KASSEL / LONDON (IT BOLTWISE) – KNDS will in Kassel weiter wachsen und braucht dafür zusätzliche Flächen und neue Standorte in der Region. Der Geschäftsführer von KNDS Deutschland ordnet das Wachstum vor allem über den Personalbedarf ein – gleichzeitig läuft die Integration neuer Mitarbeitender offenbar gut an. Parallel kündigt der Konzern für das laufende und das kommende Jahr jeweils Investitionen in Höhe von über einer Milliarde Euro an. Im selben Rahmen adressiert Verteidigungsminister Boris Pistorius auch das Thema Hochschulen und Zivilklauseln.

Im Kasseler Werk in der Wolfhager Straße standen bei dem Besuch von Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius vor allem zwei Signale im Vordergrund: KNDS drängt auf Wachstum in Nordhessen, und der Staatseinstieg beim deutsch-französischen Konzern wird als industriepolitische Weichenstellung diskutiert. Vor Ort empfing KNDS Deutschland-Chef Florian Hohenwarter den Minister, um den aktuellen Ausbau sichtbar zu machen. Auf dem Werksgelände waren Bauarbeiten für eine zusätzliche Fabrikhalle erkennbar, was die Aussage unterstreicht, dass die Kapazitätsfrage nicht nur auf dem Papier gelöst wird, sondern auch mit neuer Infrastruktur in die Fläche geht.
Das Wachstum ist dabei nicht bloß eine betriebswirtschaftliche Zielgröße, sondern hängt unmittelbar an der Verfügbarkeit von Menschen. Hohenwarter verwies gegenüber der Berichterstattung darauf, dass die Kernherausforderung in der Personalplanung liegt – obwohl die Integration neuer Mitarbeiter nach eigener Darstellung bereits gut funktioniere. Für Kassel nennt ein Unternehmenssprecher für dieses Jahr außerdem rund 20.000 Bewerbungen. In den vergangenen fünf Jahren sei KNDS in Nordhessen um mehr als 600 Stellen gewachsen und beschäftige derzeit etwa 2.500 Menschen in der Region. Diese Zahlen machen deutlich, warum zusätzliche Standorte nicht allein durch Grundstücksfragen erklärbar sind, sondern vor allem durch den betrieblichen Flächenbedarf für Qualifizierung, Fertigungstiefe und Logistikprozesse.
Parallel zur Personal- und Kapazitätsfrage adressiert KNDS auch den Finanz- und Investitionsrahmen. Für den Gesamtkonzern kündigte Hohenwarter an, in diesem und im nächsten Jahr jeweils mehr als eine Milliarde Euro in alle Standorte und Kooperationen zu investieren. Konkrete Zahlen für einzelne Bauabschnitte nannte er im direkten Gespräch in Kassel bewusst nicht, doch die Richtung ist klar: Die Produktions- und Standortbasis soll erweitert werden, damit sich Volumensteigerungen in der Rüstungsindustrie nicht als Engpass im Standortnetzwerk brechen. Zudem verweist das Unternehmen darauf, dass die Präsenz in Kassel gewachsen ist – nicht nur über die drei Werke im Bereich Wolfhager Straße beziehungsweise Arnold-Bode-Straße, sondern auch über den Logistikstandort in Fuldatal-Ihringshausen. Letzteren hat KNDS laut Angaben nicht selbst gebaut und mietet das Areal seit dem vergangenen Jahr von Rudolph Logistik aus dem Schwalm-Eder-Kreis.
Der Besuch blieb jedoch nicht auf Werkshallen und Bewerbungszahlen beschränkt. Pistorius nutzte die Gelegenheit, um die Debatte um Zivilklauseln an Hochschulen öffentlich zu rahmen: Mit Zivilklauseln verpflichten sich Einrichtungen bisher dazu, Forschung und Lehre ausschließlich auf zivile Zwecke auszurichten. Der Minister zeigte sich dabei erfreut, dass Hochschulen diese Ausschlusslogik offenbar lockern, und knüpfte die wissenschaftspolitische Frage an praktische Konsequenzen. Für ihn ist Wissenschaftsfreiheit keine Einbahnstraße, auch wenn die Themen am Rand militärischer Nutzung liegen. Dual-Use-Technologien, die sowohl zivil als auch militärisch einsetzbar sind, werden damit in der Diskussion nicht ausgeklammert, sondern stärker in eine kontrollierte, offene Forschungsrealität eingeordnet.
Aus Sicht von KNDS ist die Hochschulkooperation zugleich eine Brücke zwischen Technologieentwicklung und dringend benötigten Kompetenzen. Hohenwarter betonte, die Zusammenarbeit mit Universitäten sei extrem wichtig – unter anderem wegen des hohen Personalbedarfs und der Technologieführerschaft. Dass der Minister diese Linie ebenfalls stützt, passt zu der Logik, die hinter dem Standortwachstum steckt: Wenn in der Fertigung und in der Entwicklung mehr Personal benötigt wird, müssen Recruiting und Wissensaufbau langfristig zusammenlaufen. Genau an dieser Schnittstelle verbindet sich die industrielle Standortstrategie mit der Frage, wie schnell Hochschulen auf neue Forschungsfelder reagieren können, ohne den akademischen Anspruch zu verlieren.
Schließlich bildete der mögliche Staatseinstieg ein weiteres zentrales Thema. Pistorius bekräftigte das Interesse der Bundesregierung, Anteile am Konzern zu übernehmen, und stellte dabei den Anspruch in den Vordergrund, die „Schlüsseltechnologie“ im deutschen Zugriff zu behalten – auf Augenhöhe mit dem französischen Partner. Auch wenn die Bundesregierung die konkrete Form erst in den kommenden Wochen mit Gesprächen und Entscheidungen festlegen will, sendet die Diskussion ein Signal an den Standort Nordhessen: Der Staat sieht in dem Einstieg laut Pistorius einen zukunftssichernden Schritt sowohl für die Technologie als auch für Industriearbeitsplätze und Standorte. KNDS Deutschland-Chef Hohenwarter sagte dazu, das Unternehmen und die Belegschaft würden sich freuen, wenn es funktioniert, und verwies gleichzeitig darauf, dass der geplante Börsengang wegen der Marktlage vorerst ausgesetzt wurde.
Damit schließt sich der Kreis zwischen industrieller Skalierung, Forschungspolitik und technologischer Architektur. Pistorius widersprach der These, künftige Kriege würden allein durch Drohnen entschieden, und forderte stattdessen einen „gesunden Mix“ zwischen bemannten und unbemannten Systemen. Raum einnehmen und halten erfordere weiterhin bemannte Fahrzeuge, während Drohnen und elektronische Systeme stärker in bewährte Plattformen integriert werden müssten. Hohenwarter bestätigte den Forschungsschwerpunkt bei bemannten, geschützten Fahrzeugen und ergänzte ihn um Arbeiten zu autonomen Systemen, KI und Drohnenabwehr. Für Unternehmen bedeutet das: Standortausbau allein reicht nicht; entscheidend ist, dass Personal, Forschungszugänge und Produktionskapazitäten zusammenwachsen, damit neue Systemgenerationen nicht an Engpässen im Ökosystem scheitern.
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