BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine groß angelegte Auswertung zeigt, dass Antibiotika weltweit nicht so eingesetzt werden, wie es die WHO-Kategorien „Access“, „Watch“ und „Reserve“ nahelegen. Besonders in Ländern mit niedrigerem Einkommen fehlen häufig die letzten Mittel für schwere Infektionen durch multiresistente Erreger. Gleichzeitig verwenden viele Staaten zu viel der „Watch“-Antibiotika und damit der Wirkstoffe, die Resistenzrisiken eher befeuern. In Deutschland kommt hinzu, dass nationale Leitlinien laut Stimmen aus der Praxis teils stärker auf „Watch“ setzen als auf „Access“.

Antibiotika-Missverhältnis: Weltweite Studie zeigt falsche Verteilung von Access, Watch und Reserve
Antibiotika-Missverhältnis: Weltweite Studie zeigt falsche Verteilung von Access, Watch und Reserve (Foto: IT BOLTWISE)
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Antibiotika sind seit Jahrzehnten ein Pfeiler moderner Medizin, aber die aktuelle Realität entspricht vielerorts nicht dem, was ein kluges Resistenzmanagement erfordert. Eine Studie im Fachjournal The Lancet Public Health ordnet die weltweite Antibiotikapraxis in drei WHO-Kategorien ein: „Access“ für einfache Mittel bei häufigen Infektionen, „Watch“ für Antibiotika mit höherem Resistenzrisiko und „Reserve“ als letzte Option bei schweren Infektionen durch multiresistente Erreger. Der Befund ist zugleich banal und ernst: Nicht nur werden „einfache“ Antibiotika zu wenig genutzt, sondern in ärmeren Regionen fehlen Patienten häufig die „letzten Mittel“, wenn sie sie wirklich brauchen. Damit entsteht ein doppeltes Problem aus Übergebrauch im falschen Segment und Unterversorgung im entscheidenden Notfallbereich.

Technisch und organisatorisch lässt sich das Missverhältnis gut entlang der WHO-Systematik erklären. „Watch“-Antibiotika sind nicht grundsätzlich falsch; sie werden dort zur Standardtherapie, wo sie klinisch passen. Das Problem entsteht jedoch, wenn „Watch“ systematisch dort landet, wo eigentlich „Access“ ausreichen würde. Genau diese Verschiebung untersuchen die Autorinnen und Autoren, indem sie die Antibiotikanutzung in insgesamt 186 Ländern und Territorien anhand verfügbarer Daten messen. Fehlende Werte wurden durch Modellrechnungen ergänzt, um dennoch vergleichbare Cluster bilden zu können. Die Staaten wurden dafür nicht nur nach Einkommen, sondern auch nach soziodemografischen Faktoren, Infektionslast und den vorhandenen Resistenzen gruppiert – also nach einem Mix, der die Vergleichbarkeit erhöhen soll und nicht nur eine reine Pro-Kopf-Kennzahl verwendet.

Für das Ergebnis ist entscheidend, wie Orientierungswerte definiert werden. Die Forschenden nutzen Cluster mit niedriger Sterblichkeit durch Infektionen und niedrigem Antibiotikagebrauch als Referenz, um abzuleiten, wie viel „Access“, „Watch“ und „Reserve“ in einem „günstigen“ Szenario ungefähr erforderlich wäre. Für das Cluster der wohlhabendsten Länder nennt die Studie die Schweiz als Orientierungsstaat; für die übrigen Staaten dient Marokko als weiterer Bezugspunkt. In diesem Rahmen zeigt die Auswertung dann, dass ein großer Teil der Länder über dem erwartbaren Bereich liegt, wenn es um „Watch“-Antibiotika geht. Von 67 Ländern mit umfangreicheren Daten nutzten 66 Staaten „Watch“-Antibiotika aus der mittleren Kategorie offenbar mehr als angemessen – darunter auch Deutschland. Gleichzeitig verwendeten etwa die Hälfte der untersuchten Länder weniger „Reserve“-Antibiotika für schwere Infektionen, als nach den Kriterien der Studie angemessen gewesen wäre. Das ist klinisch besonders brisant, weil „Reserve“ genau für Situationen vorgesehen ist, in denen andere Optionen nicht mehr greifen.

Aus Marktsicht und Versorgungspolitik wird damit verständlich, warum der Konflikt zwischen Bedarf und Verfügbarkeit nicht automatisch durch „mehr Antibiotika“ gelöst werden kann. Die Studie schätzt den globalen Bedarf auf 43 Milliarden Tagesdosen im Jahr 2019. Bei einer Weltbevölkerung von damals weniger als acht Milliarden Menschen entspricht das grob einer Antibiotikakur pro Person und Jahr, allerdings mit mehreren Tagesdosen. Gleichzeitig wurden laut einer veröffentlichten Schätzung 2018 etwa 40,2 Milliarden Tagesdosen weltweit verbraucht. Die Größenordnung macht deutlich: Es geht nicht nur um dramatische Unterversorgung in absoluten Mengen. Vielmehr verschiebt sich die Herausforderung auf die richtige Wirkstoffklasse zur richtigen Indikation und zur passenden Phase im Krankheitsverlauf. Genau hier entstehen für Gesundheitssysteme auch organisatorische Hürden: Kliniker müssen Leitlinien und Routinen so gestalten, dass „Access“ tatsächlich früh genutzt wird, während „Reserve“ für schwere Verläufe konsequent geschont wird.

Dass diese Verknüpfung in der Praxis nicht reibungslos funktioniert, betonen auch deutsche Rückmeldungen aus dem Umfeld der Infektionsepidemiologie. Tim Eckmanns vom Robert Koch-Institut ordnet den Befund so ein, dass Deutschland insgesamt etwas zu viele Antibiotika verbrauche und deutlich zu viele „Watch“-Antibiotika. Als Ursache nennt er unter anderem, dass in deutschen Leitlinien oft „Watch“-Antibiotika empfohlen würden, obwohl „Access“ in vielen Fällen die passende Alternative wäre. Mathias Pletz vom Universitätsklinikum Jena ergänzt einen weiteren, sehr konkreten Kontext: In Deutschland wurden zuletzt viele ukrainische Kriegsverletzte behandelt. Bei Knocheninfektionen durch multiresistente Erreger könnten dafür Reserve-Antibiotika nötig sein. Da sich die Verbrauchsdaten der Studie auf 2019 beziehen, ist dieser Effekt in den untersuchten Zahlen zwar noch nicht enthalten, er zeigt aber laut Pletz, wie anfällig eine Normierung auf Bevölkerungsdaten gegenüber Verzerrungen ist, wenn sich Fallmix und Versorgungsrealität temporär stark verändern.

Damit rückt auch die methodische Seite der Studie in den Fokus: Datenlücken werden durch Modellrechnungen geschlossen, aber Modelle sind nur so robust wie die Annahmen, die in den Cluster-Logiken stecken. Gerade bei Antibiotika-Lastprofilen können kurzfristige Ereignisse – etwa Sonderpatientengruppen, Ausbrüche oder Versorgungsengpässe – die relativen Verteilungen beeinflussen. Für Unternehmen, die an Krankenhausprozessen, Diagnostik-Workflows oder Arzneimittelmanagement beteiligt sind, ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Antibiotika-Stewardship ist nicht nur eine Leitlinienfrage, sondern auch eine Frage der Datenqualität, der Indikationssteuerung und der IT-Integration. In vielen Einrichtungen entscheidet sich die Wirksamkeit von Stewardship schließlich an der praktischen Umsetzung, zum Beispiel daran, ob Diagnostikbefunde schnell genug vorliegen, ob Therapiepfade nachvollziehbar dokumentiert werden und ob die Auswahl später tatsächlich zu „Access“ oder „Reserve“ passt.

Für die Zukunft lässt sich der Nutzen der WHO-Kategorien gut in messbare Ziele übersetzen. Die Studie zeigt, dass „zu viel Watch“ und „zu wenig Reserve“ zugleich auftreten können, selbst wenn der globale Gesamtverbrauch nicht zwangsläufig explodiert. Das spricht dafür, die Diskussion um Antibiotika nicht nur über Gesamtmengen zu führen, sondern stärker über Klassenverteilungen entlang des WHO-Rahmens. Gleichzeitig machen die genannten Beispiele aus Deutschland und die Sensitivität der Daten gegenüber Verzerrungen deutlich, dass Vergleiche immer auch den Versorgungskontext berücksichtigen müssen. Wenn Gesundheitssysteme „Access“ konsequenter in den frühen Stadien verankern und „Reserve“ als echte letzte Option operationalisieren, sinkt nicht nur der Resistenzdruck; auch die Versorgungssicherheit für schwere Infektionen gewinnt. Genau daran hängt die eigentliche Botschaft der Studie: Gerechter und angemessener Zugang zu wirksamen, essenziellen Antibiotika ist zentral für nachhaltige Gesundheitsziele – und er erfordert sichtbar mehr als eine pauschale Reduktionsstrategie.


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