BASEL / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Klaus-Grohe-Preis 2026 geht erstmals an zwei Forschende und ist mit insgesamt 75.000 Euro dotiert. Die Auszeichnung würdigt die Entwicklung bioorthogonaler Sonden für die Proteinlipidierung sowie den Bau molekularer Schaltkreise auf Basis von Nukleinsäuren. Die Preisverleihung findet am 6. September 2026 im Rahmen der EFMC Medicinal Chemistry 2026 in Basel statt. Damit rückt auch die Frage in den Fokus, wie sich chemische Werkzeuge zunehmend zu „programmierbaren“ Wirkprinzipien weiterentwickeln.

Klaus-Grohe-Preis 2026: Tate und Winssinger teilen sich 75.000 Euro in Basel
Klaus-Grohe-Preis 2026: Tate und Winssinger teilen sich 75.000 Euro in Basel (Foto: IT BOLTWISE)
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Am 6. September 2026 wird in Basel der Klaus-Grohe-Preis 2026 vergeben – und zwar erstmals gemeinsam an zwei Wissenschaftler. Professor Dr. Edward Tate vom Imperial College London und Professor Dr. Nicolas Winssinger von der Universität Genf teilen sich die höchste Auszeichnung der Klaus-Grohe-Stiftung; die Dotierung steigt dabei erstmals auf 75.000 Euro. Schon die Entscheidung für zwei Preisträger zeigt die Stoßrichtung der medizinischen Chemie: Der Preis geht an Arbeiten, die nicht nur komplexe Moleküle bauen, sondern auch die Mess- und Steuerbarkeit biochemischer Prozesse deutlich erhöhen.

Tates Beitrag setzt genau dort an, wo die Molekularbiologie lange an Grenzen lief: bei der Frage, wie Zellen Fettmoleküle an Proteine anheften. Dieser Prozess, die Proteinlipidierung, steuert Tausende Proteine – und damit auch Signalwege, Lokalisation und Funktion von Zellen. Jahrzehntelang blieb das detaillierte Verständnis schwierig, weil die dafür nötigen Werkzeuge die zelluläre Umgebung nicht „von außen“ stören durften. In seinem Umfeld entstanden dafür bioorthogonale Sonden, also chemische Sonden, die so konstruiert werden, dass sie in lebenden Systemen mit vorhandenen Komponenten reagieren, ohne grundlegende Zellprozesse zu stören. Heute gelten solche Sonden als Goldstandard, weil sie den entscheidenden Vorteil liefern, Biologie nicht nur zu beobachten, sondern selektiv anzuzeichnen.

Aus dieser Werkzeugentwicklung folgte der Schritt von der Grundlagenforschung zu therapienahemem Denken. Laut den vorliegenden Angaben nutzt man die Sonden und die damit erschlossene Chemie, um Mechanismen gezielt zu blockieren oder zu verändern, etwa indem die Vermehrung von Viren gehemmt wird oder Tumorzellen adressiert werden. Besonders greifbar wird das in der von Tate mitgegründeten Firma Myricx Bio, die über 120 Millionen Dollar einsammelte. Dort geht es um Hemmstoffe des Enzyms N-Myristoyltransferase, das Krebszellen offenbar am Leben hält; die Wirkstoffe werden in zielgenauen Antikörper-Wirkstoff-Konjugaten gebündelt. Für Unternehmen ist diese Logik interessant, weil sie zeigt, wie sich ein chemisches Zielprotein über enzymatische Kontrolle in eine klinisch relevante Zustellstrategie übersetzen lässt.

Winssinger wiederum greift ein anderes Grundproblem auf: Nukleinsäuren tragen in der klassischen Biologie Information, bei ihm steuern sie chemische Reaktionen und den Aufbau von Molekülen. Statt DNA oder RNA primär als „Bauanleitung“ zu begreifen, nutzt er sie als Baustein für chemische Funktionalität. Daraus entstehen molekulare Schaltkreise mit molekularer Logik, die auf Signale im Körper reagieren können und anschließend etwa einen Wirkstoff freisetzen. Das wirkt zunächst abstrakt, ist aber im Kern eine Engineering-Aufgabe: Wenn ein biochemischer Kontext ein definiertes Eingangssignal liefert, muss das System mit hoher Spezifität in einen Ausgangszustand übergehen – und zwar reproduzierbar genug, um als Plattform für Medikamente oder Diagnostik zu taugen.

Diese „programmierbare“ Perspektive wird in den vorliegenden Informationen an einem konkreten Beispiel festgemacht: Ein Antikoagulans, dessen Wirkung sich gezielt an- und abschalten lässt. Gerade bei sicherheitskritischen Therapien ist das entscheidend, weil das Nebenwirkungsprofil stark davon abhängt, wie präzise sich Aktivität kontrollieren lässt. Für medizinische Chemie bedeutet das: Nicht nur die Rezeptoraffinität oder Selektivität ist relevant, sondern der zeitliche Verlauf der Wirksamkeit und die Möglichkeit, Therapieprozesse als Reaktion auf physiologische Signale zu dosieren. In so einem Ansatz steckt zudem eine Brücke zur Diagnostik, weil die gleiche Logik, die Freisetzung auslöst, auch Detektionsfunktionen unterstützen kann, sofern Signalantwort und Signalquantifizierung zusammen gedacht werden.

Der zweite Schwerpunkt des Preiswochenendes liegt beim Klaus-Grohe-Förderpreis 2026, der am 9. September 2026 im gleichen Tagungskontext verliehen wird. Er geht an Dr. Sebastian Pomplun von der Universität Leiden; das Preisgeld beträgt 25.000 Euro und ist explizit für Forschungszwecke bestimmt. Pomplun verfolgt ein junges, rasch wachsendes Forschungsprogramm, das neuartige chemische Wirkprinzipien adressiert. Im Zentrum stehen zellgängig gemachte Miniproteine, die so synthetisch hergestellt werden, dass sie gezielt Transkriptionsfaktoren ansprechen – also jene „Schaltstellen“ der Genregulation, an denen sich entscheidet, welche Gene wann aktiv sind. Ergänzend baut er massenspektrometriebasierte Plattformen, um große Substanzbibliotheken zu durchsuchen, was aus industrieller Sicht vor allem die Frage der Skalierung beantwortet: Wie findet man schnell genug die richtigen Kandidaten in riesigen Suchräumen?

In Summe passt das Preissetting inhaltlich zu einer Entwicklung, die sich in vielen Forschungsgruppen beobachten lässt: Weg von rein „statischen“ Wirkstoffen hin zu Systemen, die dynamisch mit biologischen Zuständen interagieren. Tate zeigt den Weg über biokompatible Sonden und Zielgerichtetheit; Winssinger verdeutlicht, dass chemische Reaktionssteuerung über Logikstrukturen möglich wird; Pomplun ergänzt das mit synthetisch zugänglichen, zellwirksamen Komponenten und analytischer Durchsuchungsleistung. Für Entscheider in Unternehmen heißt das weniger, dass „die eine Technologie“ gewinnt, sondern dass Fähigkeiten entlang der Wertschöpfungskette zusammenwachsen: chemische Werkzeugentwicklung, Plattformdenken, Translation in therapeutische Formate und die Messbarkeit von Aktivität im richtigen Kontext. Wenn die EFMC Medicinal Chemistry 2026 diese Linien zusammenbringt, wird der Klaus-Grohe-Preis 2026 damit auch als Signal verstanden, wie medizinische Chemie künftig stärker auf Steuerbarkeit und Integrationsfähigkeit ausgerichtet sein will.


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