LONDON (IT BOLTWISE) – Alstom meldet für das Geschäftsjahr 2023/24 einen kräftigen Umsatzsprung auf rund 18,6 Milliarden Euro, doch gleichzeitig rutscht das Unternehmen in einen Jahresverlust. Der Auftragsbestand liegt mit etwa 92 bis 95 Milliarden Euro auf sehr hohem Niveau und stützt die langfristige Planung. Operativ enttäuscht vor allem die Marge: die operative Marge sinkt von rund 5 Prozent auf etwa 4 Prozent oder leicht darunter. Dazu kommt eine spürbar schwächere Free-Cashflow-Entwicklung, während die Nettofinanzverschuldung im Bereich von rund 3 bis 4 Milliarden Euro steigt.

Alstom: hoher Auftragsbestand trifft auf Margendruck und Jahresverlust
Alstom: hoher Auftragsbestand trifft auf Margendruck und Jahresverlust (Foto: IT BOLTWISE)
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Der aktuelle Geschäftsbericht für das am 31.03.2024 beendete Geschäftsjahr zeigt bei Alstom ein typisches Spannungsfeld der Industrie: Auf der einen Seite treiben neue Projekte den Umsatz und erhöhen die Kapazitätsauslastung, auf der anderen Seite wirken Vorleistungen, Restrukturierungen und finanzielle Belastungen direkt auf Ergebnis und Cashflow. Für 2023/24 weist der Konzern einen Umsatz von rund 18,6 Milliarden Euro aus, nach etwa 16,5 Milliarden Euro im Vorjahr. Das entspricht einem Wachstum von rund 13 Prozent. Für das laufende Jahr bedeutet das vor allem, dass die Nachfrage nach Schienenfahrzeugen und Bahninfrastruktur weiterhin trägt – auch wenn der Weg von Auftrag zu Ergebnis diesmal steiler wird.

Besonders klar wird die Lage beim Auftragspolster. Alstom nennt einen Auftragsbestand im Bereich von rund 92 bis 95 Milliarden Euro, deutlich über dem Vorjahresniveau von knapp unter 90 Milliarden Euro. Diese Kennzahl ist für Anleger mehr als nur eine Zahl: Sie übersetzt sich in Produktions- und Projektvisibilität über mehrere Jahre, weil viele Verträge in der Branche lange Laufzeiten haben. Laut den Angaben im Bericht liegt das Book-to-Bill-Verhältnis bei mehr als 1, was darauf hindeutet, dass der Konzern mehr neue Aufträge gewinnt, als er in dem Zeitraum abarbeitet. Gleichzeitig ist die Marktdynamik nicht überall gleich: Neue Zug- und Signaltechnikprojekte kommen aus Europa ebenso wie aus Asien und Nordamerika, wodurch geografische Risiken zwar gedämpft werden, aber nicht automatisch Margen stabilisieren.

Der zweite Teil der Geschichte betrifft die Profitabilität. Für 2023/24 berichtet Alstom einen Jahresverlust, der im mittleren einstelligen Milliardenbereich liegt. Im IR-Kontext wird das vor allem mit Wertberichtigungen, Restrukturierungskosten und Finanzaufwendungen begründet. Operativ bleibt der Konzern zwar im niedrigen Milliardenbereich bei einer bereinigten EBIT-Kennzahl, aber die Marge fällt spürbar niedriger aus als bei anderen europäischen Wettbewerbern. Im Vergleich zu 2022/23 sinkt die operative Marge von rund 5 Prozent auf etwa 4 Prozent oder leicht darunter. Für die Bewertung der Aktie ist damit weniger die kurzfristige Schwankung entscheidend als die Frage, ob Alstom bei künftigen Aufträgen wieder eine bessere Marge herausarbeitet – etwa durch effizientere Projektabwicklung, bessere Kostenkontrolle oder einen stärkeren Mix aus margenstärkeren Leistungsbausteinen.

Auch die Finanzstruktur liefert Hinweise, warum Ergebnis und Cashflow auseinanderlaufen können. Der Bericht stellt fest, dass Alstom über die Jahre infolge größerer Übernahmen und eines hohen Investitionsvolumens eine erhöhte Nettofinanzverschuldung aufgebaut hat. Für 2023/24 nennt der IR-Kontext eine Nettofinanzverschuldung im Bereich von rund 3 bis 4 Milliarden Euro, nach etwa 2,5 bis 3 Milliarden Euro im Vorjahr. Parallel dazu wird der Free Cashflow im Zeitraum 2023/24 als leicht negativ oder nahe der Nulllinie beschrieben, nachdem er im Vorjahr noch positiv war und im niedrigen Milliardenbereich lag. Das Muster ist für Unternehmen im Anlagen- und Projektgeschäft typisch: Mehr Mittel landen in laufenden Projekten und Umstrukturierungen, während Zahlungsströme zeitlich verzögert eintreffen.

Technisch und marktseitig lässt sich das auch an der Projekt- und Portfoliozusammensetzung festmachen. Der Auftragsbestand umfasst nach Unternehmensangaben Hochgeschwindigkeitszüge, Regionalzüge, U-Bahnen und Straßenbahnen sowie Signal- und Leitstellentechnik. Ein wesentlicher Teil entfällt laut Darstellung auf europäische Märkte, in denen Modernisierungsprogramme Schienenverkehrssysteme digitalisieren, die Energieeffizienz erhöhen und Kapazitäten steigern sollen. Dass viele dieser Programme Verträge mit Laufzeiten bis zu 10 oder 15 Jahren umfassen, verbessert die Einnahme-Planbarkeit über mehrere Planungszyklen hinweg. Gleichzeitig bleibt Alstoms Positionierung anspruchsvoll: Der Konzern ist nicht nur Rollmaterial-Lieferant, sondern verbindet Fahrzeuge mit Infrastruktur- und Systemkomponenten, was Vorleistungen und Projektkomplexität erhöht.

Produktseitig wird die Richtung im Portfolio ebenfalls sichtbar. Alstom beziffert den Umsatzanteil der Zugsegmente für 2023/24 auf deutlich über 50 Prozent des Konzernumsatzes; damit speist sich mehr als die Hälfte der rund 18,6 Milliarden Euro aus Verkauf, Wartung und Modernisierung von Schienenfahrzeugen. Signaltechnik und digitale Lösungen – inklusive Leit- und Sicherungstechnik – steuern einen weiteren signifikanten Umsatzanteil im niedrigen zweistelligen Prozentbereich bei. Für die mittelfristige Ergebniserholung ist genau dieser Mix relevant: Investitionen in Signaltechnik und digitale Steuerung gelten häufig als margestärker als das klassische Rollmaterialgeschäft. Daneben betont Alstom steigende Serviceerlöse: Der Umsatz mit Serviceleistungen liegt im niedrigen Milliardenbereich und wächst im Vergleich zum Vorjahr um einen hohen einstelligen Prozentbetrag. Serviceverträge gelten in der Regel als stabiler, weil sie wiederkehrende Erlöse liefern und oft weniger zyklisch reagieren als Neugeschäft.

Für die Einordnung der Aktie ergänzen die im Text genannten Marktdaten den Fundamentaldatenkranz. Aus den verfügbaren Kurs- und Marktdaten wird eine Marktkapitalisierung im Bereich von rund 6 bis 8 Milliarden Euro abgeleitet. Bezogen auf den Konzernumsatz von 18,6 Milliarden Euro entspricht das einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von etwa 0,3 bis 0,4. Für Investoren kann diese Spanne als Hinweis dienen, dass der Markt zwar den großen Auftragsbestand einpreist, aber den Margendruck und die schwächere Cash-Performance stärker gewichtet. Unterm Strich bleibt Alstom damit ein klassischer Fall für „Visibilität versus Ausführungsqualität“: Der Auftragspolster ist sehr solide, die kurzfristige Ergebnis- und Cashflow-Transformation wird aber zur zentralen Messlatte, bis sich die operative Marge wieder stabilisiert und der Free Cashflow anzieht.


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