ZUG / LONDON (IT BOLTWISE) – Im ersten Halbjahr 2026 sind die Gesamtinvestitionen in Schweizer Startups zwar um 15,5 Prozent gesunken, doch der Hardware-Sektor läuft auf Rekordkurs. Während im Biotech-Umfeld mit rund CHF 184 Millionen deutlich weniger Geld floss, kletterten die Hardware-Investments auf mehr als CHF 324 Millionen. Die Zahl der Finanzierungsrunden blieb mit 123 nahezu stabil, gleichzeitig verschiebt sich das Kapital klar in Richtung Seed. Der Report ordnet das als Signal für eine selektive Investorensicht und eine Lücke im Later-Stage-Fundraising.

Schweizer Risikokapital: Hardware treibt Rekord, Biotech bremst
Schweizer Risikokapital: Hardware treibt Rekord, Biotech bremst (Foto: IT BOLTWISE)
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Zum Jahresauftakt der Risikokapital-Saison in der Schweiz zeichnet sich ein zweigeteiltes Bild ab: Die investierte Summe ist im ersten Halbjahr 2026 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 15,5 Prozent gefallen und liegt bei CHF 1’245.03 Millionen. Interessant ist dabei weniger die Gesamtsumme, sondern die Verteilung nach Sektoren und Finanzierungsphasen. Die Zahl der Finanzierungsrunden blieb mit 123 praktisch konstant, nachdem sie in den Vorjahren rückläufig gewesen war. In den Daten spiegelt sich damit weniger ein genereller Kapitalmangel wider, sondern vielmehr eine starke Umschichtung hin zu bestimmten Geschäftsmodellen, insbesondere im Hardware-Bereich.

Technisch betrachtet ist genau diese Umschichtung plausibel: Hardware-Startups bringen oft frühere, gut messbare Produktmeilensteine mit, etwa bei der Fertigung von Prototypen, der Integration von Sensorik oder bei der Serienreife von Elektronik. Dass der Hardware-Sektor im Report auf das stärkste erste Halbjahr seiner Geschichte kommt, wirkt daher wie ein Abbild von Projekten, die Investoren aktuell leichter in eine belastbare Due-Diligence-Logik übersetzen. Mit mehr als CHF 324 Millionen verzeichnete der Bereich einen deutlichen Sprung über den bisherigen Halbjahresrekord aus dem zweiten Halbjahr 2021 (rund CHF 200 Millionen). Vier Hardware-Unternehmen schafften es zudem in die Top zehn der größten Runden.

Marktseitig fällt auf, wie stark Biotech das andere Ende der Skala prägt. Berichten zufolge blieben große Biotech-Investments aus, die im Vorjahr noch maßgeblich den Gesamtauszahlungsbetrag gestützt hatten. Konkret flossen in Biotech im ersten Halbjahr 2026 rund CHF 184 Millionen – das entspricht einem Minus von über 70 Prozent. Auch die Zahl der Runden halbierte sich. Gleichzeitig blieb laut Report auch für KI-Startups, die diese Lücke hätten auffüllen können, ein Teil des ganz großen Funding aus. Das ist eine wichtige Einordnung, weil KI-Modelle zwar weiterhin Kapital für Rechenleistung und Datenpipeline benötigen, die großen Tickets aber häufig nur dann kommen, wenn Later-Stage-Kapital verfügbar ist und Bewertungen tragfähig erscheinen.

Ein weiterer Treiber zeigt sich in der geografischen Verteilung: Der Kanton Waadt überholt Zürich deutlich. Mit über CHF 330 Millionen liegt Waadt beim investierten Kapital klar an der Spitze, auf einem Niveau, das an Rekordjahre 2021 und 2022 erinnert. Der Hintergrund: Drei der vier Hardware-Investments unter den Top 10 gingen an Waadtländer Startups. Danach folgen Zug (CHF 236.7 Mio.), Schwyz (CHF 181.5 Mio.), Basel-Stadt (CHF 173.4 Mio.) und Zürich (CHF 155.8 Mio.). Zürich erreicht damit den tiefsten Wert seit 2018, vor allem wegen fehlender großer Biotech-Deals und stagnierender ICT-Finanzierungen. Für Startup-Teams bedeutet das: Standortvorteile entstehen aktuell weniger durch generische Talentdichte, sondern durch Cluster-Effekte im Hardware-Umfeld.

Beim Blick auf die Finanzierungsphasen wird der Engpass noch schärfer: Early-Stage-Investments sanken um 29,1 Prozent, Later-Stage-Investments um 12,6 Prozent. Gegen den Trend stieg das in Seed-Runden investierte Kapital um 68,8 Prozent auf CHF 156 Millionen, bei nahezu unveränderter Rundenzahl. Das führte zu einer historisch hohen medianen Rundengröße von CHF 2.7 Millionen. Der Report sieht darin einen zentralen Grund, weshalb die Gesamtmarkterholung bislang nur begrenzt greift: Ohne ausreichend Later-Stage-Kapital bleibt die Skalierung vieler Portfolios aus Sicht von Investoren riskanter als die Fortsetzung kleinerer Entwicklungsläufe. Strategisch verändert das auch die Wachstumsplanung, etwa bei der Frage, wann Serienfinanzierungen und Marktexpansion wirklich finanziert werden.

Auf der Management- und Governance-Ebene bestätigt sich ein bekanntes Muster: Der Anteil des Kapitals, das an Startups mit weiblicher CEO ging, lag im ersten Halbjahr 2026 bei rund 7 Prozent, bei den Finanzierungsrunden lag er bei rund dem doppelten. In den Top 10 fanden sich mit PAVE Space und Nuclidium zwei Unternehmen mit weiblicher CEO, keines davon unter den Top 5. Rein männlich geführte Managementteams vereinigten weiterhin über 88 Prozent des investierten Kapitals und rund 79 Prozent der Finanzierungsrunden auf sich. Ergänzend ist hier auch die regulatorische Perspektive relevant: Gerade in sensiblen Branchen wie Healthcare-IT und in KI-nahen Geschäftsmodellen müssen Teams sauber mit Datenumgang, Dokumentation und Zugriffskontrollen umgehen, damit Fundraising und spätere Enterprise-Deals nicht an Compliance-Fragen scheitern.

Dass strategische Investitionen zunehmen, kommt parallel zum selektiveren Gesamtmarkt. Laut Report gab es 14 Transaktionen von Konzernen wie ENGIE, Johnson & Johnson und UBS, doppelt so viele wie in 2023 und 2024. Bei den Exits blieb das Niveau dagegen verhalten, auch wenn mit prominenterem Käuferumfeld wie Bruker, Zeiss und Hamilton Medical mehr Aufmerksamkeit entsteht. Zwei Transaktionen stechen heraus: der Verkauf von LimmaTech Biologics an Lilly für bis zu CHF 613 Millionen und die Übernahme des Zürcher Robotik-Startups RIVR durch Amazon. Solche Deals sind für den Markt wichtig, weil sie als Benchmark für Bewertungslogiken dienen und zugleich zeigen, dass internationale Käufer trotz vorsichtiger Gesamtstimmung dort investieren, wo Technologie-Fit und IP-Klarheit zusammenkommen.

Zum Optimismusprofil liefert der Report ebenfalls Daten: Für die Studie wurden rund 300 Schweizer Risikokapitalgeber befragt, 73 nahmen teil. Drei Viertel beurteilen das Geschäftsumfeld als „gut“ bis „sehr gut“, und das Fundraising-Klima verbessert sich messbar. Der Anteil der Manager, die nicht aktiv Kapital suchen, sank auf 12 Prozent; weniger Befragte stuften Fundraising als „schlecht“ ein (6 Prozent gegenüber 11 Prozent im Vorjahr). Gleichzeitig sagen 31 Prozent „gut“ statt 22 Prozent im Vorjahr. Für die kommenden zwölf Monate erwarten 82 Prozent mehr Investitionen, 90 Prozent mehr Investitionsmöglichkeiten und 78 Prozent bessere Exit-Chancen. Die Bewertungsentwicklung bei Schweizer KI-Startups wird dabei kontrovers gesehen: Zwei Drittel sehen gestiegene Bewertungen mit Skepsis. Für Entwickler und Portfolioteams heißt das künftig: KI-Entwicklung muss stärker als Engineering-Asset gedacht werden, mit nachweisbaren Systemfähigkeiten, Messbarkeit (z. B. Latenzen, Datenqualität, Monitoring) und klarer Sicherheitsarchitektur, damit die Later-Stage-Lücke nicht zum Dauerzustand wird.


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