BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Auf dem ehemaligen Flughafen Tegel entsteht mit der Urban Tech Republic ein Forschungs- und Industriepark. 42 Firmen und Institutionen arbeiten bereits in Bestandsflächen, während neue Grundstücke ab sofort vermarktet werden. Parallel laufen Planungen für das denkmalgeschützte Terminalgebäude mit Hochschule sowie für ein großes Wohnquartier im Schumacher Quartier. Besonders spannend: Auf dem Gelände werden Reallabore für Sensorik, Drohnentechnik und autonome Mobilität in einem rechtlich abgesicherten Rahmen getestet.

Wo früher Maschinen im Minutentakt starteten, sollen künftig Unternehmen an Lösungen für Mobilität, Energie und digitale Infrastruktur arbeiten. Auf dem 500 Hektar großen Areal des ehemaligen Flughafens Tegel wird die Nachnutzung über zwei Schwerpunkte gedacht: die Urban Tech Republic rund um das markante Terminalgebäude sowie ein weiter östlich geplantes Wohnquartier. Berlin TXL Management bündelt dabei Flächen, Immobilien und Vermarktung und spricht von einem langfristigen Ziel, dort nachhaltig zu wohnen, zu arbeiten und zu forschen – mit erneuerbaren Energien und CO2-neutralem Betrieb als Leitplanken. Schon heute werden Bestandsgebäude wie Hangars und Frachthallen genutzt.
Technisch betrachtet ist die Besonderheit weniger das „Campus-Feeling“, sondern die Kombination aus Infrastruktur und Testumgebung. Die Urban Tech Republic umfasst laut Angaben vor Ort nicht nur klassische Büro-, Werkstatt- und Community-Flächen, sondern auch rund 60 Hektar „Experimentierraum“ am Boden und in der Luft. Genau diese Mischung ermöglicht es, reale Systeme zu prüfen, ohne jedes Mal bei der Infrastruktur bei Null zu beginnen. Dazu gehören laut Projektbeschreibung Tests für autonom gesteuerte Fahrzeuge und Drohnentechnologie. Im Reallabor-Ansatz wird eine technisch und rechtlich sichere Umgebung betont, was für Industriepartner vor allem bei Pilotläufen mit Sensorik und Betriebslogistik entscheidend ist.
Am Standort sind derzeit 42 Firmen und Institutionen mit etwa 450 Beschäftigten aktiv. Sie kommen aus Bereichen wie Mobilität, Energie, Werkstoffe, Sensorik und digitaler Infrastruktur. Als konkretes Beispiel wird das Startup Earthbound genannt, das in einem Hangar recycelbare Lehmziegel und Mörtel aus Baustellenaushub produziert. Das passt in eine größere Linie: Auf einem ehemaligen Airport lassen sich Produktions- und Testflächen oft schneller zusammenbringen, als es in klassischen Gewerbegebieten möglich wäre, weil die Flächenstruktur bereits „workflow-tauglich“ ist. Im Wettbewerb mit anderen Startup- und Tech-Campus-Programmen der Bundesländer dürfte vor allem der Zugriff auf große, testfähige Areale ein Standortvorteil sein.
Besonders relevant für den Markt ist, wie stark die Plattform auf reale Detektions- und Sicherheitsszenarien setzt. Das Startup Projekt Q befasst sich dabei mit Überwachungslösungen für Gebäude oder Gebiete und nutzt in Tegel Radar, Drohnen, Audiosensoren, Kameras sowie weitere Detektionssysteme. Für Unternehmen, die solche Use Cases entwickeln, ist das Skalierungsproblem meist zweigeteilt: Erstens müssen Modelle und Sensorfusion in der Praxis robust funktionieren, zweitens erfordern Anwendungen im Umfeld von Erfassung und potenzieller Einschränkung von Privatsphäre klare Regelwerke. Entsprechend rückt Datenschutz nach DSGVO, die Zweckbindung der Daten sowie Sicherheits- und Zugriffskontrollen in den Vordergrund – gerade weil Sensorik-Outputs schnell in viele Systeme weiterreichen.
In der Vermarktung verschiebt sich der Fokus von Bestandsflächen hin zu neu erschlossenen Grundstücken. Nach Angaben des TXL-Managements wurde bereits die Vermarktung neuer Parzellen gestartet, zuvor mussten diese mit Energie- und Wasserversorgung sowie Aufbereitung ausgestattet werden. Ein Vertrag für einen ersten Investor mit einem 7.000-Quadratmeter-Grundstück stehe unmittelbar bevor, weitere Flächen sollen im Herbst angeboten werden. Für 2027 werden rund 95.000 Quadratmeter Gewerbeflächen in Aussicht gestellt, 2028 weitere etwa 124.000 Quadratmeter. Der Hebel ist dabei nicht nur die Menge, sondern die Geschwindigkeit: Sobald neue Erbbaurechts-Flächen verfügbar sind, lassen sich Pilot-zu-Produkt-Übergänge für Software-, Hardware- und Fertigungsprojekte besser planen.
Auch die Großbauten sind termingetrieben und wirken wie ein Zeitplan für die nächste Projektwelle. Die Sechseck-Terminals stehen weitgehend unter Denkmalschutz und bleiben erhalten. Terminal A soll von der Berliner Hochschule für Technik genutzt werden; die Vorarbeiten seien abgeschlossen, der Spatenstich für den Umbau stehe kurz bevor. Ziel sind Anfang der 2030er Jahre 2.500 Studierende. Terminal B ist als Gründungs-, Innovations- und Kongresszentrum geplant, mit Vorarbeiten für einen Umbeginn ab 2028. Terminal D soll Technologiezentrum für Mobilität, KI und Robotik werden, die Bauplanung startet demnächst. Das Schumacher Quartier wiederum bringt auf 46 Hektar mehr als 5.000 Wohnungen für über 10.000 Menschen; im August startet Degewo zunächst mit 337 Wohnungen, teils mit Holzhybridbauweise und ab Mieten ab sieben Euro je Quadratmeter.
Schließlich entscheidet die Verkehrsanbindung darüber, ob die Quartiersidee im Alltag ankommt. Anfang 2024 fiel laut Senatsbeschluss die Grundsatzentscheidung für eine Straßenbahn; als mögliches Fertigstellungsjahr wird 2034 mit Anbindung an die U6 diskutiert. Bis dahin braucht es Interimslösungen. Der Projektverantwortliche nennt Gespräche mit der BVG und perspektivisch eine Anbindung des Innovationszentrums im Terminal B ab 2031 an U- und S-Bahn – mit autonom gesteuerten Fahrzeugen. Für den Wettbewerb mit anderen Urban-Tech-Standorten ist das ein klares Signal: Nicht nur Technologie, sondern auch Mobilität und Erreichbarkeit werden zur Grundlage, damit Unternehmen Teams gewinnen, Projekte in kurzen Zyklen laufen lassen und Betriebszeiten planbar bleiben. In Summe entsteht damit ein Reallabor, dessen nächste Phase stark von regulatorischer Sauberkeit, Energie- und Wasserinfrastruktur sowie von der tatsächlichen Infrastruktur-Anbindung abhängt.
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