KILCHBERG / LONDON (IT BOLTWISE) – Lindt behauptet sich im ersten Halbjahr trotz hoher Kakao- und Rohstoffkosten, muss aber in Teilen Europas stärkere Absatzverluste hinnehmen als erwartet. Der Konzern reagiert mit punktuellen Preisanpassungen und kleineren Packungsgrößen, um preissensibleren Kunden den Kauf wieder zu erleichtern. Gleichzeitig bleibt Lindt bei seinen Jahreszielen und will im zweiten Halbjahr eine Stabilisierung der Mengen erreichen. Skepsis kommt an der Börse auf, weil die Frage nach nachhaltigem Absatzwachstum nach den massiven Preiserhöhungen weiter offen ist.

Lindt & Sprüngli versucht nach dem überraschend starken Absatzrückgang in ausgewählten europäischen Märkten, die Balance zwischen Kosten und Kundennachfrage neu auszutarieren. Ausgangspunkt ist das erste Halbjahr: Obwohl das Unternehmen sich angesichts hoher Rohstoffkosten und einer insgesamt schwachen Konsumstimmung stabil zeigt, fielen die Absatzverluste stärker aus als zuvor erwartet. Konzernchef Adalbert Lechner ordnete die Reaktionen als zumindest in Teilen unerwartet ein, insbesondere in Deutschland, der Schweiz und dem Vereinigten Königreich. Dort hätten sich Konsumenten nach den Preiserhöhungen deutlich vorsichtiger eingedeckt als noch in früheren Jahren.
Im Kern dreht sich die Lage um die Mechanik aus Preis, Volumen und Mix. Lindt steigerte den Umsatz im ersten Halbjahr zwar organisch um 4,3 Prozent, doch dieser Zuwachs blieb erneut vollständig über höhere Verkaufspreise getrieben. Im Vergleich zum Vorjahr mit 12,4 Prozent Wachstum zeigt sich der Bruch: Das operative Wachstum durch Preise reicht offenbar nicht mehr in gleicher Stärke aus, um Mengenrückgänge zu kompensieren. Gruppenweit erhöhte Lindt die Preise im Zeitraum Januar bis Juni um 11,8 Prozent, nachdem bereits im letzten Jahr erhebliche Aufschläge erfolgt waren. Gleichzeitig sank das Volumen-/Mix-Verhältnis um 7,5 Prozent, was vereinfacht bedeutet: Es wurden deutlich weniger Produkte verkauft beziehungsweise der Produktmix verschob sich zu weniger umsatzstarken bzw. weniger nachgefragten Kombinationen.
Die finanziellen Kennzahlen spiegeln eine ungewöhnliche Mischung aus Druck und Stabilität wider. In Schweizer Franken ging der Umsatz wegen ungünstiger Währungseffekte um 0,9 Prozent auf 2,33 Milliarden Franken zurück. Besonders spürbar war der Kernmarkt Europa: Dort sank der Umsatz organisch um 2,1 Prozent. Belastend wirkten neben höheren Preisen ein schwaches Ostergeschäft, eine verhaltene Konsumstimmung sowie weniger Reisende aus Asien und dem Nahen Osten. Ergänzt wurde das Belastungsbild durch die Hitzewelle im Juni. Gleichzeitig zeigte Nordamerika eine klar gegenläufige Entwicklung: Dort stieg der Umsatz organisch um 12,7 Prozent, unter anderem getragen von Lindor-Produkten, dunkler Schokolade, Saisonartikeln und Produkten der Marke Ghirardelli.
Trotz des Mengenrückgangs gelingt Lindt zumindest auf der Ergebnisebene eine leichte Verbesserung. Der operative Gewinn (Ebit) stieg leicht auf 260,2 Millionen Franken, die Ebit-Marge legte auf 11,2 Prozent nach 11,0 Prozent im Vorjahr zu. Lindt führt das unter anderem auf straffe Kostenkontrolle, Effizienzsteigerungen und optimierte Abläufe zurück. Auch der Reingewinn nahm um 1,6 Prozent auf 191,7 Millionen Franken zu. Für die Konzernsteuerung ist das wichtig, weil Preissenkungen im Handel häufig nicht ohne Weiteres kommen, solange die Marge durch operative Maßnahmen getragen wird. Der Konzern betont zugleich, dass er an seinen Zielen festhält: Der Umsatz soll organisch im Gesamtjahr um 4 bis 6 Prozent wachsen, mittelfristig peilt Lindt 6 bis 8 Prozent jährliches organisches Wachstum an; im zweiten Halbjahr sollen sich die Mengen stabilisieren.
Damit rückt das Maßnahmenpaket in den Fokus: Lindt will den Absatz stabilisieren, ohne das Preisniveau insgesamt „zurückzudrehen“. In besonders preissensiblen Märkten sollen die Preise ausgewählter Produkte korrigiert werden. Daneben setzt der Konzern auf kleinere und damit beim Kauf günstigere Packungen, um den Kasseneffekt zu entschärfen. Konkret sollen Lindor-Produkte zusätzlich in Größen von 100 oder 137 Gramm angeboten werden; ergänzend zur 500-Gramm-Packung ist zudem eine Variante mit 337 Gramm vorgesehen. Der Preis pro Kilogramm soll dabei nicht grundlegend sinken, wohl aber der Betrag, den Kunden an der Kasse bezahlen müssen. Diese Strategie ist in der Konsumgüterindustrie typisch, weil sie Zahlungsbereitschaft stärker entlang von „Einstiegspunkten“ adressiert, während sich das margenrelevante Preisniveau pro Menge eher stabil halten lässt.
Ergänzend will Lindt enger mit dem Handel zusammenarbeiten, Werbung verstärken und die eigenen Spar- und Effizienzprogramme weiter ausbauen. In der Argumentation gegenüber dem Preisdruck nimmt das Unternehmen außerdem die Kakaoentwicklung ins Visier: Von einer Rückkehr zum früheren Preisniveau geht Lindt trotz zuletzt gesunkener Kakaopreise nicht aus. Die laufende Kakaoernte sei nahezu perfekt ausgefallen, sagte der Finanzchef; die nächste Ernte dürfte jedoch schwächer ausfallen. Dazu kommt eine Erwartung leicht steigender weltweiter Nachfrage. An der Börse wurden die Zahlen dennoch mit Skepsis aufgenommen: Die Partizipationsscheine verloren zuletzt 3,6 Prozent, was vor allem zeigt, dass Investoren die Frage nach nachhaltigem Absatzwachstum nach massiven Preiserhöhungen als nicht abschließend beantwortet betrachten. Genau dort wird es für Lindt in den nächsten Quartalen entscheidend, ob die Kombination aus selektiven Preisanpassungen und kleineren Packungsgrößen die Mengen stabilisieren kann, ohne die Marge spürbar unter Druck zu setzen.
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