BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Islamistische Extremisten erreichen junge Menschen in Deutschland zunehmend über KI-generierte Videos, die sich laut Präventions- und Terrorismusexperten in Wochen bis Monaten zur Radikalisierung entwickeln können. Im Zentrum steht dabei nicht nur die Geschwindigkeit der Produktion, sondern auch die Personalisierung: Inhalte lassen sich übersetzen und auf Zielgruppen zuschneiden. Gleichzeitig rückt die Sicherheitsarbeit ins Netz in den Fokus – von verdeckten Ermittlungen bis zu KI-gestützter Erkennung. Der Text ordnet ein, wie Behörden und Zivilgesellschaft mit dieser doppelten Dynamik aus technischer Skalierung und Beziehungsarbeit umgehen können.

Radikalisierung passiert heute nicht mehr nur über gedruckte Flugblätter oder lokale Predigten, sondern zunehmend über Feeds, Chats und kurze Clips. Laut Aussagen von Jamuna Oehlmann, Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus (RelEx), nutzen islamistische Akteure KI, um Propagandavideos schneller, günstiger und zielgruppenspezifisch zu produzieren – inklusive Übersetzung. Besonders gefährdet seien demnach einsame Jugendliche, die Inhalte online konsumieren und sich teils binnen Wochen neu ausrichten. Die Nachricht ist weniger eine neue Bedrohung als eine Verschärfung: KI senkt die Hürde, die bisher zwischen „nur im Ausland“ und „direkt in Deutschland“ lag.
Technisch betrachtet verschiebt sich dabei der Produktions- und Verbreitungsprozess von „Handarbeit“ hin zu einer pipelinefähigen Medienindustrie. Wenn Videos automatisiert erstellt, in weitere Sprachen übertragen und dann an Interaktionsmuster angepasst werden, steigt die Ausspielmenge, ohne dass die Qualität bei jedem neuen Upload proportional mitwachsen muss. In der Praxis bedeutet das: Es entstehen viele Varianten desselben Narrativs, die unterschiedlichen Profilen ähneln, etwa „jung, alleine, online“. Oehlmann ordnet zudem an, dass ein großer Teil des KI-generierten Materials knapp unterhalb der Strafbarkeitsschwelle liege – was Ermittlungen und Plattformentscheidungen deutlich anspruchsvoller macht, weil die Grenze nicht an der Lautstärke der Botschaft, sondern an rechtlichen Bewertungskriterien hängt.
Diese Entwicklung wird durch das Zusammenspiel verschiedener Akteursgruppen verstärkt. Peter Neumann vom King’s College in London verknüpft das Einzeltäter-Phänomen eng mit dem Aufstieg digitaler Technologien und warnt vor einer „Turbo-Radikalisierung“, die sich innerhalb weniger Monate, teils schon in Wochen vollziehen könne. Im Vergleich zu früheren Kampagnen, bei denen Extremisten stärker auf relativ langsame Content-Erstellung und wiederholte Broadcast-Strategien setzten, wirkt die heutige KI-gestützte Logik wie ein Beschleuniger für die Gesamtorganisation. Besonders relevant ist dabei der Wettbewerbsdruck zwischen radikalen Milieus: Wer schneller produziert und besser personalisiert, erreicht eher die instabile Phase von Online-Bindung, bevor Gegenargumente und Vertrauenspersonen greifen.
Für die Markt- und Sicherheitsseite heißt das: Behörden können sich nicht darauf beschränken, offline zu reagieren. Neumann fordert ausdrücklich mehr Einsatz im Netz und weniger auf der Straße. Dazu passt die Idee, KI nicht nur als Bedrohungsvektor zu sehen, sondern auch als Werkzeug für Aufklärung und Strafverfolgung. Oehlmann betont, dass KI den Sicherheitsbehörden helfen könne, extremistische Inhalte schneller zu finden. Technisch wären dafür vor allem Systeme denkbar, die Muster in Video-, Audio- und Textdaten erkennen, Übersetzungen konsistent mitverfolgen und Anomalien in Upload-Routinen identifizieren. Ergänzend macht sie deutlich, dass Prävention am Ende eine Beziehungsaufgabe bleibt – also eine Kombination aus Technik, Beratung und sozialer Intervention, die nicht allein durch Content-Moderation ersetzt wird.
Die Präventionsperspektive liefert dazu einen wichtigen Gegenpol. Sakina Abushi vom Verein ufuq.de beschreibt, wie islamistische Influencer und Prediger „einfache Antworten“ auf komplexe Fragen anbieten, häufig ohne Belege, und dabei eine Schein-Eindeutigkeit erzeugen – etwa mit der Behauptung, es gebe „die eine richtige, islamisch korrekte Antwort“ zu Themen wie Homosexualität oder Alltagsfragen wie „Darf ich Geburtstag feiern?“. Gleichzeitig treten nach ihren Angaben auch Gegenstimmen auf: Influencer, die sich selbst als religiös verstehen und progressive Ansichten vertreten. Für Unternehmen und Plattformbetreiber folgt daraus eine zentrale Implikation: Erkennungssysteme dürfen nicht nur eskalierende Inhalte jagen, sondern müssen auch den Kontext zulassen, in dem dialogfähige Alternativen sichtbar werden.
Regulatorisch und datenschutzbezogen wird das Thema besonders heikel, weil Ermittlungs- und Präventionsmaßnahmen im digitalen Raum oft mit Nutzerdaten, Protokollen und Analyseketten verbunden sind. Wenn Inhalte „knapp unterhalb der Strafbarkeitsschwelle“ operieren, steigt der Bedarf an klaren Verfahrenswegen: Welche Signale werden gesammelt, wie wird geprüft, und wie wird verhindert, dass legitime religiöse Diskussionen pauschal getroffen werden? Für die Praxis bedeutet das, dass KI-gestützte Detektion in ein nachvollziehbares Governance-Modell eingebettet sein muss, inklusive menschlicher Prüfung, Logging und Löschkonzepten. Ebenso wichtig ist Transparenz gegenüber Plattformen und Betroffenen, damit Maßnahmen wie verdeckte Ermittlungen oder Moderationsbeschlüsse nicht zur unbeabsichtigten „Overblocking“-Maschine werden.
In der Zukunft werden drei Entwicklungen zusammenlaufen: Erstens dürfte die KI-basierte Produktion in Extremismusszenen weiter standardisiert werden, weil Übersetzung und Variantenbildung den Aufwand senken. Zweitens werden Sicherheits- und Präventionsakteure verstärkt auf hybride Verfahren setzen – eine Mischung aus automatischer Auffindung, Risiko-Scoring und qualifizierter menschlicher Bewertung. Drittens wächst die Bedeutung von Community-orientierten Angeboten, die die von Abushi beschriebene „Beziehungsaufgabe“ operationalisieren. Für Entwickler entstehen damit realistische Aufgabenfelder: KI-Infrastruktur für Content-Analyse, robuste Auditierbarkeit für Modelle sowie Schnittstellen, die Plattformsignale rechtssicher in Präventionsarbeit übersetzen. Unternehmen, die in diesem Umfeld mitwirken, sollten frühzeitig Datenschutz, Qualitätsmetriken und Abuse-Resistenz in ihre Roadmaps integrieren.
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