KIEW / LONDON (IT BOLTWISE) – Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj drängt den neuen Armeechef Mychajlo Drapatyj dazu, die Angriffe auf Russland in allen Bereichen zu verstärken. Mit der Entlassung von Oberbefehlshaber Olexander Syrskyj nach einer Protestwelle steht zugleich ein Generationenwechsel im Militär an. Drapatyj soll dabei stärker auf modernere Methoden der Kriegs- und Menschenführung setzen, während im Hintergrund die technische Entwicklung der Ukraine umgebaut werden soll. Welche Folgen das für die weitere Offensive und den Einsatz von Drohnen hat, wird vor dem Hintergrund neuer Luftalarme deutlich.

In Kiew verschiebt sich die Balance zwischen militärischer Lage und Innenpolitik spürbar: Präsident Wolodymyr Selenskyj hat nach einer tagelangen Protestwelle Olexander Syrskyj (60) als bisherigen Oberbefehlshaber der Streitkräfte entlassen und Mychajlo Drapatyj (43) als neuen Armeechef nach vorn gestellt. Der neue Generalmajor soll die Offensivhandlungen „in allen Bereichen fortsetzen und verstärken“ und dabei sowohl neue Operationen gegen das Hinterland des russischen Angreifers als auch den Ausbau der ukrainischen Streitkräfte in technologischer Hinsicht treiben. Genau diese Doppelspur – Offensive auf der einen Seite, Modernisierung auf der anderen – wirkt wie der Versuch, militärischen Handlungsdruck mit einem klaren Kurs in der Außenwirkung zu verbinden.
Der Personalwechsel ist dabei nicht nur eine Frage von Rang und Verantwortung, sondern auch ein Generationsthema. Drapatyj folgt auf Syrskyj bereits als zweiter Oberkommandierender in kurzer Folge: Seit dem Start der großangelegten Invasion im Februar 2022 ist er der dritte, der die Spitze der ukrainischen Streitkräfte innehat. Mit seinen 17 Jahren weniger als Syrskyj, der noch in der Sowjetzeit ausgebildet wurde, soll Drapatyj modernere Methoden der Kriegs- und Menschenführung einbringen. In der Praxis heißt das vor allem: weniger Routine, mehr Anpassung an ein Konfliktbild, in dem Aufklärung, mobile Wirkung und die konsequente Nutzung neuer Systeme den Takt vorgeben.
Drapatyjs Laufbahn liefert dafür zumindest eine Art historisches Argument. Bereits 2014 wurde er als Major bekannt, als er mit einem gepanzerten Mannschaftstransporter in Mariupol eine Straßensperre prorussischer Kräfte durchbrach – damals mit dem Ziel, die Hafenstadt verteidigen zu können. Während Russland später Mariupol eroberte, taucht Drapatyj im weiteren Kriegsverlauf wieder auf: 2024 half er als Kommandeur dabei, den russischen Einmarsch in das Gebiet Charkiw zu begrenzen. Später führte er die ukrainischen Bodentruppen, trat 2025 aber zurück, nachdem beim Einschlag einer russischen Iskander-Rakete in eine Ausbildungseinheit zwölf Soldaten getötet worden waren. Er übernahm in diesem Zusammenhang Verantwortung dafür, dass im Heer Soldaten nicht ausreichend geschützt gewesen seien – ein Punkt, der innerhalb des Militärs häufig unmittelbare Konsequenzen für Verfahren, Training und Schutzkonzepte nach sich zieht.
Während Drapatyj nun die Linie für Offensivhandlungen und technologischen Ausbau definieren soll, bleibt die politische Frage rund um den Verteidigungsapparat offen. Die Protestwelle entzündete sich nicht an Syrskyjs Abgang allein, sondern auch an der Entlassung des jungen und bei vielen Ukrainern populären Verteidigungsministers Mychajlo Fedorow (35) vergangene Woche. Ohne Details kündigte Selenskyj eine „würdige Aufgabe“ für Fedorow in der Regierung an – konkret soll er sich um die technische Entwicklung der Ukraine kümmern können. Medienberichten zufolge lehnt Fedorow dies jedoch ab. Für Unternehmen, die in solchen Umbruchsphasen arbeiten müssen, ist genau das relevant: Wenn Zuständigkeiten zwischen Militär, Regierung und Technik-Ressorts neu sortiert werden, verschieben sich nicht nur Budgets, sondern auch die Prioritäten in der Produkt- und Systementwicklung.
Der scheidende Armeechef Syrskyj beschreibt den Kurs unter seiner Führung als offensiver ausgerichtet, obwohl der Personalwechsel nach außen wie ein Bruch wirken kann. Auf seinem Telegram-Kanal schreibt er, er übergebe seinem Nachfolger eine Armee, die nicht nur verteidige, sondern sich „im Offensivmodus“ bewege – mit Initiative, Struktur und Menschen, die wüssten, wie man den Feind besiegt. Besonders konkrete Stichworte setzt er dabei bei Drohnen: Unter Syrskyj seien erstmals Drohnenstreitkräfte gegründet worden, die dem Gegner sichere Rückzugsgebiete nehmen sollten. Zudem sei eine neue eigene Flugabwehr aufgebaut worden. In Moskau wiederum heißt es, der Austausch ändere an der militärischen Lage nichts; Kremlsprecher Dmitri Peskow verweist gleichzeitig aber darauf, dass der Personalwechsel Risse in der Führung in Kiew zeige – ein typisches Muster, um intern Stärke zu signalisieren, während die Gegenseite nach außen als instabil gerahmt wird.
Dass der Druck im Konflikt nicht nachlässt, zeigen auch die aktuellen Ereignisse der Nacht: In der Ost- und Zentralukraine wurde wegen angreifender russischer Drohnen erneut Luftalarm ausgelöst, betroffen war auch die Hauptstadt Kiew. Zeitgleich meldeten russische Regionen zeitweise Drohnen- oder Raketengefahr, und in Russland trafen ukrainische Drohnen erneut zwei Lager des großen Online-Versandhändlers Wildberries; dabei wurden mindestens zwei Tote und 14 Verletzte genannt. Diese Dynamik verdeutlicht, warum die Ukraine ihre knappe Ressource – Soldaten – gezielt schonen will: Wenn Drohnen und Luftabwehr stärker in die operative Planung integriert werden, kann Wirkung schneller skaliert werden, während Einheiten nicht zwingend in jeder Phase denselben Belastungen ausgesetzt sind. Genau hier liegt auch der Kern dessen, was Selenskyjs Führung mit Drapatyjs Ernennung erreichen will: Offensivstärke nicht allein durch mehr Personal, sondern durch modernere, technologiegestützte Abläufe.
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