KUCHL / LONDON (IT BOLTWISE) – Aus über vier Jahren unerfülltem Kinderwunsch wurde ein eigenes Startup: Veronika und Markus Reibenbacher haben mit „Wiegenliebe“ eine Zirbenholz-Wiege gebaut, die sich in Spielschiff, Kuschelhöhle oder Leseecke verwandelt. Im Werkstattalltag in Kuchl zeigen sie, wie die Konstruktion mit Zwei-Punkt-Aufhängung und robustem Aufbau die Nutzung über die klassische Wiegezeit hinaus ermöglicht. Die Gründung war dabei auch wegen Produktionspartnern eine finanzielle Hürde, die nur durch einen regionalen Zufallskontakt gelöst wurde. Gleichzeitig bleibt der soziale Gedanke nicht Beiwerk: Jede zehnte Wiege soll für einen guten Zweck produziert werden.

Wer eine klassische Wiege erwartet, landet schnell im falschen Film. „Wiegenliebe“ aus dem Tennengau ist vor allem eines: ein Möbelstück, das die Phase „Baby liegt drin“ nicht als Endstation behandelt. Veronika und Markus Reibenbacher arbeiten in ihrer Werkstatt in Kuchl an einem Produkt aus Zirbenholz, das beim ersten Blick nach Heimat riecht, beim zweiten nach Ingenieursdenken aussieht. Die Idee dahinter: Eine Wiege, die nicht nach sechs Monaten „zu gefährlich“ für das sichere Aufrichten der Kinder ist, sondern sich im Handumdrehen weiterverwenden lässt.
Die Geschichte beginnt dabei nicht mit Zahlen, sondern mit Zeit. Laut eigener Darstellung war der Kinderwunsch von Veronika und Markus über mehr als vier Jahre unerfüllt. Der Wendepunkt kam während eines Spaziergangs am Fuschlsee, als Veronika ihrem Mann offen sagte, dass sie eine berufliche Veränderung brauche, wenn es mit einem eigenen Kind nicht klappt. Markus, ausgebildet in Holzbau und Architekturplanung, griff den Vorschlag sofort auf und begann zu skizzieren. In der Werkstatt des Vaters bauten beide 2020 den ersten Prototypen; als die Familie daraus Kraft schöpfte, folgte im Dezember 2020 die Fertigstellung der Wiege und im Jänner 2021 die Geburt ihrer Tochter Elisa.
Technisch betrachtet ist die Besonderheit der „Wiegenliebe“ weniger die Materialwahl als die Bewegungsmechanik. Veronika beschreibt das Prinzip der Zwei-Punkt-Aufhängung: Die Wiege „Noah“ kann wie ein Schiff in alle Richtungen bewegt werden, wenn man sie leicht dreht anstößt. Für das Kind wird daraus nicht nur eine Schaukelbewegung, sondern ein Gefühl von Geborgenheit, das an den Mutterleib erinnern soll. Dazu kommt der zweite Teil der Produktlogik: Auf den Boden gestellt, wird das Element zur Spielumgebung. Die Konstruktion ist so ausgelegt, dass sie nach der Wiege-Phase als Kuschelhöhle oder sogar als Leseecke nutzbar bleibt und durch die massive Bauweise auch deutlich höhere Belastungen verkraftet als die einer normalen Schlafumgebung.
Dass diese Vision überhaupt in Serie gehen kann, war laut den Gründern der harte Teil. Beide stehen nach wie vor in ihren Hauptberufen: Markus arbeitet in der Architekturplanung, Veronika im Einkauf. Die Suche nach Produktionspartnern sei anfangs besonders zäh gewesen, weil viele Tischlereien ihre computergesteuerten CNC-Fräsen erst ab einer größeren Stückzahl anschalten. Für ein Startup ist das finanziell kaum machbar, lautet sinngemäß die Ausgangslage. Der entscheidende Schub kam dann über einen Zufallskontakt im Kindergarten: Johannes Seidl von der Tischlerei Seidl in Kuchl lieferte nicht nur Maschinenzugang, sondern organisierte auch das hochwertige Zirbenholz aus dem Thomatal im Lungau. Dadurch wurde aus der Einzelidee eine planbare Fertigung.
Auch der Markteintritt zeigt, dass sich Qualität in Nischen häufig über Vertrauen verkauft. Die ersten Wiegen stehen mittlerweile in renommierten Luxushotels wie dem Priesteregg in Leogang und dem Stanglwirt in Tirol. Gleichzeitig wirkt das Produkt wie eine Einladung für eine breitere Öffentlichkeit: Laut Bericht liegen für eine TV-Show mit dem Titel „2 Minuten 2 Millionen“ bereits Bewerbungsunterlagen bereit. Veronika zögert allerdings, wenn es um das Pitchen vor einer Jury geht; in ihrer Darstellung steht das Herzblut im Mittelpunkt, und genau das macht die Präsentation in sehr kurzer Zeit anspruchsvoll. Für Unternehmen, die vergleichbare Hardware-orientierte Startups aufbauen, ist das ein bekanntes Spannungsfeld: Man muss erklären können, warum ein Möbelstück mehr als ein Möbelstück ist.
Beim Preis wiederum wird die soziale Komponente sichtbar, bevor die Marketingstory greift. Die Wiege kostet 4.400 Euro inklusive Gestell. Das ist für viele Familien nicht sofort erreichbar, weshalb Veronika den karitativen Gedanken als fixen Bestandteil des Businessplans beschreibt: Jede zehnte Wiege soll für einen sozialen Zweck gefertigt werden. Als konkretes Wunschprojekt nennen die Gründer das Ronald McDonald Haus beim Salzburger Landeskrankenhaus (SALK), das Familien von Frühchen oder schwer kranken Kindern Geborgenheit bieten soll. Zusätzlich wird ein „Bewerbungstopf“ angedacht, bei dem sozial benachteiligte Familien oder Frauenhäuser in einen Lostopf wandern und eine Wiege gewinnen können.
Unterm Strich zeigt „Wiegenliebe“, wie sich nachhaltige Produktentwicklung, Handwerk und Unternehmerlogik zusammenführen lassen – und zwar ohne den Umweg über reine Lifestyle-Versprechen. Die Kombination aus Zirbenholz, einer funktionalen Bewegungsmechanik und der modularen Weiterverwendung adressiert ein sehr konkretes Nutzerproblem: Wie sich ein Babyprodukt nach kurzer Zeit nicht einfach entsorgen lässt. Gleichzeitig bleibt die Umsetzung ein Organisationsprojekt zwischen Werkstatt, Partnern und Vertriebskanälen. Wenn das Startup seine Fertigung mit verlässlichen Produktionspartnern weiter stabilisiert und der soziale Teil skalierbar bleibt, könnte aus einer persönlichen Geschichte ein wiederholbares Geschäftsmodell werden.
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