LONDON (IT BOLTWISE) – MediaMarkt will den Kaufabschluss aus der Kassenschlange auf die Verkaufsfläche verlagern. Mit „Pay-on-Shopfloor“ sollen Kundinnen und Kunden ihren Einkauf direkt dort bezahlen können, wo die Beratung stattfindet. Parallel plant die Muttergesellschaft Ceconomy digitale Produktberatungen per Videoanruf und setzt ein KI-Tool für Verkaufsgespräche ein. Das Konzept soll zeitnah starten, auch wenn Details zu Standorten und Zahlungsmethoden noch offen sind.

MediaMarkt versucht, den letzten Reibungspunkt im Retail-Prozess zu entschärfen: das Warten an der Kasse. Nach Angaben zum geplanten Servicekonzept soll der Kaufabschluss künftig auf die Verkaufsfläche wandern. Unter dem Namen „Pay-on-Shopfloor“ ist vorgesehen, dass Kundinnen und Kunden ihren Einkauf direkt dort abschließen, wo sie zuvor beraten wurden. Die Muttergesellschaft Ceconomy will die Einführung „zeitnah“ umsetzen, nennt aber kein konkretes Startdatum. Damit folgt der Konzern einem Trend, den bereits mehrere Wettbewerber mit „schnellerem Check-out“ adressieren – nur dass hier der Schwerpunkt stärker auf dem Beratungsgespräch und weniger auf Self-Scanning liegt.
Technisch ist „Pay-on-Shopfloor“ vor allem eine Frage der Systemarchitektur zwischen Filialsystemen, Payment-Infrastruktur und Bedienoberflächen. In der Praxis braucht es eine robuste Kopplung zwischen Produktinformationen im Markt, dem Warenkorbstatus der Kundschaft und dem eigentlichen Zahlungsfluss. Da der Input keine Details zu Zahlungsmethoden oder zur zuerst betroffenen Länder-/Standortgruppe nennt, lässt sich der wahrscheinlichste Weg ableiten: erst eine kontrollierte Rollout-Welle in ausgewählten Filialtypen, danach eine Skalierung auf weitere Standorte. Entscheidend ist außerdem die Offline-/Low-Latency-Fähigkeit, weil Retail-Zonen häufig schwankende Netzbedingungen aufweisen und Payment-Prozesse nicht „warten“ dürfen.
Ergänzend zum Bezahlen auf der Fläche kündigt Ceconomy eine zweite Baustelle an: Beratung per Videoanruf. Medienangaben zufolge sollen solche Produktberatungen zunächst in Flagship-Stores sowie in „Tech Villages“ erprobt werden. Ziel ist, dass Mitarbeitende nicht nur physisch, sondern auch digital als Ansprechpartner fungieren. Genau hier entsteht ein interessanter Vergleich: Während viele Händler bei Video-Services vor allem auf zentral organisierte Contact-Center setzen, wirkt das Modell eher wie eine Erweiterung der Filialrollen. Für den Betrieb heißt das, dass Schulung, Rollenverteilung und Qualitätskontrolle stärker verknüpft werden müssen, weil ein Beratungsgespräch zugleich Verkauf, Markenvertrauen und Support ist.
Besonders relevant für Unternehmen ist die dritte Komponente: KI-Unterstützung im Verkauf. Laut den Projektbeschreibungen wird ein KI-Werkzeug auf den mobilen Arbeitsgeräten des Personals getestet, das Verkaufsgespräche begleiten und in Echtzeit Produktinformationen bereitstellen soll. Zusätzlich läuft ein Pilotprojekt mit einem KI-Agenten, der nach vorheriger Zustimmung Hilfe anbietet, statt eine Anfrage abzuwarten. Das ist näher an „assistierter“ als an „automatisierter“ Interaktion: Mitarbeitende behalten die Steuerung, während KI den Informationsfluss glättet. Gleichzeitig steigt damit die Verantwortung für Datenqualität, Modellverhalten und Logging, denn Fehlinformationen im Produktkontext schlagen direkt auf Retourenquoten und Reklamationen durch.
Aus Marktsicht ist die Kombination aus Payment-Umplatzierung und KI-gestützter Beratung ein Versuch, Engpässe in den Prozessketten zu beseitigen – und neue potenzielle Engpässe zu managen. Kritisch wird in der Berichterstattung unter anderem das Risiko eines indirekten Kaufdrucks im Beratungsgespräch genannt: Wenn KI- oder Empfehlungssysteme Gespräche stärker lenken, kann das Nutzervertrauen leiden, selbst wenn der tatsächliche Kaufabschluss schneller wird. Daneben steht ein operatives Thema im Raum, das viele Filialmodelle kennen: Wenn in Märkten ohnehin wenig Verkaufspersonal verfügbar ist, kann der Engpass in andere Bereiche wandern – etwa in die Suche nach einem freien Ansprechpartner statt in die Schlange an der Kasse. Um solche Effekte zu vermeiden, müssen Prozesse und Anruf-/Chat-Kapazitäten mit dem Ladenbetrieb synchronisiert werden.
Für die Zukunft ist der nächste Entwicklungsschritt wahrscheinlich eine stärkere Standardisierung der Retail-IT: einheitliche APIs für Payment-Status, Warenkorb-Events und Beratungsmetadaten, ergänzt um Governance für KI-Nutzung. In Unternehmen, die ähnliche „Omnichannel“-Konzepte verfolgen, ist das Muster bekannt: Erst werden einzelne Filialfunktionen digitalisiert, anschließend werden Datenmodelle harmonisiert, damit Analytik, Betrugsprävention und Compliance konsistent laufen. Regulatorisch bleibt besonders relevant, wie personenbezogene Interaktionen bei Videoanrufen verarbeitet werden und wie KI-gestützte Hinweise protokolliert werden, ohne unnötige Daten zu sammeln. Vor diesem Hintergrund dürfte Ceconomy den Rollout vermutlich in kontrollierten Phasen steuern: mit klaren Rollen, verständlichen Zustimmungsmechanismen beim KI-Agenten und einer schrittweisen Ausweitung auf weitere Filialformate.
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