KUCHL / LONDON (IT BOLTWISE) – Nach über vier Jahren unerfülltem Kinderwunsch haben Veronika und Markus Reibenbacher eine nachhaltige Zirbenholz-Wiege entwickelt, die mehr kann als nur Schlafen. In ihrer Werkstatt in Kuchl entsteht ein Möbelstück mit einem neuartigen Zwei-Punkt-Aufhängungssystem, das kreisrunde Bewegungen ermöglicht. Die Gründer binden dabei gezielt soziale Ziele ein, etwa über ein Konzept, bei dem jede zehnte Wiege für einen guten Zweck gespendet werden soll. Gleichzeitig zeigt sich, wie hart die praktische Startup-Arbeit ist, wenn Produktionspartner und Vorfinanzierung zum Engpass werden.

Wer die Werkstatt der Tischlerei Seidl in Kuchl (Tennengau) betritt, trifft zuerst auf Geruch und Materialgefühl: frisches Holz, schwere Werkbank, die ruhige Präsenz von Zirbenbrettern. Genau hier wird deutlich, warum „Wiegenliebe“ nicht wie ein typisches Startup klingt, das mit Pitchdeck und Marktdaten startet. Veronika und Markus Reibenbacher verknüpfen die Entstehungsgeschichte eng mit einer persönlichen Phase des Wartens: Über vier Jahre blieb der Kinderwunsch unerfüllt, bis der Wendepunkt bei einem Spaziergang rund um den Fuschlsee kam. Was als spontane Idee begann („Wenn es mit einem eigenen Kind nicht klappt, brauche ich eine berufliche Veränderung. Lass uns Wiegen bauen!“) führte zu konkreten Skizzen und schließlich zu einem Prototypen in der Werkstatt des Vaters.
Technisch betrachtet setzt die Wiege „Noah“ auf ein Prinzip, das im Alltag sofort spürbar wird: Durch eine Zwei-Punkt-Aufhängung an Stahlseilen kann sich die Wiege wie ein Schiff in mehrere Richtungen bewegen. Veronika beschreibt den Effekt so, dass ein leichtes Anstoßen kreisrunde Bewegungen auslöst – und diese Bewegung für Elisa an die Geborgenheit im Mutterleib erinnert hat. Damit adressiert „Wiegenliebe“ eine Lücke, die viele klassische Wiegen haben: Sobald Babys sich nach etwa sechs Monaten aufrichten können, wird es sicherheitstechnisch schwierig. Statt danach zu verschwinden, soll die Wiege im Konzept „zweite Lebensphase“ erhalten: Auf den Boden gestellt verwandelt sie sich in Spielschiff, Kuschelhöhle oder Leseecke.
Besonders im Kontext Nachhaltigkeit wird die Argumentation greifbar, weil sie nicht nur im Marketing, sondern in der Material- und Bauentscheidung steckt. Die Wiegen sind massiv gebaut und sollen dadurch auch deutlich mehr aushalten als die ursprüngliche Nutzungsphase im Babyalter. In der Werkstatt erklären die beiden das mit der Praxis: Sie berichten, dass selbst das Gewicht von Erwachsenen – und sogar dem über 60-jährigen Opa von Elisa – der Wiege nichts anhaben kann. Auf dieser Basis wird aus einem Möbelstück ein langlebiges Produkt, das Familien über Jahre hinweg begleiten kann. Dazu passt auch der Rohstoffbezug: Das Zirbenholz stammt aus dem Thomatal im Lungau, wo dem Holz traditionell eine beruhigende und schlaffördernde Wirkung nachgesagt wird.
Gleichzeitig zeigt die Gründungsgeschichte, wie viel Energie hinter einer scheinbar „romantischen“ Idee steckt. Veronika und Markus bleiben nach wie vor in ihren Hauptberufen gebunden: Markus arbeitet in der Architekturplanung, Veronika im Einkauf. Genau deshalb wird die Startup-Realität früh sichtbar, als die Suche nach Produktionspartnern zum finanziellen und organisatorischen Kraftakt wird. Veronika schildert das Problem konkret: Manche Tischler starten ihre computergesteuerten CNC-Fräsen erst ab einer Mindestmenge von 20 oder 30 Stück. Für ein kleines Startup sind solche Vorläufe ohne größere Liquidität schwer stemmbar – und damit wird aus dem Prototyp eine betriebswirtschaftliche Fragestellung.
Der Durchbruch bei der Fertigung kam dann weniger durch eine strategische Ausschreibung als durch einen Zufallskontakt: Johannes Seidl von der Tischlerei Seidl in Kuchl, rund zehn Kilometer vom Wohnort der beiden entfernt. Laut Schilderung stellt Seidl nicht nur Maschinenkapazitäten zur Verfügung, sondern organisiert auch das hochwertige Zirbenholz. Als Produktziel dient offenbar nicht nur die erste Serie, sondern auch die Platzierung in professionellen Umfeldern. Inzwischen stehen erste Wiegen in renommierten Luxushotels wie dem Priesteregg in Leogang (Pinzgau) oder dem Stanglwirt in Tirol. Parallel kommt der mediale Verstärkereffekt dazu: Für die Puls4-Show „2 Minuten 2 Millionen“ liegen die Bewerbungsunterlagen bereit, auch wenn Veronika im Gespräch noch zögert, weil das Pitch-Format eine extreme Konzentration auf genau zwei Minuten erzwingt.
Damit sind zwei Spannungsfelder sichtbar, die für die Skalierung entscheidend werden: Exklusivität bei gleichzeitig sozialer Zielsetzung. Der Preis der Wiege liegt bei 4.400 Euro inklusive Gestell – eine Summe, bei der man laut Erzählung zunächst schlucken muss. Um diese Hürde abzufedern, soll ein karitativer Gedanke fest im Geschäftsmodell verankert sein: Jede zehnte Wiege soll für einen sozialen Zweck schaukeln. Als konkretes Wunschprojekt nennen die Gründer das Ronald McDonald Haus beim Salzburger Landeskrankenhaus (SALK), um Familien von Frühchen oder schwer kranken Kindern Geborgenheit zu geben. Daneben wird auch ein „Bewerbungstopf“ angedacht, der sozial benachteiligte Familien oder Frauenhäuser in den Lostopf bringt, sodass eine Wiege gewonnen werden kann.
Für die weitere Entwicklung stellt sich vor allem die Frage, wie „Wiegenliebe“ Qualität, Sonderziele und Produktionsplanung langfristig zusammenbringt. Das Produkt lebt von Handfertigung und Materialwert; die Serienfähigkeit hängt dagegen von Kapazitäten, Losgrößen und Prozessstabilität ab. Genau hier kann der Weg über selektive B2B-Kanäle wie Hotels helfen, weil sie Planbarkeit und Erstnachfrage schaffen. Gleichzeitig wirkt der soziale Rahmen als Differenzierung in einem Markt, in dem viele Baby-Produkte austauschbar wirken. Ob das Startup am Ende stärker in den Scale-Modus schaltet oder bewusst klein bleibt, hängt daher nicht nur am Pitch-Outcome – sondern daran, ob sich CNC, Zulieferung, Mindestmengen und die gewünschte Wirkung für den guten Zweck in einen wiederholbaren Produktionsrhythmus übersetzen lassen.
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