LONDON (IT BOLTWISE) – Der milliardenschwere Investor Jeremy Grantham nennt Bitcoin ein „nutzloses“ und rein spekulatives Konstrukt. Der Kern seiner These wird jedoch von aktuellen Daten zur Krypto-Kriminalität herausgefordert: Stablecoins dominieren inzwischen einen Großteil des illegalen On-Chain-Volumens. Gleichzeitig ist Bitcoin wirtschaftlich nicht primär als Wette auf kurzfristige Stabilität konzipiert, sondern über zwei langfristige Mechanismen strukturiert. Der Artikel ordnet Granthams Argumente ein, nennt die technischen Hintergründe und zeigt, welche Konsequenzen sich für Unternehmen und Compliance ergeben.

Jeremy Grantham, der Mitgründer von GMO und berüchtigt für starke makroökonomische Prognosen, hat im Umfeld der jüngsten Korrekturen erneut gegen Bitcoin Stellung bezogen. Konkret ging es um den deutlichen Rückgang: Bitcoin liegt rund 48% unter seinem Allzeithoch vom Oktober 2025 bei 126.080 US-Dollar. Auf CNBCs „Squawk Box“ bezeichnete Grantham die Kryptowährung als „nutzlos“ und als spekulatives Asset, das über Jahrzehnte „leise“ verschwinden werde. Dass er mit dieser Skepsis nicht allein ist, zeigen frühere Kommentare von Warren Buffett und Charlie Munger. Doch gerade der technische Kern der Debatte wird dabei häufig verkürzt.
Technisch betrachtet ist Bitcoin vor allem eine beispiellose Kombination aus knapperem Angebot und öffentlicher, dauerhaft nachvollziehbarer Buchführung. Die 21 Millionen BTC als hart gedecktes Gesamtangebot sind keine Marketingformel, sondern ein Protokollziel, das im Code verankert ist. Dazu kommt die regelmäßige Halbierung der Mining-Belohnung, die die neu entstehenden Einheiten zeitlich gedämpft in den Markt bringt. Für die Kursentwicklung im Zeitverlauf bedeutet das: Bitcoin ist nicht „stabil“ im Sinne klassischer Cashflows, sondern seine Mechanik verschiebt über lange Horizonte das Angebotsprofil zugunsten derjenigen, die eher halten als traden. Das kann Aufwärtsdruck erzeugen – auch wenn einzelne Phasen, etwa rund um große Makro-Schocks, gegenläufig wirken.
Ein Teil von Granthams Kritik zielt trotzdem auf etwas anderes: Er argumentierte sinngemäß, Bitcoin ermögliche hauptsächlich Betrug, weil es Geldtransfers „für Betrüger“ erleichtere. Genau hier liefert der aktuelle Blick auf On-Chain-Analytik einen Gegenpunkt. Laut dem 2026 „Crypto Crime Report“ von Chainalysis entfallen inzwischen etwa 84% des illegalen On-Chain-Volumens auf Stablecoins. Die Logik dahinter ist pragmatisch: Viele kriminelle Akteure wechseln die Instrumente, sobald sie für ihre Zwecke bessere Liquidität, planbarere Wertmessung und häufig auch effizientere Abwicklung benötigen. Dadurch wird Granthams Einordnung zumindest in der Absolutheit falsch – nicht weil Bitcoin „sauber“ wäre, sondern weil die Angriffswerkzeuge sich weiterentwickelt haben.
Damit verschiebt sich die Debatte von „Bitcoin als Ursprung des Verbrechens“ hin zu „Welche Krypto-Instrumente werden in illegalen Flows wie genutzt?“ Aus Markt- und Risikosicht ist das relevant, weil Unternehmen bei der Ausgestaltung von Compliance- und Monitoring-Workflows genau diese Pfadabhängigkeiten berücksichtigen müssen. Wenn stabile, dollar-nahe Tokens bei illegalen Transaktionen dominieren, dann sind auch Detection-Modelle, Schwellenwerte und Review-Prozesse stärker auf Stablecoin-Umgebungen auszurichten. Gleichzeitig verbessert die öffentliche Nachvollziehbarkeit von Bitcoin-Transaktionen zumindest dort die Ermittlungsarbeit, wo Labels und Clustering zuverlässig greifen. Für Datenschutz- und Regulierungsfragen heißt das: Nicht Datenlosigkeit ist das Problem, sondern die richtige Balance aus Transparenz, rechtlicher Grundlage und operativer Kontrolle.
Ein weiterer, ernsthafter Kritikpunkt bleibt die Preisreaktion nach dem Oktober 2025: Bitcoin sei trotz starkem Aktienmarkt gefallen. Diese Beobachtung stimmt als Momentaufnahme, erklärt aber nicht die Fundamentallogik. Bitcoin ist nicht wie eine Aktie primär an Unternehmensgewinne oder kurzfristige Konjunktur-Indikatoren gekoppelt. Vielmehr wirkt die strukturelle Angebotsverlangsamung durch das Halbierungsregime als langfristiger Bias. In Phasen, in denen Risikoassets insgesamt abverkauft werden oder Liquidität knapp wird, kann dieser Bias kurzfristig überlagert werden. Gleichzeitig sorgt die Denominierung in Fiatwährungen dafür, dass Inflations- und Zinsnarrative indirekt auf die Nachfrage durchschlagen – selbst dann, wenn das Protokoll unverändert bleibt.
Für die Einordnung hilft auch der Blick auf die Kapitalmarkt-„Signale“, die Grantham in dem Kontext nicht adressiert. Bereits 2009 tauchte in diesem Umfeld ein „Double Down“-Signal für NVIDIA auf, ein Beispiel dafür, wie sich Marktlogik manchmal gegen Konsenspositionen richtet. Natürlich ist Bitcoin kein Halbleiterunternehmen, und die Werttreiber sind andere. Aber die Parallele zeigt, wie gefährlich es sein kann, kurzfristige Preisbewegungen mit einer Schlussfolgerung über die langfristige Architektur zu verwechseln. Marktanalysen ordnen solche Korrekturen häufig als Liquiditäts- und Erwartungsphase ein, nicht als endgültigen Beweis für „Nutzenlosigkeit“. Genau diese Vermischung adressiert der vorliegende Faktencheck.
Aus Unternehmensperspektive wird die Frage weniger „Wer hat recht?“ und mehr „Wie baut man mit dieser Volatilität und Transparenz?“ In der Praxis heißt das: KI-gestützte Systeme für Fraud Detection und Treasury-Überwachung müssen On-Chain-Routen, Kontraktmuster und Token-Migrationen erfassen – und nicht nur „Bitcoin als Ganzes“. Wenn Stablecoins im illegalen On-Chain-Volumen dominieren, sollten Risiko-Modelle die Token-Ökosysteme gleichwertig gewichten. Zugleich verlangt das Regulierungsumfeld, je nach Jurisdiktion, eine belastbare Dokumentation der Prüfpfade, insbesondere bei Verdachtsfällen. Künstliche Intelligenz kann hier helfen, Muster schneller zu erkennen, darf aber die Governance nicht ersetzen.
In die Zukunft blickend sprechen mehrere Indikatoren für eine fortschreitende Differenzierung zwischen „Blockchain als Datengrundlage“ und „Kryptoassets als Nutzungsinstrument“. Wahrscheinlich ist nicht, dass Bitcoin als Protokoll verschwindet, sondern dass sich Verwendungen und Risikoexpositionen weiter verlagern. Die wachsende Rolle von Stablecoins bei illegalen Flows deutet darauf hin, dass die kriminelle Seite ihr Toolset optimiert, während Prävention und Analytik aufholen. Für die KI-Entwicklung ergibt sich daraus eine klare Implikation: Semantische Graph-Analysen, Ereignisdetektion und dynamische Risikoprofile werden wichtiger, statt nur statische Blacklists zu pflegen. Unterm Strich ist Granthams „nutzlos“-These daher zu pauschal, während die technische und marktwirtschaftliche Struktur von Bitcoin differenzierter bewertet werden muss.
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