BRÜSSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Die EU verhängt 550 Millionen Euro Bußgeld gegen AliExpress wegen des Verkaufs illegaler Produkte. Im Zentrum stehen wiederholt zu spät entfernte Angebote, darunter gefälschte Kleidung, unsicheres Spielzeug und riskante Kosmetika. Brüssel kritisiert außerdem zu langsame Prüfprozesse und eine mangelhafte Ausstattung der Kontrollen. Für Händler und Plattformen in der EU wird damit das DSA-Regime spürbar härter.

EU verhängt 550-Millionen-Euro-Strafe gegen AliExpress nach DSA-Vorwürfen
EU verhängt 550-Millionen-Euro-Strafe gegen AliExpress nach DSA-Vorwürfen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Entscheidung der EU-Kommission trifft AliExpress mitten in einem ohnehin unter Druck stehenden Markt: Plattformen aus Asien wie Temu, Shein und eben AliExpress gewinnen in Europa weiter Marktanteile, weil niedrige Preise im Wettbewerb oft schneller wahrgenommen werden als Herkunft, Sicherheit und Konformität. Genau hier setzt die EU an und argumentiert, dass ein erheblicher Anteil der problematischen Angebote nicht früh genug aus dem System verschwunden sei. Im DSA-Verfahren geht es dabei nicht nur um einzelne Produktfehler, sondern um die Funktionsfähigkeit der Compliance- und Prüfmechanismen über Wochen hinweg, obwohl wiederholt Risiken identifiziert wurden.

Im Kern nennt die Kommission 550 Millionen Euro als Strafe für AliExpress wegen des widerrechtlichen Verkaufs illegaler Produkte. Konkret werden Fälle von gefälschter Kleidung, unsicherem Spielzeug sowie gefährlichen Kosmetika beschrieben, die laut EU über einen Zeitraum hinweg nicht konsequent entfernt wurden. Außerdem wirft Brüssel dem Unternehmen vor, dass die Kontrolleure zu wenig Kapazitäten für die Prüfung potenziell illegaler Angebote hätten. Tests der Brüsseler Internetwächter hätten gezeigt, dass trotz der Überwachungsversuche weiterhin eine Vielzahl fragwürdiger Artikel zirkulierte, darunter gefälschte T-Shirts, Schuhe und nicht konformes Kinderspielzeug.

Technisch betrachtet ist das weniger ein „einmaliges Problem“ als ein Prozess- und Systemthema: Ein Marktplatz muss sowohl die Erkennung als auch die Durchsetzung beschleunigen, sonst wächst die Differenz zwischen Upload-Zeitpunkt und tatsächlicher Entfernung. Genau diese Lücke beschreibt die EU, wenn sie darauf verweist, dass rechtswidrige Produkte sogar empfohlen oder beworben wurden, bevor AliExpress sie entfernt hat. Für Unternehmen bedeutet das: Es reicht nicht, nachträglich zu reagieren. Vielmehr müssen Risiko-Signale, Katalog- und Listing-Prüfung, Händler-Verifizierung sowie Ticketing-Workflows so zusammenarbeiten, dass kritische Kategorien nicht erst durch Eskalation sichtbar werden.

AliExpress reagierte mit einem eigenen Statement und kündigte Rechtsmittel an. Dabei betont der Konzern, man sei mit der „unverhältnismäßigen Geldbuße“ nicht einverstanden und sehe den Beschluss nicht als angemessen gegenüber den vorgenommenen Verbesserungen. Unabhängig davon verschiebt die EU mit dem Verfahren den Maßstab: Händler, die eigentlich für rechtswidrige Angebote bestraft werden sollten, hätten laut Kommission zum Teil weiterarbeiten können. Zusätzlich kritisiert Brüssel, dass die Händlerseite nicht genügend konsequent sanktioniert wurde und dass die internen Ressourcen für die Prüfung möglicherweise nicht zu den tatsächlichen Mengen und Risikoarten passen.

Marktseitig ordnen Verbände die Entscheidung als Signal ein, das besonders gegen große Marktplätze aus Drittstaaten wirken soll. Der Handelsverband Deutschland (HDE) begrüßte die Entscheidung und verwies darauf, dass Verstöße spürbare Konsequenzen haben müssen; stellvertretender Hauptgeschäftsführer Stephan Tromp betonte, künftig sollten Regelverstöße schneller erkannt und konsequent sanktioniert werden. Auch der Verbraucherzentrale Bundesverband ordnet das Bußgeld als wichtige Wirkung auf den Wettbewerb ein: Ramona Pop hebt hervor, dass unsichere und nicht-konforme Produkte Verbraucher gefährden und faire Anbieter ausbremsen. Dass Amazon zugleich als Gegenmodell auftaucht, zeigt nur: Die Herausforderung ist nicht nur Preis, sondern auch Nachweispflicht und Produkthaftungs-Ökosystem.

Die EU verortet das Vorgehen im Gesetz über digitale Dienste (DSA), das seit Februar 2024 gilt und als „scharfes Schwert“ für die großen Plattformen gedacht ist. Für die konkrete Umsetzung nennt die Kommission einen weiteren Ablauf, in dem AliExpress bis zum 20. Oktober einen Aktionsplan zur Nachbesserung vorlegen muss. Sollte Brüssel die Maßnahmen nicht akzeptieren oder weiterhin mangelnde Kooperation sehen, wären auch tägliche Strafen möglich. Gleichzeitig wird die Spannweite der DSA-Logik deutlich: Zwar gilt die verhängte AliExpress-Strafe als bisher höchste unter dem DSA, aber sie liegt laut EU-Kommunikation immer noch deutlich unter der potenziellen Höchstgrenze von bis zu sechs Prozent des weltweiten Jahresumsatzes des Konzerns.

Damit entsteht ein klarer Vergleich zu bereits laufenden EU-Schritten gegen Wettbewerber im gleichen Preis-Cluster. Ende Mai führte ein Verfahren zu einer 200-Millionen-Euro-Strafe im Fall Temu, ebenfalls wegen des Verkaufs illegaler Produkte. Brüssel argumentierte auch dort, Verbraucher hätten mit hoher Wahrscheinlichkeit auf illegale Artikel bei Temu gestoßen. Neben AliExpress und Temu sind auch weitere Plattformen wie Shein als Wettbewerber im europäischen Handel sichtbar, was die regulatorische Relevanz erhöht: Wenn das DSA-Regime konsequent durchgesetzt wird, verschieben sich Kostenstrukturen. Plattformen und Händler müssen investieren in automatisierte Risikoerkennung, manuelle Review-Kapazität und die Durchsetzung von Sperren, statt sich auf nachträgliche Löschung zu verlassen.

Für die Zukunft lohnt vor allem der Blick auf die technische Umsetzung in Unternehmen und Ökosystemen: DSA-konforme Marktplätze benötigen nachvollziehbare Prozesse, in denen Datenflüsse aus Produktdaten, Händlerprofilen, Meldungen und Prüfentscheidungen so gestaltet werden, dass sie auditiert werden können. In der Praxis wird das häufig als Kombination aus skalierbaren Prüfmechanismen (etwa Regelwerke, Klassifikatoren und Fraud-/Risk-Signale) mit klaren Eskalationswegen umgesetzt, die auch in Spitzenlast funktionieren. Zusätzlich rückt Datenschutz und Sicherheit in den Fokus: Je mehr Ereignisse und Identitätsdaten zur Prüfung genutzt werden, desto wichtiger werden Zweckbindung, Logging, Zugriffskontrollen und die sichere Verarbeitung sensibler Informationen. Entscheidend wird zudem, ob die EU die Messlatte bei „vorheriger Empfehlung“ und „tatsächlicher Entfernung“ weiter verschärft. Dann dürfte der Druck auf den gesamten Handel steigen, Konformität nicht nur als Pflicht, sondern als operatives System zu behandeln.


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