LONDON (IT BOLTWISE) – Schaeffler treibt die Elektrifizierung weiter voran und nutzt die Integration von Vitesco Technologies als strategischen Hebel. Im Dialog mit Privatanlegern stellte der E-Mobility-Vorstand Thomas Stierle klar, dass Wachstum aktuell zwar mit Verlusten erkauft wird, aber bis 2028 sowohl Umsatz als auch Break-even-Ziel konkretisiert sind. Zusätzlich betonte er die Bedeutung von Software-Updates im Fahrzeug, Hybrid als Übergangslösung und die wachsende Pipeline im Bereich humanoider Robotik. Für Unternehmen ist damit vor allem relevant, welche Schnittstellen zwischen Antriebs-Know-how, Elektronik und datengetriebener Automatisierung entstehen.

Schaeffler hält am Elektrifizierungskurs fest – auch wenn der Weg dahin wirtschaftlich derzeit noch holprig ist. Auf dem Round-Table-Format eines Medien- und Audio-Streamingpartners kam E-Mobility-Vorstand Thomas Stierle im direkten Austausch mit Privatanlegern auf den Punkt, dass die Transformation der Antriebe zwar bereits läuft, in den Märkten aber in sehr unterschiedlichen Tempi sichtbar wird. Der zentrale Ton war dabei weniger Marketing als Planung: Schaeffler wolle die Technologiebreite ausbauen, den operativen Betrieb verbessern und die Profitabilität der Sparte strukturell steigern. Gerade in einem Umfeld, in dem Kosten, Lieferketten und Volumenprognosen schwanken, wirkt diese Mischung aus Ambition und Ergebnisfokus wie ein Signal an den Kapitalmarkt.
Technisch betrachtet ordnet Stierle die Strategie klar in die Logik des Powertrain-Ökosystems ein: Elektrifizierte Antriebssysteme sind mehr als Motoren und Leistungselektronik, sie werden über die gesamte Systemkette aus Hard- und Software entscheidend. Ein wichtiger Schritt ist die Integration von Vitesco Technologies, die laut Darstellung seit Oktober 2024 abgeschlossen bzw. in der Konzernlogik wirksam ist. Damit erweitert Schaeffler sein Portfolio deutlich – und positioniert sich gegenüber Wettbewerbern wie ZF oder Bosch, die ebenfalls auf Skalierung in der E-Antriebslandschaft setzen. Für OEMs und Tier-1-Kunden ist vor allem die Frage entscheidend, ob ein Partner unterschiedliche Herausforderungen mit einem konsistenteren Engineering-Ansatz abdecken kann.
Der Marktkontext erklärt, warum die Diskussion über Wachstum und Marge derzeit so hart geführt wird. In den vergangenen Jahren sind laut Schaeffler-Statements gleich mehrere Einflussfaktoren zusammengekommen: regulatorische Änderungen, geopolitische Risiken und wiederkehrende Engpässe in einzelnen Komponenten. Diese Faktoren wirken sich nicht nur auf Stückzahlen aus, sondern auch auf die Time-to-Release von Plattformen und die Planbarkeit von Serienanläufen. Analystisch lässt sich daraus ableiten, dass Unternehmen mit breiteren Portfolios und höherer Fertigungstiefe in Umbruchphasen eher stabilisieren können, weil sie mehr Lernkurve und mehr Varianten in parallelen Programmen nutzen. Gleichzeitig bleibt die Wettbewerbsdynamik: Die Elektrifizierung wird zwar mittelfristig erwartet, kurzfristig aber werden Kapazitäten oft erst dann profitabel, wenn Volumen und Mix stimmen.
Für Anleger und Entscheider war besonders die Profitabilitätslogik aufschlussreich. Stierle sprach offen an, dass E-Mobilität bislang für viele Akteure kein dauerhaft profitables Geschäft ist und dass sich echte Gewinne selten „aus dem Nichts“ ergeben. Der Fokus liegt daher auf vier Hebeln: weiteres Wachstum, operative Exzellenz, effizientere Forschungs- und Entwicklungsprozesse sowie zusätzliche Kostenverbesserungen. Die Zahlen, die Schaeffler dabei nennt, sind konkret: Bis 2028 soll der Umsatz der E-Mobility-Sparte von 4,8 Milliarden Euro (2024) auf 8,25 bis 9 Milliarden Euro steigen. Gleichzeitig peilt Schaeffler in der Sparte den Break-even mit einer EBIT-Marge größer 0 an, nach -22,1 Prozent im Jahr 2024. Das ist ambitioniert, aber mit klaren Zielgrößen verbunden.
Neben den klassischen Hardware-Trends setzt Stierle auch auf einen Mix aus Systemtechnologien, die den Produktlebenszyklus verlängern. Hybridfahrzeuge bezeichnet er als Brücke, um Reichweitenangst schrittweise abzubauen – eine Position, die im Wettbewerb mit reinen EV-Anbietern politisch und technologisch oft umkämpft ist. Daneben tritt das „Software-defined Vehicle“: So wie Mobilfunknetze kontinuierliche Updates bereitstellen, sollen künftig auch Fahrzeugfunktionen über Updates neue Fähigkeiten bekommen. Hier ist die historische Linie wichtig: Seit Jahren verschieben sich Fahrzeugplattformen von rein mechanischen Optimierungen hin zu Elektronikdomänen und regelbasierten Steuerungen, nun zunehmend in Richtung daten- und modellebetriebener Funktionen. Für die Enterprise-Praxis heißt das: Schnittstellen, Tests, Monitoring und Governance werden zum Produktbestandteil, nicht zum Projektaufwand.
Der Ausblick geht über E-Mobilität hinaus – und adressiert damit die Frage, welche Wachstumsfelder in einem Konzern parallel skalieren. Besonders auffällig war das Interesse an humanoider Robotik. Schaeffler erklärte, man arbeite inzwischen mit mehr als 40 Partnern zusammen, habe erste Aufträge erhalten und produziere bereits Prototypen. Das ist eine entscheidende Marktannahme: Humanoide Roboter werden nicht in einem „Einzelunternehmen“-Silo gelöst, sondern als System aus Sensorik, Antriebsregelung, Software-Stack und Fertigungsstrategie. Wettbewerber in diesem Feld – etwa Robotik-Startups und industrielle Automationsplayer – investieren ebenfalls aggressiv in Lernzyklen und Hardware-Iterationen. Wie Schaeffler seine Beiträge abgrenzt, wird davon abhängen, ob es gelingt, robuste, wiederverwendbare Motor-, Bewegungs- und Steuerungsbausteine als Plattform zu etablieren.
Bis 2035 soll das Geschäft mit neuen Wachstumsfeldern wie humanoider Robotik, Verteidigung und Raumfahrt rund 10 Prozent des Konzernumsatzes ausmachen. Diese Zielsetzung ist auch eine regulatorische und sicherheitstechnische Aussage, denn gerade in Verteidigungs- und Raumfahrtumfeldern spielen Zulieferketten, Nachweisbarkeit und Datenhoheit eine überproportionale Rolle. Gleichzeitig bleibt die Umsetzung in der Realität eine Frage der Priorisierung: Wenn operative Verbesserungen in der E-Mobility-Sparte Priorität haben, müssen parallel laufende Programme so gemanagt werden, dass sie nicht zu Kapazitätskonflikten führen. Das schließt Datenschutz und Sicherheitsanforderungen in Entwicklungs- und Testdaten nicht aus, sondern macht sie planungsrelevant – insbesondere, wenn Software-Updates und KI-gestützte Komponenten in Fahrzeug- und Robotikfunktionen integriert werden.
Für die nächsten Quartale lässt sich daraus eine klare Erwartung ableiten: Schaeffler wird stärker zeigen müssen, wie die Kombination aus Vitesco-Integration, Kostenprogramm und Produktmix den Turnaround beschleunigt. Konzernweit nennt Schaeffler als Mittelfristziel bis 2028 einen Umsatz von 27 bis 29 Milliarden Euro und eine EBIT-Marge von 6 bis 8 Prozent. Zusätzlich wird eine Ausschüttungsquote von 40 bis 60 Prozent angestrebt. Unternehmen in der Zulieferkette sollten diese Entwicklung als Hinweis lesen, dass Nachfrage nach Engineering-Kompetenz in Bereichen wie Software-Updates, Systemintegration, Quality Gates und Betriebskostenoptimierung steigt. Wenn Software-defined Vehicles und Robotik stärker in die Serienwelt rücken, entstehen außerdem neue Chancen für KI-gestützte Validierungsprozesse, Predictive Maintenance und domänenspezifische Testautomatisierung – als Folge eines Marktes, der Hardware und Software immer enger verzahnt.
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