LONDON (IT BOLTWISE) – Grayscale rechnet damit, dass Bitcoin sein zyklisches Tief bereits früher als im klassischen Vier-Jahres-Rhythmus ausbilden könnte. Ausschlaggebend sei weniger das Krypto-natürliche Timing als vielmehr die Makrolage rund um die US-Notenbank. Für das nächste Fed-Meeting am 29. Juli werden laut CME Fedwatch 66% für eine unveränderte Zinsentscheidung eingepreist – nach 88% eine Woche zuvor. Gleichzeitig bleibt regulatorische Unsicherheit ein Bremser, falls der CLARITY Act dieses Jahr scheitert.

Die Frage, ob Bitcoin „schon durch“ ist, rückt in den Vordergrund: Grayscale sieht Hinweise, dass der Kursboden möglicherweise früher als im traditionellen Vier-Jahres-Zyklus erreicht wurde. Der Gedanke dahinter ist konkret genug, um Anlegerstimmung zu bewegen: Wenn die üblichen Muster diesmal schneller greifen, könnte ein zyklisches Tief bereits im September oder Oktober liegen. In dem aktuellen Bericht argumentiert Zach Pandl, dass Bitcoin als Anlageklasse zunehmend „herangereift“ sei und sein Preisgeschehen stärker von makroökonomischen Treibern abhänge als von rein krypto-internen Faktoren.
Für die Einordnung hilft ein Blick auf die Mechanik solcher Zyklen: In der Vergangenheit wurden Bitcoin-Bärenmärkte häufig mit einer Kombination aus sich abschwächendem Wachstum und steigenden Realzinsen verknüpft. Pandl verlagert die Aufmerksamkeit entsprechend auf die Fed-Entscheidungen und die Erwartungen an die Zinsentwicklung. Schon allein das Timing der nächsten Sitzung ist ein Signalrahmen für den Markt: Die nächste Zinsentscheidung der US-Notenbank ist für den 29. Juli angesetzt. Am Markt werden laut CME Fedwatch dabei 66% Wahrscheinlichkeit eingepreist, dass die Zinsen unverändert bleiben – nachdem es eine Woche zuvor noch 88% waren. Diese Verschiebung spiegelt, wie stark die Kursnarrative an die Makro-Agenda gekoppelt bleiben.
Gleichzeitig ist Grayscales Sicht nicht allein makrogetrieben, sondern wird von weiteren Indikatoren aus dem Krypto-Ökosystem flankiert. So hatte K33 bereits im Juli auf ein klassisches Boden-Signal verwiesen: Mehr als 50% des Bitcoin-Angebots sollen sich in Händen befinden, in denen die Positionen aktuell im Verlustbereich liegen. Der Ansatz dahinter lautet historisch: Bitcoin habe in früheren Zyklen oft erst mehrere Wochen nach dem Zeitpunkt gebottet, an dem mehr als die Hälfte des Angebots „unter Wasser“ gefallen sei. Auch Swan Bitcoin lieferte in einem früheren Gespräch eine ähnliche Richtung über die Verteilung der Haltefristen: Die Bestände langfristiger Investoren seien auf ein Allzeithoch von 14,7 Millionen Bitcoin gestiegen. Für die Marktlogik bedeutet das weniger panikgetriebene Verkäufe und ein stabileres Fundament, selbst wenn der kurzfristige Preis noch schwankt.
Technisch betrachtet verlagert sich damit das „Warum“ der Kursbewegungen: Während Krypto-Assets in frühen Phasen oft stark von Liquidität in einzelnen Marktsegmenten oder von Projekt-spezifischen Nachrichten abhingen, werden in späteren Phasen zunehmend Finanzierungskonditionen, Risikoprämien und Wachstumserwartungen relevant. Pandl formuliert es in dem Bericht so, dass Bitcoin sich dann stabilisieren bzw. ein Tief markieren könne, wenn die makroökonomischen Einflussfaktoren drehen. Das ist keine Garantie für exakte Datums-Treffer, aber es erklärt, warum die Zinskurve und die Erwartungshaltung zur Geldpolitik so stark in den Vordergrund rückt. Mit anderen Worten: Makrodaten wirken als Taktgeber, während krypto-spezifische Indikatoren eher als Bestätigungssignale dienen.
Doch der Gegenwind kommt ebenfalls aus einem klar benennbaren Bereich: regulatorische Unsicherheit. Pandl weist darauf hin, dass die Preisentwicklung trotz möglicher Bodenbildung begrenzt bleiben könnte, falls der CLARITY Act in diesem Jahr nicht durchkommt. In diesem Szenario könnten Treasury-Unternehmen, darunter Strategy und weitere, den im Bericht beschriebenen „deleverage“-Prozess fortsetzen und damit weiter Verkaufsdruck oder zumindest dämpfende Effekte erzeugen. Der Bericht spricht dabei nicht von einem erneuten Crash-Szenario, sondern davon, dass Bitcoin „moderat weiter“ fallen könnte. Für Entscheidungsträger ist das relevant, weil es das Risiko eines zweiten „Abwärtsimpulses“ nach einem vermeintlichen Boden einkontiert – also die Wahrscheinlichkeit, dass Erholungen zeitweise ausbleiben oder Marktteilnehmer erneut in Sicherheitsmodus wechseln.
Auch andere Stimmen halten daher am Gedanken fest, dass der Boden später kommen könnte. Genannt wird etwa die Erwartung von Jiang Zhuoer, der als Gründer eines Mining-Pools eine Bodenmarke zwischen Oktober und Dezember 2026 prognostiziert. Interessant ist hier vor allem die Begründung über einen zeitlichen Abstand zu einem bekannten Zyklusanker: Die Schätzung bezieht sich auf ungefähr sechs Monate nach einem zyklischen Tief der Strategy Multiple to Net Asset Value (mNAV). Damit illustriert die Debatte zweierlei: Während Grayscale den Turn eher in eine Phase früherer Makro-Entspannung legen will, setzen andere Marktakteure stärker auf den Nachlauf bestimmter Bewertungs- und Finanzierungsmechanismen innerhalb großer Player-Strukturen.
Für die Praxis bedeutet das: Die kommenden Wochen rund um die Fed-Entscheidung werden nicht nur als makroökonomisches Ereignis wahrgenommen, sondern als potenzieller Katalysator für die Abfolge aus Bodenbildung, Liquiditätsreaktion und Positionierung. Wenn der Markt tatsächlich eine Bestätigung für unveränderte Zinsen statt einer weiteren Straffung erwartet, könnte das die von Grayscale beschriebene Logik stützen, dass Bitcoin das Tief bereits vor dem klassischen September-/Oktober-Fenster signalisiert. Gleichzeitig bleibt die regulatorische Komponente über den CLARITY Act ein Hebel, der die Geschwindigkeit der Stabilisierung beeinflussen kann. Genau darin liegt der derzeitige Spannungsbogen: Datenabhängigkeit auf Makro-Ebene trifft auf strukturelle Anpassungen im Krypto-Treasury-Umfeld.
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