LONDON (IT BOLTWISE) – Ein präzise getimter Laserimpuls kann bei Tangem-Wallet-Karten die Passwort-Überprüfung in einem Secure-Element-Chip umgehen. Dadurch lässt sich das Setzen eines neuen Passworts ohne altes Geheimnis oder Recovery-Schritt auslösen – allerdings nur mit physischem Zugriff und hohem Laboraufwand. Die Schwachstelle gilt als dauerhaft, weil Tangem keine Firmware-Updates für die bereits verkauften Karten vorsieht. Für die meisten Nutzer ist das Risiko damit gering, doch bei verlorenen, gestohlenen oder beschlagnahmten Karten mit hohem Wert rückt sofortiges Umziehen der Coins in den Fokus.

Eine neue Hardware-Schwachstelle bei Krypto-Wallet-Karten zeigt, wie schnell die Sicherheitsannahmen „Secure Element schützt immer“ unter Druck geraten. Donjon, die Security-Einheit von Ledger, hat demonstriert, dass ein zeitlich exakt getimter Laserimpuls auf den Chip in einer Tangem-Karte die Passwort-Logik in einen ungültigen Zustand versetzen kann. Das Ergebnis: Die Karte akzeptiert anschließend ein vom Angreifer gewähltes neues Passwort, ohne nach dem alten zu fragen, und ohne dass eine zweite Karte für den Recovery-Mechanismus nötig wäre. Für Privatanwender ist das nicht der klassische Alltagsangriff – der Angriff verlangt physischen Zugriff und eine aufwendige Messtechnik.
Technisch basiert Tangem auf einem Secure-Element-Ansatz, der über eine NFC-Schnittstelle mit einer App kommuniziert. Im Zentrum steht dabei der Samsung S3D232A-Chip, der als „Secure Element“ gegen Manipulationen ausgelegt ist und laut Herstellerstufe bis zu EAL6+ erreichen soll. Dieses Element speichert bzw. Steuert den geheimen Schlüssel, der Transaktionen autorisiert. Im Normalfall schützt das Setup zwei Ebenen: wer die Karte in der Hand hat, braucht zusätzlich das korrekte Passwort. Genau hier wird es angreifbar: Der Recovery-Pfad prüft intern, ob sich die Karte im „Recovery Mode“ befindet; bei einem bestimmten Prüfpfad wird dann ein Passwortwechsel ohne altes Geheimnis möglich.
Der entscheidende Punkt der Attacke ist, dass das Laserfehlsignal nicht einfach nur einen gespeicherten Wert „überschreibt“. Stattdessen stört der Impuls kurzzeitig die eigene Schaltung des Chips so, dass die Zustandsprüfung fehlinterpretiert wird. Donjon beschreibt, dass die Check-Logik im Moment der Prüfung „misfires“ und die Karte so reagiert, als wäre sie fälschlich im Recovery-Modus, obwohl diese Bedingung in Wirklichkeit nicht erfüllt ist. Danach läuft ein normaler Kommandopfad („SetPin“), der bei korrektem Timing und einem gekippten Prüfresultat ein neues Passwort übernimmt. Ein abschaltbarer Recovery-Schalter hilft hier nicht, weil derselbe Check in allen Kartenvarianten aktiv ist.
Diese Hardware-Realität macht den Angriff zwar selten, aber zugleich untrennbar für alle bereits ausgelieferten Geräte. Donjon nennt als Rahmenbedingungen unter anderem einen Laseraufbau inklusive Mess- und Kalibriertechnik im Wert von rund 250.000 US-Dollar, ferner „tiefes Hardware-Know-how“ und einen zeitintensiven Vorlauf, um Chip-Position und Timing präzise zu treffen. Die Karte muss zudem geöffnet und der Chip freigelegt werden; danach bleibt „sichtbarer Schaden“ zurück, der sich nicht heimlich überlisten lässt. Ein weiterer Flaschenhals: Der Angriff läuft nicht über die Software-Schnittstelle und damit nicht remote – allein schon, weil er eine reale physische Störung voraussetzt.
Genau in dieser Dauerhaftigkeit liegt das unternehmerische Problem. Tangem setzt auf Kartenhardware ohne Firmware-Update-Möglichkeit. Diese Designentscheidung wird typischerweise als Sicherheitsvorteil verkauft: nichts ändert sich, also gibt es auch keine Angriffsfläche für entfernte Manipulation. Im konkreten Fall dreht sie den Spieß jedoch um: Wenn der Fehler in der Logik der Karte bzw. In ihrem nicht updatebaren Firmware/Codepfad sitzt, bleibt er dauerhaft in jeder verkauften Einheit. Damit stellt sich für Kartenbesitzer die Frage weniger „wie patchen?“, sondern „wie reduzieren wir die Annahme, dass die Karte alleine das Geheimnis schützt, wenn sie in falsche Hände gerät?“ Der Handlungsspielraum betrifft vor allem Umzug der Mittel bei Verdacht.
Auf der Markt- und Wettbewerbsseite ist das Timing der Veröffentlichung und der Vergleich mit anderen Wallet-Ökosystemen zentral. Donjon bettet die Demonstration in den breiteren Kontext laufender Laser-Fault-Injection-Tests ein. Bereits Anfang Juni hatte Trezor gemeinsam mit dem Chip-Partner Tropic Square ein ähnliches Ergebnis zur TROPIC01-Komponente im Trezor Safe 7 offengelegt: Dort konnte die Störung zwar Codepfade beeinflussen, aber Sicherheitsprüfungen und insbesondere der Schutz der PIN-Logik blieben intakt. Diese Differenz zeigt, dass Secure-Element-Routinen allein nicht „magisch“ sind; entscheidend sind auch die darüberliegenden Schutzschichten und wie gut sie Störangriffe abfangen. Im Gegensatz zu Tangem konnten Trezor und Tropic Square wenigstens mit Stopgaps für vorhandene Chips reagieren und die nächste Silizium-Generation härten.
Wie sich das Risiko in der Praxis verteilt, argumentiert Tangem wiederum aus einer anderen Perspektive. Das Unternehmen betont, dass der konkrete Laserangriff extrem aufwendig ist und dass die Karte keine Informationen trägt, die Angreifer direkt zuordnen könnten, ob ein Verlust im Bereich von 50 US-Dollar oder 50 Millionen US-Dollar liegt. Diese „ökonomische Unklarheit“ macht den Angriff teuer, weil ein Angreifer mehrere Karten beschädigen müsste, ohne zu wissen, welche sich lohnt. Tangem nennt zudem bisher keine nachweisbaren Verluste durch eine Laserattacke auf Hardware-Wallets. Für viele Nutzer klingt das plausibel: Wenn ein Angreifer keine Hinweise auf den Kartenwert hat und er zusätzlich Laborkosten sowie die Beschädigung einkalkulieren muss, sinkt die Wahrscheinlichkeit stark.
Gleichzeitig treffen sich beide Seiten in einem engen, aber wichtigen Punkt: gefährdet ist vor allem der Szenario-Fall, in dem eine Karte verloren, gestohlen oder beschlagnahmt wird und ein Angreifer davon ausgeht, dass sich der Aufwand lohnt. Für Organisationen und sicherheitsbewusste Anwender heißt das weniger „Panik“, sondern klare Prozesse: Wenn ein Tangem-Kartenbestand als potenziell kompromittiert gilt, sollte man die Coins zeitnah auf ein anderes Wallet-Setup übertragen – etwa mit einer weiteren Karte im Karten-Set oder, falls vorhanden, auf Basis einer Seed-Phrase. Historisch waren auch frühere physische Angriffe möglich, etwa bei Wallets ohne Secure-Element, die damals eher „weichere“ Ziele waren. Die neue Erkenntnis ist: selbst Secure-Elemente setzen Grenzen, aber sie verschieben die Angriffsoberfläche – und sie können nicht alle Annahmen über unpatchbare Zustände vollständig aufheben.
Der Ausblick richtet sich daher auf zwei Ebenen. Erstens werden Sicherheitsarchitekten in der Branche künftig noch stärker darauf achten, wie Recovery- und PIN-Checks bei Zustandskippen arbeiten und ob Störangriffe durch robuste Fehlererkennung, konsistente Signaturpfade oder zusätzliche unabhängige Schutzlagen abgefangen werden. Zweitens gewinnt die Governance über Kartenlebenszyklen an Gewicht: Wenn Firmware-Updates nicht vorgesehen sind, braucht es eine prozessuale Risikoreduktion beim Besitzer – vom Handling bis zur schnellen Mittelumschichtung nach Verlust. Für Entwickler und Security-Teams bedeutet das auch, dass „EAL6+“ allein nicht ausreicht, um vollständige Resilienzen zu garantieren. Die nächsten Monate werden zeigen, ob Wettbewerber ihren Fokus auf Störsignalrobustheit in Karten, Modulen und PIN-Integritätsketten weiter verschärfen.
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