LONDON (IT BOLTWISE) – Ein indisches Startup, Vimag Labs, will einen E-Motor patentieren lassen, der ohne seltene Erden auskommt. Statt Permanentmagneten soll ein digital erzeugtes Magnetfeld die nötige Antriebskraft liefern. Das erhöht die Rohstoff-Unabhängigkeit, wirft aber Fragen zur Energieeffizienz im realen Fahrbetrieb auf. Mit einer frischen Finanzierung will das Team die Technologie jetzt von Testläufen in den Alltag bringen.

Die Abhängigkeit von knappen Rohstoffen ist in der E-Mobilität längst zu einem Technologieproblem geworden, nicht nur zu einem Einkaufsthema. Genau hier setzt Vimag Labs an: Das Startup aus Indien stellt einen E-Motor in den Mittelpunkt, der „seltene Erden“ im Motor selbst vermeiden will. Der Kernansatz: Kein Neodym-Eisen-Bor oder ähnliches Material, sondern ein Magnetfeld, das über Software und die zugehörige Leistungselektronik so erzeugt wird, dass es zur richtigen Zeit und an der richtigen Stelle wirkt. Damit verschiebt sich die Wertschöpfung spürbar von der Materialseite hin zur Steuerungstechnik.
Technisch wird der Unterschied zwischen klassischem Permanentmagnet-Antrieb und dem neuen Ansatz sofort greifbar. Bei vielen heutigen Antriebskonzepten sind feste Magnete dafür verantwortlich, dass ein Rotor schnell und effizient Drehmoment aufbaut. Vimag Labs verfolgt stattdessen ein Prinzip, bei dem das Magnetfeld digital „simuliert“ und in Echtzeit nachgeführt wird: Eine Software steuert die Elektronik so fein, dass das Feld dort entsteht, wo es gebraucht wird. Das ist im Grunde eine starke Kombination aus Regelungstechnik, präziser Sensorik (je nach Auslegung) und moderner Stromrichter-Logik, die dynamisch auf Last und Drehzahl reagiert. Das Patent soll auf 87.600 Ingenieurstunden zurückgehen.
Der Markt beobachtet solche Schritte seit Jahren, weil China bei der Verarbeitung von Magnet-Seltenerdmetallen eine dominierende Rolle spielt. Wie der Energie- und Klimaberichtsnachweis der Internationalen Energieagentur (IEA) aufschlüsselt, entfallen rund 91 Prozent der weltweiten Verarbeitung von „Magnet-Seltenerdmetallen“ und etwa 94 Prozent der Permanentmagnet-Produktion auf China. Entsprechend ist der politische und industrielle Druck groß: Autobauer suchen nach Wegen, Lieferkettenrisiken zu reduzieren, und investieren parallel in Alternative Werkstoffe und Motorarchitekturen. Vimag Labs’ Timing wirkt deshalb strategisch: Das Unternehmen will mit einer Finanzierung von fünf Millionen US-Dollar (ca. 4,4 Millionen Euro) zeigen, dass das Konzept außerhalb des Labors funktioniert.
Im Wettbewerbsvergleich ist der Ansatz nicht der erste Versuch, seltene Erden aus dem Antrieb zu verdrängen. Tesla hat bereits 2023 kommuniziert, dass der Motor der nächsten Generation keine seltenen Erden nutzen soll. Auch GM und Stellantis haben Unterstützungsstränge für alternative Magnetmaterialien adressiert, etwa über sogenannte „Clean Earth“-Konzepte. Daneben existieren etablierte Alternativen: BMW entwickelt seit Jahren Konzepte, bei denen statt fester Magnete Strom durch Spulen geleitet wird. Der Nachteil liegt typischerweise in zusätzlichem Kupfer und einer aufwendigen Stromverteilung, was Masse und Verluste erhöhen kann. Zusätzlich zeigt der japanische Zulieferer Astemo (Hitachi/Honda) einen Weg über Reluktanzmotoren, die ohne Dauermagnete auskommen, indem die Eisenkern-Geometrie die Rotationskraft trägt.
Genau hier liegt die unternehmerische und engineeringseitige Kernfrage: Wie gut skaliert die Software-basierte Magnetfeld-Erzeugung über den gesamten Fahrbereich? Kritiker weisen darauf hin, dass magnetfreie Motoren häufig mehr Strom benötigen, weil die Magnetisierung kontinuierlich bzw. bedarfsabhängig bereitgestellt werden muss. Entscheidend wird deshalb, wie hoch die Effizienz bei Teillast, im Beschleunigungs- und Rekuperationsbetrieb und unter realistischen Temperatur- sowie Alterungseinflüssen bleibt. Aus Systemsicht steht außerdem die Auslegung der Leistungselektronik im Fokus: Stromrichter, Regelalgorithmen, thermisches Management und EMV-Anforderungen müssen zusammenpassen. Vimag Labs nennt bereits erste Testläufe mit Herstellern von Zweirädern und Autos, aber der große Benchmark ist erst der Serienfahrzyklus.
Für die nächsten Jahre deutet die Marktdynamik auf hohe Relevanz solcher Lösungen hin: Laut IEA hat sich die Nachfrage nach den wichtigsten Magnet-Seltenerdmetallen seit 2015 bereits verdoppelt und dürfte bis 2030 um ein weiteres Drittel steigen. Wenn diese Entwicklung eintritt, könnte die Kostenstruktur in der Antriebskette stärker unter Druck geraten, selbst wenn einzelne Förder- oder Verarbeitungswege neue Lieferanten zulassen. Gleichzeitig sinkt mit alternativen Motorprinzipien das Risiko von Preissprüngen durch Engpässe, weil Hersteller weniger „magnet-spezifische“ Abhängigkeit haben. Regulatorisch und sicherheitstechnisch bekommt das Thema zusätzlich Gewicht: Softwaregesteuerte Antriebe erfordern belastbare Sicherheitsmechanismen, nachvollziehbare Funktionen und ein sauberes Daten- und Logging-Konzept für Tests und Feldbetrieb. Wenn Vimag Labs im nächsten Schritt die Leistungselektronik- und Regelungsarchitektur für Serienreife stabilisiert, entsteht daraus nicht nur ein Patent, sondern ein neues Entwickler-Ökosystem rund um KI-gestützte Optimierung von Drehmoment, Effizienz und Robustheit.
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