ZÜRICH / LONDON (IT BOLTWISE) – ABB meldet für das zweite Quartal 2026 zweistelliges Plus bei Umsatz und Auftragseingang, angetrieben vor allem von Rechenzentren und dem Ausbau in Elektrifizierung und Antriebstechnik. Die operative Marge steigt auf 20,2%, nachdem das Unternehmen seine Zielspanne bereits angehoben hatte. Parallel plant ABB einen milliardenschweren Zukauf: Rotork soll für 5,5 Milliarden US-Dollar übernommen werden, der Abschluss wird für die erste Jahreshälfte 2027 erwartet. Die Börse reagierte dennoch gedämpft, weil die Bewertung des Deals als teuer gilt.

ABB kommt im zweiten Quartal 2026 in Fahrt: Sowohl der Umsatz als auch der Auftragseingang steigen laut Unternehmensangaben auf vergleichbarer Basis prozentual zweistellig, und die operative Marge verbessert sich erneut. Im Kern geht es um die starke Nachfrage aus dem Umfeld von Rechenzentren, wo Elektrifizierung und präzise Steuerung von Anlagen zunehmend entscheidend sind. Gerade in der Hochleistungs-Infrastruktur zählt dabei nicht nur die schiere Rechenkapazität, sondern die betriebliche Stabilität von Energieverteilung, Kühlung und Prozessautomatisierung. Für die nächste Ausbaustufe liefert ABB damit Argumente auf zwei Ebenen: bessere Auslastung und zugleich ein Portfolio, das entlang der Strom- und Steuerungskette andockt.
Technisch betrachtet spiegelt sich der Rückenwind in drei Dimensionen: höhere Volumina, Preiserhöhungen und vorteilhafte Wechselkurse. Der Konzernumsatz legt im Jahresvergleich um 14% auf 9,48 Milliarden US-Dollar zu; auf vergleichbarer Basis beträgt das Plus 12%. Der Auftragseingang als Leitindikator für den künftigen Umsatz wächst ebenfalls deutlich: auf vergleichbarer Basis um 28% auf gut 12 Milliarden US-Dollar. Besonders stark ziehen Bestellungen in den Segmenten Elektrifizierung und Antriebstechnik an. ABB führt den Marge-Anstieg (Ebita-Marge) auf Verbesserungen in zwei der drei Geschäftsfelder sowie niedrigere Verluste im E-Mobility-Bereich zurück.
Ein weiterer Teil der Story ist die operative Ergebnisqualität. Die Ebita-Marge steigt um 0,9 Prozentpunkte auf 20,2% und liegt damit innerhalb der zuletzt erhöhten Zielspanne von 18 bis 22%. Der den Aktionären zurechenbare Gewinn fällt mit 1,23 Milliarden US-Dollar um 7% höher aus als im Vorjahr. Für 2026 zeigt sich das Management etwas zuversichtlicher: Beim Umsatz peilt ABB nun ein Plus im niedrigen zweistelligen bis unteren Zehner-Prozent-Bereich an, nachdem zuvor noch ein Zuwachs im hohen einstelligen bis tiefen zweistelligen Korridor erwartet wurde. Zudem soll sich die operative Marge (Ebita) im Vergleich zum Vorjahreswert von 19,0% weiter verbessern.
Am Markt wurde die wirtschaftliche Schlagkraft der Zahlen positiv aufgenommen, zugleich aber der Zukauf kritisch beäugt. Hintergrund ist die Übernahme von Rotork, einem britischen Anbieter von Durchflusskontrollgeräten und elektrischen Stellantrieben. ABB bietet den Rotork-Aktionären 503 Pence je Aktie in bar und bewertet das Unternehmen damit auf 5,5 Milliarden US-Dollar. Die Finanzierung soll aus bestehenden Barmitteln, Bankkrediten sowie Erlösen aus der Veräußerung des Robotics-Geschäfts erfolgen. Die Marktreaktion fiel dennoch gedämpft aus: Während Analysten die Quartalsentwicklung als stark einstufen, belastete die Einschätzung, der Deal sei vergleichsweise teuer.
Als Wettbewerbskontext lohnt der Blick auf ähnliche Ausbaustrategien im Umfeld von Industrial Automation und Prozessinstrumentierung: Unternehmen wie Siemens oder Schneider Electric setzen ebenfalls auf die Verbindung von Energie- und Automatisierungssoftware mit Hardwarekomponenten. Auch außerhalb klassischer Steuerungen drängen Akteure wie Emerson in industrielle Regelungs- und Automatisierungsanwendungen. In diesem Umfeld wirkt ABBs Kombination aus Elektrifizierung, Antriebstechnik und zusätzlicher Flow- und Actuator-Kompetenz plausibel, weil Rechenzentren und industrielle Standorte zunehmend ganzheitlicher geplant werden. Rotork passt dabei vor allem über die Aktorik- und Regelungsschicht, die in modernen Anlagen sowohl für Effizienz als auch für eine stabile Lastführung benötigt wird.
Für das Verständnis der Marktlogik ist die Kapitalmarktbrille ebenso wichtig wie die Technik. Rotork ist in den Jahren 2022 bis 2025 durchschnittlich um etwa 8% pro Jahr aus eigener Kraft gewachsen. Für 2025 nennt ABB einen Umsatz von rund 1 Milliarde US-Dollar und eine bereinigte operative Gewinnmarge von 24,6%. Damit soll Rotork laut Berechnung rund 3% zum ABB-Konzernumsatz beitragen und die operative Marge unmittelbar stützen. ABB plant den Abschluss der Transaktion für die erste Jahreshälfte 2027. Die kurzfristige Reaktion an der Börse lässt sich damit als Balanceakt lesen: Operativ liefern die Quartalszahlen Rückenwind, aber der Cash-Einsatz und der implizite Bewertungshebel des Deals müssen sich erst nach der Integration beweisen.
Bei der Umsetzung stellt sich die Frage, wie schnell sich Synergien technisch und organisatorisch heben lassen. Rotork liefert Instrumentierung und Stellantriebe, ABB stark im Bereich Elektrifizierung und Automatisierung; der Mehrwert entsteht vor allem dann, wenn Engineering-Workflows, Produktfreigaben und Serviceprozesse zusammenwachsen. Technisch wäre zu erwarten, dass ABB künftig durchgängigere Lösungen für Steuerungsketten anbieten kann, etwa von der Energieeinspeisung über Antriebe bis zur feinjustierten Durchflussregelung. Das ist zugleich ein Enterprise-Thema: Kunden achten auf Integrationsaufwand, Ersatzteilverfügbarkeit und auf konsistente Sicherheits- und Diagnosefunktionen über Produktgenerationen hinweg.
Für die weitere Entwicklung dürfte neben der Integration vor allem die Nachfragekurve aus Rechenzentren entscheidend bleiben. ABB nennt für das dritte Quartal 2026 Wachstum des vergleichbaren Umsatzes im unteren bis mittleren Zehner-Prozent-Bereich und eine operative Marge oberhalb des zweiten Quartals. Zusätzlich zeigt die zeitliche Abstimmung mit dem Rotork-Deal, dass ABB seinen Wachstumshebel in die zweite Jahreshälfte und darüber hinaus verlängern will. Regulatorisch und sicherheitstechnisch gilt dabei: Mit mehr Hardware in kritischer Infrastruktur wachsen die Anforderungen an Cybersicherheit, Datenzugriff und Lifecycle-Management. Wer in diesem Feld konsistent auditierbare Updates, robuste Netzwerksegmentierung und klare Datenflüsse liefert, verschafft sich bei Enterprise-Kunden einen Vorteil.
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