DALLAS / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Luftfahrtpionierin Wally Funk ist im Alter von 87 Jahren gestorben. 60 Jahre nach ihrem Einstieg in das Mercury-13-Training gelang ihr 2021 an Bord von Blue Origins New-Shepard-Rakete der Sprung ins All. Ihre Reise zeigt, wie stark Auswahlregeln, Qualifikationsanforderungen und gesellschaftliche Vorurteile über Karrieren entschieden. Gleichzeitig illustriert ihr später Erfolg, dass kommerzielle Suborbitalflüge neue Türen für Menschen öffnen können, die lange ausgeschlossen waren.

Wally Funk, eine der prägenden Pilotinnen ihrer Generation, ist diese Woche im Alter von 87 Jahren gestorben. Wie aus Berichten zu ihrem Umfeld hervorgeht, starb sie am Mittwoch, dem 8. Juni, in ihrer Wohnung in einer betreuten Wohnanlage im texanischen Grapevine, einem Vorort von Dallas und Fort Worth. Funk wurde nicht nur als „älteste Frau im All“ bekannt, sondern auch als Synonym für Durchhaltevermögen in der bemannten Raumfahrt. Ihr Name verbindet zwei Epochen: die frühen Jahre der Astronautenauswahl in den USA und die spätere Öffnung der Raumfahrt durch kommerzielle Anbieter wie Blue Origin.
Technisch betrachtet wirkt Fungs Lebenslauf wie ein Gedächtnis der Raumfahrtarchitektur: In den frühen 1960er-Jahren war sie Teil des Mercury-13-Programms, eines privat finanzierten Trainings, das prüfen sollte, ob die besten Pilotinnen der USA ebenso erfolgreich zu Astronautinnen werden könnten wie die „Mercury Seven“. Die Testlogik war dabei weniger neu als die Zielgruppe: gleiche Strenge in Training und medizinischen Checks, aber ein anderer institutioneller Rahmen. Weil das Projekt nicht von der NASA legitimiert war, blieben die Kandidatinnen trotz vergleichbarer Anforderungen politisch und organisatorisch außen vor. Die Flugträume liefen weiter – doch die Zulassung blieb versperrt.
Der Knackpunkt lag auch in der Auswahllogik selbst. Laut den in der Branche diskutierten historischen Regeln stützte die NASA ihre Kriterien ab 1958 zunächst auf „Piloten, U-Boote-Teams oder Expeditionen“ in arktischen und antarktischen Kontexten, was den Pool potenzieller Kandidaten groß machte und in der Verwaltung enorme Ressourcen binden sollte. Präsident Eisenhower soll deshalb militärische Testpiloten als Standard bevorzugt haben, wodurch das Profil vieler Mercury-13-Teilnehmerinnen nicht mehr passte. In den frühen 1960er-Jahren gab es zudem Einschränkungen beim Zugang zu militärischer Kampfausbildung – und damit kollidierten die Anforderungen mit der Realität der damaligen Ausbildung. Ein direkter Kontrast: In der Sowjetunion durchliefen Frauen im Vostok-Umfeld bereits Trainingspfade, die dann auch zur ersten weiblichen Kosmonautin führten.
Funk selbst blieb davon unbeeindruckt und baute ihre Qualifikationen nicht nur im Fliegen auf, sondern auch in der Safety- und Ausbildungswelt. Nach ihrem Abschluss an der Oklahoma State University wurde sie zur ersten weiblichen zivilen Fluglehrerin am Fort Sill in Oklahoma und später zu einer Pionierfigur in Regulierungs- und Sicherheitsrollen, etwa bei der Federal Aviation Administration und dem National Transportation Safety Board. Besonders eindrücklich ist dabei die praktische Dimension: Sie sammelte mehr als 19.600 Flugstunden und unterrichtete über 3.000 Menschen beim privaten wie kommerziellen Fliegen. Die Botschaft lautet: Selbst wenn der formale Weg in die bemannte Raumfahrt blockiert war, blieb Kompetenzaufbau weiterhin der Hebel, an dem sie ansetzte.
Die späte Wende kam nicht über die „klassische“ NASA-Laufbahn, sondern über den Zeitpunkt, an dem neue Raumfahrtakteure Marktzugänge schufen. 2021 lud Blue Origin CEO Jeff Bezos Wally Funk als „honored guest“ in die NS-16-Mission ein; Funk war zu diesem Zeitpunkt 82 Jahre alt und damit die älteste Person im All, während der junge Wettbewerbssieger Oliver Daemen als jüngster Teilnehmer galt. Am 20. Juni 2021 dauerte der Flug nur 10 Minuten und 10 Sekunden, doch die technische Kernaussage war stark: Das Crew-Modul erreichte eine maximale Höhe von 107 km über dem Meeresspiegel. Solche Suborbitalflüge unterscheiden sich grundsätzlich von traditionellen orbitalen Missionen – aber sie setzen eine ähnliche Hard-Science-Disziplin voraus, etwa bei Flugprofil, Kapselsicherheit und Systemredundanz.
Auch die Marktwirkung ist klar: Kommerzielle Raumfahrtanbieter wie Blue Origin, aber auch andere Akteure des „New Space“-Ökosystems, senken typische Einstiegshürden, weil sie Trainings- und Missionslogiken stärker modularisieren. Für Unternehmen und Entwickler bedeutet das Perspektiven in mehreren Richtungen: KI-gestützte Betriebsoptimierung (z. B. Für Telemetrieanalyse), Prozessautomatisierung im Mission-Planning und skalierbare Sicherheitsüberwachung werden relevanter, weil mehr Starts stattfinden und mehr Profile auftreten. Gleichzeitig bleibt die Regulierung ein Dauer-Thema: Selbst bei Suborbitalangeboten erfordern Datenschutz und Sicherheitskommunikation saubere Prozesse, etwa beim Umgang mit Gesundheitsdaten und bei der Dokumentation von Belastungen im Training. Historisch war Funk ein Beispiel dafür, wie Regeln Karrieren brechen konnten; heute ist das System gefordert, es besser zu machen.
Fungs Vermächtnis zeigt sich schließlich in den Reaktionen aus der Region und der Raumfahrtcommunity. Wie aus öffentlichen Würdigungen hervorgeht, wurde sie in Grapevine als Teil lokaler Identität gefeiert – als Person, die über Jahrzehnte hinweg Grenzen in Aviation und Space Exploration verschob. NASA-Administrator Jared Isaacman würdigte sie ebenfalls mit einem Social-Media-Beitrag, und Blue Origin stellte ihre Rolle als frühe Mercury-13-Teilnehmerin in den Mittelpunkt. In der Zukunft könnte genau diese Geschichte zusätzliche Wirkung entfalten: Wenn sich Trainings- und Zulassungsprozesse durch digitale, nachvollziehbare und fairere Kriterien weiterentwickeln, könnten ähnliche Verzögerungen künftig seltener werden. Für die Raumfahrtindustrie ist das mehr als Symbolik – es ist ein Qualitätsmerkmal für Systeme, die Menschen einbeziehen statt sie auszuschließen.
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