LONDON (IT BOLTWISE) – Die BIZ sieht durch die Schließung der Straße von Hormus neue Angebotsschocks auf die Weltwirtschaft zukommen. Die Belastung reicht dabei weit über Öl hinaus und zieht laut Bericht die globale Inflation um rund 0,5 Prozentpunkte weiter an. Gleichzeitig könnten Zentralbanken Zinssenkungen länger aufschieben müssen, was Märkte in ein „higher for longer“-Szenario drückt. Für Unternehmen heißt das: Kosten-, Lieferketten- und Bewertungsrisiken treffen jetzt stärker aufeinander.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnt in ihrem aktuellen Jahresbericht, dass die Weltwirtschaft nach einer Phase unerwarteter Widerstandsfähigkeit erneut unter Druck gerät. Auslöser seien eine Häufung geopolitischer Schocks, die das Zusammenspiel aus Wachstum und Inflation wieder verschieben. Besonders auffällig ist die Logik dahinter: Wenn Energie- und Rohstoffknappheiten zuerst „nur“ die Preise treiben, aber dann in Kostenketten und Inflationserwartungen durchschlagen, wird aus einem temporären Angebotsschock schnell ein geldpolitisches Problem. Genau davor stellt die BIZ das Szenario „higher for longer“ in den Raum.
Im Zentrum steht der Konflikt im Iran, der Ende Februar 2026 eskalierte und nach Darstellung der BIZ zu einer faktischen Schließung der Straße von Hormus führte. Der daraus resultierende Ausfall habe sich auf mehr als zehn Millionen Barrel Rohöl pro Tag belaufen, also auf etwa 13 % der globalen Ölversorgung. Damit übertreffe die Unterbrechung sogar frühere Ölkrisen: In den 1970er-Jahren habe der Anteil laut Bericht bei rund 8 % gelegen. Die Reaktion am Markt war entsprechend: Die Ölpreise seien um 67 % auf ein Tageshoch von 120 US-Dollar je Barrel gesprungen. Der Schock ist damit nicht abstrakt, sondern preist sich unmittelbar ein.
Für die technische Einordnung der Lieferketten ist die regionale Verteilung entscheidend. Die BIZ betont, dass besonders Asien getroffen wurde: Vor dem Konflikt seien mehr als 80 % der über Hormus transportierten Öl- und Gas- sowie weitreichende Mengen für asiatische Abnehmer bestimmt gewesen. Japanische Raffinerien hätten dem Bericht zufolge rund 70 % ihres Rohöls über die Meerenge bezogen. Das zeigt, warum sich Verzögerungen nicht einfach „wegsteuern“ lassen. Anders als bei späteren Rohstoff-Umleitungen brauchen Raffinerien und Chemieanlagen Planungssicherheit, Mindestdurchlaufzeiten und kompatible Qualitäten. Auch die IEA habe zwar mit der Freigabe von 400 Millionen Barrel aus strategischen Reserven gegengehalten, doch habe das nur etwa 20 Tage des ausgefallenen Angebots kompensiert.
Der zweite Belastungsblock geht über Energie hinaus. Die BIZ macht ausdrücklich klar, dass der Schock nicht bei Öl und Gas endet, weil der Nahe Osten auch für Exporte von Düngemitteln, Petrochemikalien und Helium in relevanten Größenordnungen steht. Physische Schäden an Energieinfrastruktur seien zudem ein zusätzliches Risiko: Laut Bericht seien mehr als 40 Anlagen in neun Ländern der Region betroffen. Selbst nach einer politischen Entspannung könnten damit Fördermengen noch Jahre hinterherhinken. Dazu kommt, dass viele Förderländer wegen fehlender Lagerkapazität Bohrungen vorübergehend stilllegen („shut-ins“) müssten. Ergebnis: Selbst bei sinkenden Spotpreisen kann das „Problem“ in den Volumen- und Kostenstrukturen weiterlaufen.
Spätestens hier wird das inflationäre Muster sichtbar. Die BIZ ordnet die wirtschaftliche Wirkung so ein, dass die globale Inflation seit Beginn des Konflikts um etwa einen halben Prozentpunkt gestiegen sei. Besonders deutlich seien Preissprünge in Segmenten wie Kunststoffen und Düngemitteln gewesen, also dort, wo Rohstoffe und Vorprodukte direkt in Produktionskosten übersetzen. Die Warnung zielt auf die zweite Runde: Kosteneffekte wandern durch Lieferketten und Preisbildungsmechanismen weiter, auch wenn sich die Energiepreise wieder normalisieren sollten. Für Unternehmen heißt das in der Praxis: Budget- und Prognosemodelle müssen nicht nur Rohstoff-Charts abbilden, sondern auch die Verzögerungseffekte in Beschaffung, Logistik und Vertragsgestaltung.
Aus der Geldpolitik leitet die BIZ ein verschärftes Dilemma ab, das mehrere Notenbanken gleichzeitig trifft. Wenn Märkte nach Angebotsschocks nicht nur stabile Leitzinsen erwarten, sondern Zinserhöhungen einpreisen, geraten Pfadabhängigkeiten unter Druck. Die BIZ nennt hier explizit die USA, die Eurozone, Großbritannien und Kanada. Im Kern geht es um Glaubwürdigkeit: Notenbanken können Angebotsschocks kurzfristig oft „durchschauen“, stoßen aber an Grenzen, sobald Zweitrundeneffekte und ein Abdriften der Inflationserwartungen wahrscheinlicher werden. In diesem Wettbewerb der Zentralbanken um den richtigen Erwartungsanker wirkt „higher for longer“ zunehmend plausibel. Für Aktienmärkte bedeutet das: Hohe Kurs-Gewinn-Verhältnisse treffen auf eine sinkende Risikoprämie, wodurch Enttäuschungen schneller auf Bewertungsniveaus durchschlagen.
Auch wenn die BIZ in erster Linie makroökonomisch argumentiert, lassen sich daraus konkrete Handlungsimplikationen für die Unternehmens- und KI-Infrastruktur ableiten. Erstens verschiebt sich die Planungslogik: Szenarien müssen längerfristige Zins- und Kapitalkosten berücksichtigen, weil sie Investitionsbudgets, Cloud- und Rechenzentrumsentscheidungen sowie M&A-Parameter beeinflussen. Zweitens sollten Lieferketten- und Kostenmodelle stärker auf „Supply-Shock-Propagation“ ausgelegt werden, also darauf, wie sich Energieknappheit in Vorprodukten und später in Endpreisen fortsetzt. Drittens wird Regulatory- und Compliance-Arbeit wichtiger, etwa bei Sanktionen, Exportkontrollen und beim Nachweis von Transport- und Herkunftswegen. Für den Ausblick heißt das: Wenn die Straße von Hormus weiterhin ein geopolitischer Risikofaktor bleibt, werden Finanz- und Betriebsrisiken enger verzahnt bleiben, und die „Zinsannahmen von heute“ könnten über Quartale hinweg zu kurz greifen.
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