LONDON (IT BOLTWISE) – Amazon treibt mit „Project Mercury“ den Same-Day-Ausbau deutlich aggressiver voran. Die Planung sieht vor, das SSD-Netzwerk (Same Day Fulfillment) bis 2031 auf mehr als 1.000 Standorte zu erweitern, von heute rund 85. Damit will der Konzern die Lieferwege deutlich verkürzen und die Popular-Artikel näher an Prime-Kunden bringen. Gleichzeitig prüft das Unternehmen die Wirtschaftlichkeit über Orbital-Gebäude und rechnet mit einem Cashflow-positiven Betrieb bis 2030.

Amazon will die Regeln des Alltags-Einkaufs in den USA erneut umschreiben – diesmal weniger über neue Rabatte, sondern über eine massivere Logistikdichte. Im Zentrum steht „Project Mercury“, eine Initiative, die laut internen Planungsunterlagen die Same-Day-Delivery-Operation ausbauen soll. Ziel sind mehr als 1.000 Standorte bis 2031; das wäre eine Verzehnfachung gegenüber den rund 85 Einrichtungen, die Amazon derzeit betreibt. Der geplante Sprung soll nicht nur die Lieferzeiten verbessern, sondern die gesamte geografische Struktur der Bestellabwicklung verändern – gerade im Segment für „stabile“ Produkte wie frische Lebensmittel, Papierhandtücher oder auch Medikamente gegen akute Beschwerden.
Die technische Idee dahinter ist radikal in ihrer Einfachheit: weniger Strecke, mehr Nähe. Amazon richtet seine SSDs (Same Day Fulfillment Centers) künftig stärker an der Wohnlage der Prime-Abonnenten aus. Während die heutigen Same-Day-Einrichtungen im Schnitt etwa 90 Minuten Fahrzeit von Kundenzonen entfernt sind, sollen die Standorte nach den Angaben in den Dokumenten innerhalb eines 10-Meilen-Radius (Luftlinie) so platziert werden, dass 80% der Prime-Abonnenten in den USA bis 2031 abgedeckt sind. Wichtig ist: Same-Day bedeutet dabei nicht automatisch „sofort“, sondern hängt von Lieferfenstern ab. Amazon geht laut Prognosen davon aus, dass rund 94% der Pakete, die über seine dedizierten Same-Day-Gebäude laufen, bis 2029 in ein fünfstündiges Zeitfenster fallen.
Im Markt setzt Amazon damit direkt an einer Schwachstelle an, die sich aus dem Geschäftsmodell von Walmart ergibt. Walmart hat durch seine physischen Großflächen einen Geschwindigkeitsvorteil, weil ein großer Teil der US-Bevölkerung in der Nähe seiner Filialen lebt und diese zugleich als lokale Fulfillment-Hubs funktionieren. Aus den vorliegenden Angaben folgt ein klares Bild: Rund 90% der US-Bevölkerung leben innerhalb von 10 Meilen eines Walmart oder Sam’s Club; Walmart wiederum nennt eine Zustellung von 95% der Haushalte innerhalb von drei Stunden. Amazon versucht, diese räumliche Nähe nachzubauen – allerdings ohne 1:1-Replikation des Store-Netzes. Stattdessen setzt der Ansatz auf ein dichteres Netz spezialisierter Fulfillment-Zentren, die den Bestand für rund 90.000 der populärsten Produkte möglichst nahe an Kunden heranholen.
„Mercury“ soll sich dabei in eine breitere Logistik-Roadmap einfügen, in der Amazon verschiedene Geschwindigkeits- und Zustellmodelle kombiniert. Erwähnt werden mehrere parallele Hebel: ein All-Day-Delivery-Ansatz mit 10 überlappenden Zustellfenstern, die Weiterentwicklung von Amazon Now als ultraschnellem Service für Alltagsessentials sowie die Nutzung von SSDs als Startpunkte für Prime Air. Zusätzlich gibt es einen Vorläufer mit dem Projekt „Kobe“: Dabei geht es um Walmart-ähnlich große Anlagen mit großen automatisierten Backrooms, die Bestellungen lokal bündeln und abarbeiten können. Für Amazon ist das vor allem ein Architekturproblem: Je näher der Bestand am Kunden liegt, desto weniger muss in Spitzenzeiten über lange Distanzen transportiert werden.
Die Umsetzung skaliert Amazon über ein verkleinertes Gebäudekonzept, das in den Dokumenten als „Orbital“ beschrieben wird. Diese Einrichtungen sind deutlich kleiner als klassische Fulfillment Centers, liegen aber bei einer Größe, die für einen schnellen Rollout relevant sein kann: Rund 100.000 Quadratfuß (etwa 9.300 Quadratmeter) pro Anlage. Laut den Angaben sollen solche Orbital-Gebäude täglich etwa 75.000 Same-Day- und perishable Einheiten verarbeiten. Die Kostenkalkulation wirkt dabei wie eine Planungsgrundlage für die Expansion: Amazon veranschlagt rund 48,4 Millionen USD Capex je Orbital-Einrichtung. Gleichzeitig zeigen die internen Projektionen, wie stark SSDs mittelfristig den Volumenmix prägen sollen: 2029 sollen sie etwa 28% des von Amazon gefüllten Volumens ausmachen, 2035 sogar 50%.
Wichtig ist auch die Betriebslogik: Amazon rechnet offenbar damit, dass ein Teil des Nutzens nicht nur aus der schnelleren Zustellung entsteht, sondern aus der Vermeidung alternativer Kapazitäten. In den Unterlagen heißt es, dass die Finance-Teams die Wirtschaftlichkeit bereits geprüft hätten; namentlich wird Udit Madan als Verantwortlicher für die weltweiten Operationen genannt, der laut Dokumenten direkt einbezogen war. Für die US-SSD-Kapazität sieht Amazons Drei-Jahres-Operating-Plan Budgets von 6,8 Milliarden USD für 2026 und 2027 vor. Separat wird in einer Finanzüberprüfung ein wirtschaftlicher Wert von 7,1 Milliarden USD über zehn Jahre genannt, verbunden mit der Erwartung, bis 2030 in den positiven Cashflow zu gelangen. Neben der Investitionslogik wird außerdem beschrieben, dass sich ein Teil der Mercury-Ausgaben durch den Verzicht auf konventionelle Zustellgebäude kompensieren ließe, die Amazon ohne den SSD-Ansatz sonst hätte bauen müssen.
Für die Branche ist das weniger eine einzelne Standortmeldung als ein strategischer Marktbeweis: Schnelligkeit wirkt als Nachfragehebel. Amazon argumentiert in den Dokumenten über eine einfache Kausalität, die in der Praxis schwer zu widerlegen ist: Wird die Servicegeschwindigkeit erhöht, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Kunden bei Amazon bestellen; gleichzeitig führt eine frühere Zustellung dazu, dass Kunden schneller erneut einkaufen. Als namentlich genannte Führungskraft wird Doug Herrington, CEO of Worldwide Stores, zitiert – seine Kernaussage zielt auf genau diesen Verstärkungsmechanismus. Aus Sicht von Retail-IT und Supply-Chain-Engineering bedeutet das: Wer diese Art Logistik skalieren will, braucht nicht nur zusätzliche Gebäude, sondern auch präzise Forecasting-Modelle, robuste Bestandssteuerung und eine Software-gestützte Orchestrierung zwischen Warehouse, Transport und Zustellfenstern.
Ein letzter Punkt: Die vorliegenden Zahlen sind laut Aussage eines Amazon-Sprechers ausdrücklich als vorläufig zu verstehen, mit Möglichkeit erheblicher Änderungen. Gleichzeitig macht gerade diese Kombination – sehr konkret definierte Zielgrößen, aber klarer Hinweis auf Überarbeitungsbedarf – deutlich, wie dynamisch der Ausbau geplant sein dürfte. Für Händler und Plattform-Ökosysteme steigt damit der Druck, Zustellversprechen nicht nur als Marketing zu behandeln, sondern als messbare operative Capability. Wenn Amazon die SSD-Hubs tatsächlich in der geplanten Dichte entlang der Prime-Abdeckung aufbaut, könnte sich der Wettbewerb im Alltagsgeschäft spürbar verschieben – weg von „wer hat die Filiale näher“, hin zu „wer orchestriert die Lieferkette so, dass die Nähe automatisch verfügbar ist“.
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