FRANKFURT AM MAIN / MÜNCHEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Deutsche Bank macht gegen Linde rund 260 Millionen Euro aus Rückzahlungs- und Garantiezahlungen geltend, die im Zusammenhang mit der Gazprom-Beteiligung RCA geflossen sind. Das Verfahren speist sich aus einem geplatzten Gasprojekt bei St. Petersburg, das nach Beginn des Ukraine-Kriegs gestoppt wurde. Während Linde das Vorhaben sanktionstauglich beendete, blieben Zahlungen offenbar teilweise offen, sodass russische Sicherheitenbanken Beträge beschlagnahmt haben. Jetzt muss das Gericht klären, wer für das Risiko einstehen soll.

Der Industriegaskonzern Linde steht in Deutschland vor einer neuen Eskalation im Kontext russischer Garantien: Laut den Angaben im zugrundeliegenden Bericht fordert die Deutsche Bank von Linde rund 260 Millionen Euro zurück, die als Garantieauszahlung an die Gazprom-Beteiligung RCA abgeflossen seien. Das Thema ist juristisch, aber auch operativ brisant, weil es nicht nur um “Zahlung ja oder nein” geht, sondern um die Risikoallokation zwischen Vertragsparteien, Sicherheitenbanken und dem Umgang mit sanktionierten Projekten. Das Ganze spielt sich vor dem Landgericht Frankfurt ab, während die wirtschaftlichen Spuren in München und Umgebung sichtbar werden.
Im Kern dreht sich der Streit um ein geplatztes Großprojekt zur Gasverarbeitung bei St. Petersburg, das Linde und RCA gemeinsam umsetzen wollten. Nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs stoppte Linde das Vorhaben, um westliche Sanktionen nicht zu verletzen. Auffällig ist dabei die Differenz zwischen tatsächlich gezahlten Mitteln und dem später geltend gemachten Rückforderungsanspruch: Linde hatte eine Vorauszahlung in Höhe von 1,2 Milliarden US-Dollar nicht zurückgezogen, sodass die russischen Bürgen bzw. Sicherheitenbanken nach eigenen Schritten Schadensersatzansprüche realisieren konnten. In der Folge wurden in Russland entsprechende Beträge beschlagnahmt.
Wie aus der Darstellung hervorgeht, sind fünf Garantiebanken in die Auseinandersetzung eingebunden: Hypovereinsbank, BayernLB, Deutsche Bank, Commerzbank und LBBW. Zusammengenommen belaufe sich der Verlust auf 1,11 Milliarden Euro. In der Verhandlung ließ die Vorsitzende Richterin laut Bericht eine vorläufige Einschätzung erkennen, wonach die jeweilige Bank nach ihrer Ansicht nicht in vollem Umfang für das eingegangene Risiko einstehen müsse. Die Deutsche Bank äußerte sich demnach grundsätzlich positiv zu den Ausführungen, wollte sich aber nicht weiter öffentlich zum Fortgang äußern. Das Verfahren wurde auf den 20. Oktober vertagt.
Aus technischer und strategischer Perspektive liegt die Brisanz für Linde weniger im Detail einzelner Garantiebeiträge als in der Zusammensetzung künftiger Projektverträge. Industrielle Gas- und Anlagenbauprojekte hängen oft an langfristigen Meilensteinen, an Vorauszahlungen und an Absicherungsketten, die in Normalzeiten Risiken zwischen Partnern verschieben sollen. Der Abbruch aufgrund von Sanktionen ist dagegen ein Sonderfall, der Vertragsrisiken neu ordnet. Im Vergleich dazu hat der Wettbewerber Air Liquide in früheren Konstellationen zwar ebenfalls mit geopolitischen Risiken umzugehen versucht, aber der konkrete Rechtsweg und die Sicherungsmechanik unterscheiden sich typischerweise. Genau dort entscheidet sich, ob Compliance als “Entschuldigungsgrund” oder als “Vertragsrisiko” gelesen wird.
Der Markt bewertet solche Klagen häufig als Gradmesser für das Sanktions- und Vertragsrisikomanagement in hochregulierten Branchen. Dabei ist die Zeitschiene entscheidend: Zwar laufen die Verfahren erst im Detail durch, doch die Kapitalbindung beginnt bereits im Moment, in dem Rückforderungspositionen oder Rückstellungen diskutiert werden. Für Anleger und Finanzierungspartner wird damit sichtbar, wie belastbar Zusagen rund um Garantien sind, wenn Projekte politisch kippen. Eine solche Entwicklung passt zu einer breiteren Marktanalyse: Unternehmen in der Industrie werden zunehmend gezwungen, Vertragsklauseln, Sicherheitenbedingungen und Exit-Szenarien so zu formulieren, dass Compliance-Bedürfnisse nicht erst nachträglich gerichtlich “zurechtgebogen” werden müssen.
Auch für die Prozessseite ist der rechtliche Rahmen ein Signal. Das Aktenzeichen lautet LG Frankfurt 2-12 O 29/25, und laut Bericht ist gegen ein Urteil grundsätzlich Berufung möglich. Inhaltlich dürfte im Mittelpunkt stehen, ob die Garantieauszahlung als vom Vertrag gedeckt gilt, obwohl Linde das Projekt nach Kriegsausbruch gestoppt hat, und ob eine Rückzahlungspflicht bestand, obwohl Linde die Vorauszahlung in der ursprünglichen Struktur nicht komplett zurückgeführt hatte. Gerade die Frage, ob das Risiko “bei Linde” oder “bei der Bankseite” lag, kann die Bewertung weitergehender Forderungen beeinflussen. Damit wirkt das Verfahren wie ein Präzedenz- und Erwartungsanker für weitere Fälle.
Regulatorisch ist das Thema eng mit Sanktionscompliance verknüpft. Das Gericht muss dabei nicht nur zivilrechtliche Ansprüche klären, sondern auch einordnen, wie plausibel und rechtzeitig Linde auf den Sanktionseintritt reagierte. Für Unternehmen bedeutet das: Sobald westliche Vorgaben greifen, muss die Entscheidung dokumentiert, die Vertragsdurchführung angepasst und die Sicherheitenlogik überprüft werden. Zudem spielt Datenschutz und Vertraulichkeit indirekt eine Rolle, weil in solchen Verfahren häufig Vertragsunterlagen, interne Bewertungen und Korrespondenz offengelegt werden müssen. In Deutschland sind diese Informationen typischerweise mit strengen Verfahrensregeln und Schutzmechanismen zu behandeln, selbst wenn die Kernfrage wirtschaftlich ist.
Für die nächsten Monate ist vor allem die Verhandlungs- und Urteilsarchitektur entscheidend: Am 20. Oktober geht es zunächst um die weitere Aufklärung und das Fortschreiben der vorläufigen Einschätzung. Unternehmensintern wird Linde die Ergebnisse vermutlich auch auf das eigene Contract Lifecycle-Management übertragen, also darauf, wie zukünftige Garantien, Rückzahlungsbedingungen und Projektabbrüche in Vertragswerken standardisiert werden. Aus Unternehmenssicht ist außerdem relevant, dass solche Risiken nicht nur einmalig entstehen, sondern in den Folgeprojekten die Konditionen beeinflussen können. Bis dahin bleibt die Linde-Aktie im Fokus: Im vorbörslichen NASDAQ-Handel wird sie im Bericht zeitweise 0,39 Prozent tiefer bei 522,00 US-Dollar geführt.
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