesetzt ist, rückt das Modell perspektivisch auch Schmierstoffe, Lebensmittelzusätze und langfristig stärker regulierte Pharmaprodukte in den Fokus.

Wenn aus einem Ernteproblem ein Rohstoff wird, steckt dahinter meist mehr als ein Geschäftsmodell: Es braucht eine präzise Prozessführung, robuste Qualitätsdaten und eine glaubwürdige Lieferstrategie. Genau dort setzt LipiTune an, eine Idee von Paul Richter (29) und Thomas Steimann (31), die aus dem Maispilz Huitlacoche beziehungsweise dem beulenartigen Maisbeulenbrand gezielt Lipide gewinnen wollen. Während in Deutschland der Pilz kulinarisch eher eine Randnotiz ist, trifft er in der Landwirtschaft als Krankheit Erträge und Planungssicherheit. Das Startup-Ansatz: den „Abfall“ in wiederholbare, marktfähige Öle für industrielle Anwendungen zu verwandeln.
Technisch betrachten Richter und Steimann den entscheidenden Hebel nicht als „neue Zutat“, sondern als kontrollierbaren Herstellprozess. Der Pilz wird in einem Fermenter behandelt; vereinfacht ausgedrückt verhält sich die Biologie im Reaktor ähnlich wie Hefezellen, die mit Zucker „gefüttert“ werden, bis sich Fettbestandteile bilden. Über die Prozessparameter wie Temperatur lässt sich steuern, welche Fettsäure-Zusammensetzung am Ende dominiert. Das Unternehmen spricht deshalb von „tune“ im Namen: Es geht um das Einstellen von Eigenschaften, etwa Konsistenz (flüssig oder fest) und Farbton. Damit zielt das Team auf die Stelle, an der klassische Ölherstellung oft schwankt: bei der Zusammensetzung.
Dass das bei Lipiden aus Pflanzenzellen häufig schwer zu stabilisieren ist, wird in der Branche seit Jahren diskutiert, weil Erntebedingungen, Lieferketten und Batch-Variabilität Produktchargen beeinflussen. Richter nennt als Orientierung einen Schwankungsbereich von etwa 10 bis 15 Prozent bei herkömmlichen Herstellwegen, während bei den Pilzzellen aus dem Prozess laut Teamangabe nur etwa zwei Prozent Variation auftreten. Für Kosmetikhersteller ist das relevant, weil Formulierungen oft 20 bis 30 Öl-Komponenten kombinieren, um Textur, Hautgefühl und Haltbarkeit fein abzustimmen. Wenn ein einziges Öl mehrere dieser Eigenschaften abdecken kann, sinken Rezepturkomplexität und Logistikaufwand. Das ist der Kern des differentiierenden Value Proposition.
Im Marktumfeld konkurrieren solche Ansätze allerdings nicht gegen „einen Pilz“, sondern gegen eine ganze Kategorie von Alternativen: Fermentationslipide, synthetische/chemische Specialty Oils und Mischkonzepte aus Rohstoffportfolios. Große Player wie L’Oréal, Unilever oder auch spezialisierte Ingredient-Hersteller investieren seit Jahren in biobasierte Inhaltsstoffe und testen Varianten aus nachhaltiger Produktion. Für LipiTune ist daher der Timing-Faktor entscheidend: Beauty ist als erster Anwendungsmarkt gesetzt, weil dort die Margen und die Bereitschaft für Storytelling und Produktvarianten in der Regel höher sind als in klassischen Chemie-Nischen. Gleichzeitig ist der Schritt von Labor zu Produktion der Engpass, nicht die Idee.
Genau diesen Engpass markieren Richter und Steimann mit konkreten Zahlen: Im RWTH-Labor läuft aktuell ein Bioreaktor mit 50 Litern Volumen, doch für belastbare Tests und eine seriöse Produktentwicklung wird ein System in der Größenordnung von 15 Kubikmetern benötigt, also etwa 300-mal mehr. Der Unterschied ist mehr als nur „mehr Kapazität“: Skalierung verändert Wärmemanagement, Rührverhalten, Sauerstofftransfer und die Gleichmäßigkeit der Parameterverteilung im Fermenter. Auf Startup-Level kann man Forschungsergebnisse im Labor gut reproduzieren, aber industrienahe Daten erfordern ein Setup, das Batch-Definitionen und Qualitätschecks unter realistischen Bedingungen ermöglicht. Dass ein Auftragshersteller mit 50- bis 200-Kubikmeter-Anlagen im Markt mehrere hundert Millionen Euro Segmentinvestments repräsentiert, zeigt die Größenordnung der nächsten Hürde.
Historisch betrachtet ist die Nutzung von Mikroorganismen zur Herstellung funktionaler Lipide nicht neu. Bereits in den 2010er-Jahren entstanden europaweit und global erste Programme, um Hefen und Pilze als „zelluläre Fabriken“ zu etablieren, häufig mit Blick auf Biokraftstoffe, Spezialchemikalien oder pharmazeutische Vorprodukte. Der Unterschied bei LipiTune liegt in der konsequenten Verknüpfung von Prozess-„tuning“ mit einem anwendungsorientierten Zielprofil: ein Öl, das mehrere Eigenschaften abdeckt und zugleich deutlich stabilere Batch-Konsistenz liefern soll. Zudem adressieren die Gründer die Rohstoffseite: Der Ansatz nutzt regionale Bioabfälle aus Mais- und Zuckerproduktion, die sonst in der Biogasanlage landen würden. Damit konkurriert das Modell indirekt weniger um „Food“, sondern verschiebt den Nutzen entlang einer bestehenden Wertschöpfung.
Auf der organisatorischen Seite ist auch die richtige Infrastruktur zur Unternehmensgründung entscheidend. Seit Oktober 2025 sind Richter und Steimann Teil des RWTH-Inkubators Merlin, der Gründerteams etwa zwei Jahre vom Konzept bis zur Ausgründung begleitet. Laut Angaben wurden Büros und ein Labor im Baesweiler Gewerbegebiet erst im April offiziell eröffnet. Der vorhandene Bioreaktor im Merlin-Umfeld ist aber weiterhin zu klein für die eigentliche Skalierungsproduktion; er dient deshalb für weitere Forschungsarbeiten und die Prozessweiterentwicklung. Für die nächsten Finanzierungsrunden heißt das: Investorinnen und Investoren müssen nicht nur die Biologie glauben, sondern die Upscaling-Parameter, die Qualitätsmetriken und den Nachweis, dass sich das Fettsäureprofil auch im größeren Maßstab zuverlässig „tunen“ lässt.
Regulatorisch und sicherheitstechnisch wird es spätestens beim Transfer in industrielle Lieferketten anspruchsvoll. Kosmetik ist in der EU zwar im Vergleich zu Pharma weniger streng bei Wirkstoffklassifizierungen, aber auch hier sind Anforderungen an Produktsicherheit, Rohstoffdeklaration, Spurenstoffe und Prozesshygiene zentral. Wenn ein Fermentationsprozess arbeitet, sind Themen wie Kontaminationskontrolle, Chargenfreigabe (inklusive mikrobiologischer Tests) und Dokumentationspflichten für Audits Teil des täglichen Betriebs. Perspektivisch planen Richter und Steimann eine Reihenfolge: erst Beauty wegen der Marge, später Schmierstoffe, Kleber sowie Nahrung und Nahrungsergänzung, und ganz am Ende die pharmaseitig streng regulierte Schiene. Wenn der Upscaling-Step gelingt, eröffnet das aber auch für Entwicklerinnen und Entwickler neue Schnittstellen zwischen Fermentation, Rezepturdesign und datengetriebener Qualitätssteuerung.
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