BASEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Klaus-Grohe-Preis 2026 wird erstmals in geteilter Form vergeben: Edward Tate und Nicolas Winssinger erhalten die mit 75.000 Euro dotierte Auszeichnung gemeinsam. Der Fokus liegt auf zwei Ansätzen, die aus der Chemie heraus präzise in biologische Prozesse eingreifen – von bioorthogonalen Sonden bis zu programmierbaren Wirkprinzipien auf Nukleinsäure-Basis. Die Preisverleihung findet im Rahmen der EFMC Medicinal Chemistry 2026 in Basel statt, parallel wird auch der Förderpreis für Nachwuchsforschung vergeben. Für die Wirkstoffpipeline bedeutet das vor allem: mehr Substanz für skalierbare Plattformen statt nur einzelne Treffer.

Klaus-Grohe-Preis 2026 geht an Tate und Winssinger – erstmals zu zweit und mit 75.000 Euro
Klaus-Grohe-Preis 2026 geht an Tate und Winssinger – erstmals zu zweit und mit 75.000 Euro (Foto: IT BOLTWISE)
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Der Klaus-Grohe-Preis 2026 markiert gleich zwei Besonderheiten: Er wird erstmals von zwei Preisträgern geteilt, und zugleich steigt die Dotierung auf 75.000 Euro. Ausgerichtet wird die Auszeichnung von einer deutschen Chemie-Stiftung, eingebettet in den wissenschaftlichen Austausch der EFMC Medicinal Chemistry 2026. Am 6. September 2026 in Basel, Schweiz, erhalten damit Professor Dr. Edward Tate vom Imperial College London und Professor Dr. Nicolas Winssinger von der Universität Genf den Hauptpreis. Dass ein Preis in der Wirkstoffchemie so explizit zwei unterschiedliche Denkstile honoriert, ist bemerkenswert: Beide Ansätze sind zwar unterschiedlich konstruiert, zielen aber auf dasselbe Zielbild ab – Chemie so zu steuern, dass biologische Systeme mit hoher Spezifität und möglichst wenig Nebenwirkungen reagieren.

Edward Tates Arbeit steht für eine Entwicklung, die zunächst wie Grundlagenforschung wirkt, in der Praxis aber den Werkzeugkasten einer ganzen Disziplin erweitert hat. Im Zentrum steht die chemische Biologie der Proteinlipidierung, also die Frage, wie Zellen Fettmoleküle an Proteine „ankoppeln“. Dieser Prozess steuert Tausende Proteine, blieb allerdings lange schwer untersuchbar, weil geeignete Werkzeuge fehlten, die Zellprozesse nicht stören. Tates Labor entwickelte bioorthogonale Sonden, die genau diese Lücke schließen: Sie erlauben das Nachverfolgen von Verknüpfungen in lebenden Systemen, ohne die Funktion der Zelle wesentlich zu verändern. In der Folge wurden bioorthogonale Methoden zu einem Goldstandard in der Forschung – und damit auch zu einer Grundlage, auf der heutige Therapieideen überhaupt erst systematisch getestet werden können.

Aus den Mess- und Beobachtungsfähigkeiten wurden dann konkrete Therapieansätze. Berichten zufolge flossen Tates Erkenntnisse in Konzepte, die die Vermehrung von Viren hemmen oder Tumorzellen gezielt angreifen. Besonders industrie- und kliniknah wirkt dabei der Schritt von der akademischen Methodik hin zu krankheitsorientierten Zielstrukturen: Tate ist Mitgründer des Unternehmens Myricx Bio, das über 120 Millionen US-Dollar einsammelte. Dort verfolgt man Hemmstoffe des Enzyms N-Myristoyltransferase, das Krebszellen am Überleben unterstützt. Der Wirkmechanismus ist dabei nicht nur „ein Enzym stoppen“, sondern über zielgenaue Antikörper-Wirkstoff-Konjugate weiter verfeinert: Die Idee besteht darin, Wirkstoffe dorthin zu lotsen, wo sie benötigt werden, und die frühe Wirksamkeit in Richtung erster klinischer Studien vorzubereiten.

Nicolas Winssinger wird für einen anderen Weg ausgezeichnet: Er nutzt Nukleinsäuren, also DNA und RNA als chemische Baugruppen, und macht aus ihnen mehr als nur Träger genetischer Information. In klassischen Denkschulen dienen Nukleinsäuren dazu, Erbinformation bereitzustellen; bei Winssinger steuern sie stattdessen chemische Reaktionen und den Aufbau von Molekülen. So entstehen molekulare Schaltkreise mit molekularer Logik: Bestimmte Sequenzen oder Strukturzustände reagieren wie Sensoren auf Signale im Körper und lösen daraus kontrollierte Aktionen aus, etwa die Freisetzung eines Wirkstoffs an einem definierten Zeitpunkt oder an einem definierten Zustand. Für die Wirkstoffentwicklung ist das technisch spannend, weil es eine Form von „programmierbarer Pharmakologie“ bedeutet – nicht nur Wirkstoffchemie, sondern auch Zustandslogik im System.

Ein konkretes Beispiel, das im Umfeld der Preisbegründung genannt wird, ist ein programmierbares Antikoagulans: Ein Mittel gegen Blutgerinnung, dessen Wirkung sich gezielt an- und abschalten lässt. Für sicherheitskritische Therapien ist diese Rückstellbarkeit entscheidend, weil hier nicht nur Wirksamkeit, sondern auch Kontrolle und Risikoabsenkung zählen. In einer klassischen Kette würden Wirkstoffspiegel über Dosierung und Halbwertszeit bestimmt; bei einem schaltkreisartigen Ansatz kommt eine zusätzliche Ebene hinzu: Das System reagiert auf Bedingungen und kann dadurch die therapeutische Aktivität dynamischer ausrichten. Genau darin liegt der Mehrwert der „unorthodoxen“ Nutzung von Nukleinsäuren: Sie erlauben eine Art molekularer Zustandsmaschine, die medizinische Interventionen stärker an die Realität im Patienten koppeln soll, statt nur an eine statische Dosieranleitung.

Neben dem Hauptpreis würdigt der Klaus-Grohe-Förderpreis 2026 den Nachwuchs. Preisträger ist Dr. Sebastian Pomplun von der Universität Leiden. Der Förderpreis soll ausdrücklich ein junges, schnell wachsendes Forschungsprogramm unterstützen, das neuartige chemische Wirkprinzipien entwickelt. Genannt wird dabei, dass Pomplun zellgängig Miniproteine synthetisch herstellt, um gezielt Transkriptionsfaktoren – also Schaltstellen der Genregulation – anzusprechen. Ergänzend werden massenspektrometriebasierte Plattformen beschrieben, mit denen sich große Substanzbibliotheken systematisch durchsuchen lassen. Der Beirat würdigt insbesondere Kreativität und Produktivität; dahinter steht für die Wirkstoffsuche meist eine praktische Fähigkeit, chemische Ideen in messbare Screening-Setups zu übersetzen und zugleich die Ergebnisse wieder in neue Designs einzuspeisen.

Für Unternehmen in der Wirkstoff- und Diagnostiklandschaft ist das Gesamtbild vor allem eine Bestätigung für einen Trend: Plattformtechnologien gewinnen an Gewicht, weil sie die Entwicklungszeit verkürzen und die Trefferwahrscheinlichkeit erhöhen können. Bioorthogonale Sonden liefern dafür ein Mess- und Validierungsfundament; molekulare Schaltkreise und programmierbare Wirkprinzipien erweitern die Kontrollmöglichkeiten über die biologische Antwort. Gleichzeitig zeigt der Förderpreis, wie wichtig in der zweiten Reihe schnelle Iterationszyklen sind – etwa durch synthetische Zugänge für komplexe Zielstrukturen und durch analytische Plattformen wie die Massenspektrometrie. Wenn sich diese Bausteine in zukünftigen klinischen Programmen bewähren, dürfte sich die Standardisierung in der medizinischen Chemie weiter beschleunigen: weniger „Einzelwirkstoff“, mehr wiederverwendbare Methoden und Entscheidungslogik entlang des gesamten Entwicklungsprozesses.


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