BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Vier Tage vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus haben die Spitzenkandidaten in der RBB-Wahlarena über Wohnen, Steuern und Verkehr gestritten. Besonders hart verlief die Debatte rund um Mietwucher, Vergesellschaftung und Entschädigungszahlungen an große Wohnungsunternehmen. Auch bei Kinderbetreuung und Kita-Gebühren setzten mehrere Parteien unterschiedliche Schwerpunkte. Einigkeit gab es überraschend beim Wunsch nach einer zentralen Baustellenkoordinierung mit Daten und Personal.

Berliner Wahlarena: Streit um Mieten, Steuern und Verkehr im TV-Duell vor der Wahl
Berliner Wahlarena: Streit um Mieten, Steuern und Verkehr im TV-Duell vor der Wahl (Foto: IT BOLTWISE)
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Vier Tage vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus ist die Wahlarena zu einer Bühne geworden, auf der sich die programmatischen Linien der sechs Parteien besonders scharf gegeneinander schieben. In einer rund eineinhalb Stunden dauernden Diskussion stellten die Spitzenkandidaten Fragen, die in Berlin seit Jahren politisch sprengen: Wie lässt sich bezahlbarer Wohnraum sichern, ohne neue Kostenlawinen auszulösen? Welche Steuerpolitik wirkt in einer Hauptstadt mit angespannter Haushaltslage? Und wie wird Verkehr so gestaltet, dass Sicherheit für Kinder zählt, ohne den Alltag auszubremsen. Dass viele Antworten zugleich Kampagnenargumente und konkrete Gesetzes- bzw. Umsetzungsansätze waren, zeigt: Für den Wahlkampf steht weniger eine abstrakte Debatte im Vordergrund als die Frage, wer die nächsten Schritte glaubwürdig formuliert.

Im Mittelpunkt stand die Wohnungspolitik, weil sie sich in Berlin unmittelbar in Lebensrealitäten übersetzt. Linke-Kandidatin Elif Eralp kündigte an, eine Behörde schaffen zu wollen, die gegen Mietwucher vorgehen soll – nicht nur bei illegalen Ferienwohnungen, sondern auch bei illegalem möbliertem Wohnen. Gleichzeitig brachte sie Vergesellschaftungen von rund 220.000 Wohnungen in die Diskussion, die im Besitz großer Immobilienkonzerne sein sollen. Der Ton verschärfte sich, als SPD-Kandidat Steffen Krach den möglichen Preis solcher Maßnahmen benannte: Er verwies darauf, dass die Entschädigung der Konzerne die Stadt zwischen 20 und 30 Milliarden Euro kosten würde, und machte dabei klar, dass die SPD verhindern will, dass „der größte Scheck in der Geschichte Berlins“ an ein bestimmtes Wohnungsunternehmen fließt. CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers ergänzte diese Kostenseite mit dem Argument unverantwortbarer Folgen: Woher sollten mehr als 30 Milliarden Euro Entschädigung kommen, wenn steigende Mieten die direkte Folge wären?

Die Gegenpositionen fielen ebenfalls deutlich aus. AfD-Kandidatin Kristin Brinker stellte Enteignungen infrage, argumentierte, dies schaffe keinen zusätzlichen Wohnraum und sei für die Stadt zu teuer. Grüne-Kandidat Werner Graf ging derweil einen anderen Weg an: Er schlug vor, kurzfristig auch leerstehende Büros in Wohnraum umzubauen. Zwei Millionen Quadratmeter seien dafür verfügbar, sagte Graf – ein Ansatz, der in der Praxis vor allem an Genehmigungen, Brandschutz, Lärm- und Denkmalschutzanforderungen sowie an der Frage hängt, ob aus Büroflächen wirklich Wohnungen mit tragfähigem Zuschnitt werden. BSW-Kandidat Michael Lüd ers bezeichnete es als Sündenfall, dass Linke und SPD früher zehntausende Wohnungen verkauft hätten; dadurch sei die Misere erst entstanden. Der Schlagabtausch zeigte damit zwei Logiken: Sofortmaßnahmen gegen Leerstand und Umnutzung versus Eingriffe in Eigentums- und Entschädigungsfragen – jeweils mit unterschiedlichen Hebeln und unterschiedlichen Risiken.

Auch im Bereich Kita und Familie ging es nicht nur um Leistungsversprechen, sondern um konkrete Stellschrauben. Steffen Krach und Werner Graf diskutierten den Betreuungsschlüssel im Kontext eines Rückgangs der Kinderzahl: Für die SPD ging es darum, nicht zu kürzen, sondern den Schlüssel zu verbessern. Krach betonte zudem die Gebührenfreiheit in der Kita. Für die Grünen sei entscheidend, den Schlüssel „weiter runterzukriegen“, daneben brauche es den Ausbau der Hortstrukturen; damit wollten sie die Nachmittagsbetreuung stärker abdecken. Elif Eralp und Michael Lüd ers verlangten gute Bezahlung und Arbeitsbedingungen für Erzieherinnen und Erzieher – ein Punkt, der in Berlin seit Jahren mit dem Fachkräftemangel und den Belastungen in der Praxis verknüpft wird. Kristin Brinker hingegen kritisierte zu viel Bürokratie in Kitas. Damit prallten Erwartungen aufeinander: Während die einen vor allem über Personal und Zeitkontingente diskutierten, fokussierten andere die administrativen Lasten, die Fachkräfte von der pädagogischen Arbeit abziehen.

Bei den Steuern wurde der Konflikt zwischen Wachstumsargumenten und Umverteilungsansätzen sichtbar. Stefan Evers stellte klar, für den Moment habe Wirtschaftswachstum Vorrang; deshalb sei eine Erhöhung nicht das erste Mittel der Wahl. Krach sprach sich auf Bundesebene für eine höhere Vermögensteuer, eine erhöhte Erbschaftsteuer und eine stärkere Besteuerung von Reichen aus. Eralp wollte in Berlin unter anderem eine Luxusvillensteuer beim Verkauf millionenschwerer Eigenheime einführen. Werner Graf hielt eine Erhöhung der Berliner Grunderwerbsteuer für sachgerecht und ergänzte den Vorschlag höherer Gebühren fürs Anwohnerparken. Brinker lehnte höhere Steuern ausdrücklich als kontraproduktiv ab. Lüd ers plädierte für ein „gerechteres“ Steuersystem, nannte als Beispiel eine höhere Erbschaftsteuer. Unterm Strich zeigt die Debatte, wie die Parteien versuchen, steuerliche Instrumente mit Wohnungs- und Stadtpolitik zu verzahnen: Wer Einnahmen erhöht, will oftmals den Spielraum für sozialen Wohnungsbau, Betreuung und Infrastruktur erweitern; wer Steuererhöhungen ablehnt, verweist häufig auf dämpfende Effekte für Investitionen und Konsum. Gleichzeitig bleibt die Frage, wie stark solche Vorhaben mit Bundesrecht kollidieren und welche Teile in Berlin tatsächlich steuerlich steuerbar sind.

Der Verkehrsteil führte dann zurück in den Alltag der Berliner – mit Schwerpunkt auf Radinfrastruktur, Tempo und Baustellenmanagement. Werner Graf machte deutlich, dass der Ausbau des Radwegenetzes Priorität haben müsse. Er verwies darauf, das Netz der Fahrradwege sei in den vergangenen Jahren eher ab- als ausgebaut worden. Evers widersprach und sagte sinngemäß, die Radinfrastruktur sei selbstverständlich ausgebaut worden. Bei Schutzmaßnahmen für Kinder setzte Steffen Krach auf verkehrsberuhigende Elemente und nannte als konkretes Beispiel ein Tempolimit von zehn Stundenkilometern vor Schulen. Die Logik dahinter war formuliert: Sicherheit komme vor Schnelligkeit. Auf die Frage nach einer zentralen Baustellenkoordinierung mit Daten und ausreichend Personal antworteten alle Spitzenkandidaten mit Ja. Gerade an dieser Stelle wirkt der Wahlkampf auf einen gemeinsamen Nenner, denn Baustellenchaos lässt sich in der Praxis häufig weniger durch einzelne Maßnahmen als durch Koordination, Transparenz der Planungen und Personal- bzw. Datenkapazitäten lösen. Dazu passt auch der Mülle- und Sauberkeitsstrang: Finanzsenator Evers stellte in Aussicht, gegen Vermüllung und Verwahrlosung öffentlicher Räume vorzugehen, und fragte rhetorisch, was schief läuft, wenn sich Menschen nicht mehr um die Stadt kümmern und man täglich über Müllberge steigt. Er betonte zugleich, die BSR leiste einen „Höllenjob“; entscheidend sei, die Stadt wieder in Ordnung zu bringen – ein Anliegen, das alle Parteien im Kern teilen wollten.

Für die Wahl am Sonntag bedeutet das TV-Duell vor allem eines: Die typischen Konfliktachsen sind klar markiert, und sie kreuzen sich an mehreren Stellen. Wohnungspolitik wird dabei nicht nur als soziale Frage diskutiert, sondern als Finanzierungsthema, das direkt in die Haushaltsfrage führt – ob über Entschädigungslogiken, Umnutzung leerstehender Flächen oder konsequente Vollzugsmechanismen gegen illegale Angebote. In der Familienpolitik geht es um Personal, Betreuungszeiten und die praktische Umsetzbarkeit; im Steuerthema dagegen um die Balance aus fiskalischem Spielraum und wirtschaftlicher Dynamik. Der Verkehrsteil zeigt schließlich, dass Konsens auch dort möglich ist, wo sich die Parteien sonst unterscheiden, etwa bei Koordinierung und Daten. Für Unternehmen, Verbände und Träger wird damit in den nächsten Wochen weniger die Frage „Ob“ relevant, sondern „Wie schnell“: Denn ob Mietenpolizei, Umnutzung leerer Flächen, Kita-Ausbau oder Baustellenkoordination in messbare Ergebnisse überführt werden, hängt unmittelbar davon ab, welche Maßnahmen in Koalitionsgesprächen priorisiert werden.


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