LONDON (IT BOLTWISE) – Ein US-Value-Investor stellt Bitcoin als „nutzlos“ und „spekulativ“ dar und verweist auf dessen Kurseinbrüche. Doch die Argumente greifen nur teilweise: Blockchain-Analysen zeigen, dass illegale Aktivitäten längst stärker in Stablecoins abwandern, während Bitcoins Angebotsmechanik weiterhin wirkt. Gleichzeitig ist die Preisvolatilität nicht mit dem langfristigen Angebots- und Nachfrageprofil identisch. Der Beitrag ordnet Granthams Punkte technisch, marktseitig und mit Blick auf Regulierung sowie Unternehmensrisiken ein.

Jeremy Grantham, Mitgründer von GMO und als Krisenprognostiker aus der Finanzgeschichte bekannt, hat Bitcoin erneut öffentlich abgewertet: In einem TV-Auftritt Ende Juni bezeichnete er die Krypto-Währung als nutzlos und spekulativ, die langfristig „verpuffen“ werde. Der Kern seines Arguments ist dabei weniger die Technologie an sich, sondern die Kursentwicklung: Während traditionelle Märkte stabil liefen, sei Bitcoin nach einem Hoch im Oktober 2025 eingebrochen. Solche Vergleiche wirken auf den ersten Blick stimmig – werden aber schnell unpräzise, sobald man zwischen kurzfristiger Preisbildung und dem technischen Fundament unterscheidet.
Technisch betrachtet wird Granthams „Nützlichkeit“-These besonders wacklig, weil sie ein bestimmtes Nutzungsbild voraussetzt: Bitcoin als permanentes Einfallstor für Betrüger. Wie sich aus der 2026er „Crypto Crime Report“-Darstellung der Blockchain-Analysefirma Chainalysis ableiten lässt, verlagern Kriminelle jedoch immer stärker ihr On-Chain-Verhalten weg von Bitcoin hin zu Stablecoins. Konkret entfallen laut Bericht 84% des illegalen Volumens auf Stablecoins, während der Anteil klassischer Aktivitäten rund um Bitcoins Ledger relativ zurückgeht. Damit verliert das Argument „alles ist nur Betrug“ an Plausibilität – auch wenn es für einzelne Fälle weiterhin zutreffen kann.
Der entscheidende Punkt ist nicht, dass Bitcoin „clean“ ist, sondern wie sich Zahlungsströme und Tooling entwickeln. Bitcoins Ledger ist permanent und öffentlich in dem Sinne, dass Transaktionen grundsätzlich nachvollziehbar sind. Für viele Ermittlungsansätze zählt genau diese Kombination: deterministische Historie plus Auswertbarkeit. Angreifer sind keine Ideologen, sondern optimieren Aufwand und Risiko. Wenn Stablecoins in bestimmten Deliktmustern häufiger eingesetzt werden, liegt das oft an Liquidität, Marktmechanik und dem schnelleren Zugang zu Brokerage- und Tauschwegen, nicht allein an der „Bösartigkeit“ eines Netzwerks.
Granthams zweite, ernsthaftere Kritik zielt auf den Preis: Nach Oktober 2025 sei Bitcoin gefallen, obwohl Aktienmärkte vergleichsweise stark wirkten. Ja, diese Diskrepanz lässt sich beobachten – aber die Frage lautet, worauf man überhaupt „setzt“. Bitcoin ist keine Wette auf Stabilität im Sinne makroökonomischer Korrelationen, sondern strukturiert durch zwei technische Säulen: einen harten Angebotsdeckel von 21 Millionen BTC und die regelmäßige Halbierung der Mining-Belohnung. Diese Mechanik zwingt das neue Angebot über Zeit in eine langsamere Wachstumsrate. Das garantiert keinen Kursanstieg im Wochen- oder Monatsrhythmus, verschiebt aber die langfristige Angebotsseite.
Genau an dieser Stelle kippt die Logik seiner Gegenüberstellung. Ein Kurs kann fallen, selbst wenn die technischen Angebotsbedingungen über Jahre hinweg gelten. Kurseinbrüche entstehen typischerweise durch kurzfristige Nachfrageänderungen, Liquiditätsphasen, Leverage-Reduktionen und Wechselkurs- oder Risikoaversionseffekte, weil Bitcoin in Fiat-Währungen gehandelt wird. Entscheidend ist: Die Angebotsfunktion „kann nicht gedruckt“ und „nicht schneller produziert“ werden, als sie technisch vorgesehen ist. Für die langfristige Tendenz zählt zudem, ob genug Marktteilnehmer bereit sind zu kaufen – nicht, ob die Wertüberzeugung in der Tokenomics allein sichtbar ist.
Damit steht Bitcoin in einer Reihe mit bekannten Bewertungsnarrativen, aber mit anderer Mechanik als klassisches Asset Pricing. Der Markt muss jederzeit erklären, warum er gerade kauft oder verkauft, und gerade das öffnet Raum für Skepsis. Historisch hat sich gezeigt, dass die Kombination aus knapper werdendem Neuzufluss und wiederkehrender Nachfrage nicht automatisch zu linear steigenden Kursen führt, aber die langfristige Bias-Richtung beeinflusst. Grantham steht damit nicht allein: Auch Warren Buffett bezeichnete Bitcoin in der Vergangenheit ähnlich abwertend, und Charlie Munger äußerte sich in eine vergleichbare Richtung. Dass diese Platzhirsche danebenliegen könnten, heißt nicht, dass Bitcoin „nur“ steigt – sondern, dass ihre Bewertungslogik die besondere Angebots- und Nachfragekopplung unterschätzt.
Für Unternehmen und Entwickler ergibt sich daraus eine praktischere Lesart als für Debatten im TV. Wer Krypto-Infrastruktur, Treasury-Entscheidungen oder Compliance-Prozesse verantwortet, kann aus den Mechanismen ableiten, wo Risiken entstehen: Volatilität bleibt ein echtes Marktrisiko, aber sie folgt nicht identisch dem Verhalten anderer Anlageklassen. Gleichzeitig verschärft sich die regulatorische Perspektive, weil Nachverfolgbarkeit, KYC/AML und Handelsplatz-Regeln zunehmend ineinandergreifen. In der EU etwa prägen Rahmen wie MiCA und strafrechtliche Durchgriffslogiken das Erwartungsbild an Anbieter. Die Folge: Für professionelle Anwendungen zählt weniger die Schlagzeile über „Nutzlosigkeit“, sondern die Fähigkeit, Transaktionen, Gegenparteien und Abwicklungswege nachweisbar zu steuern.
Der Ausblick hängt weniger an Granthams Prognose über Jahrzehnte als an dem, was in den nächsten Zyklen technisch und marktseitig passiert. Erstens ist plausibel, dass sich Kriminalitätsmuster weiter verlagern – aktuell eben stärker in Richtung Stablecoins –, während Ermittlungs- und Risiko-Scoring-Techniken nachziehen. Zweitens wird die Halbierungslogik zwar das Angebot über die Zeit verlangsamen, aber die tatsächliche Preiswirkung wird weiterhin davon abhängen, wie breit institutionelle Nachfrage ausfällt und wie stark Leverage im Markt reduziert oder aufgebaut wird. Drittens entsteht für Entwickler eine Chance: Wenn Unternehmen Bitcoin nicht als „Allheilmittel“, sondern als nachvollziehbares Abwicklungs- und Wertaufbewahrungselement in sauberer Governance betreiben, werden robuste Integrationen wichtiger.
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