SOUTH FLORIDA / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Längsschnittstudie mit 725 Jugendlichen zeigt, dass die „gewünschten“ Freunde im Klassenzimmer meist deutlich höher im sozialen Ansehen stehen als die realen Bezugspersonen. Zwar wünschen sich viele Schüler vor allem populäre und attraktiv wirkende Mitschüler, doch daraus entsteht über das Schuljahr hinweg nur selten eine gegenseitige Freundschaft. Die Daten deuten darauf hin, dass weniger die bloße Attraktivität zählt als die Passung im Alltag und die Überschneidung sozialer Merkmale. Für Eltern und Schulen stellt sich damit die Frage, wie man Kontaktchancen so gestaltet, dass aus Bewunderung echte Beziehungen werden können.

Freundschaften im Wunschdenken: Warum Teenager selten wirklich anschließen
Freundschaften im Wunschdenken: Warum Teenager selten wirklich anschließen (Foto: IT BOLTWISE)
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Was Jugendliche über Freundschaft wünschen, folgt oft einer klaren Hierarchie: Teenager nennen als „gewünschte“ Freunde häufig Mitschüler, die in der Wahrnehmung der Gruppe besonders angesehen, attraktiv oder sportlich sind. Genau hier setzt die neue Untersuchung an, die im Journal of Social and Personal Relationships veröffentlicht wurde. Sie beschreibt den auffälligen Spalt zwischen Wunschbild und Realität: Die Zielpersonen sind für die meisten nicht nur sozial begehrt, sondern wirken auch wie unerreichbare Ideale. In den Daten zeigt sich zudem ein Muster, das an Erwachsene in romantischen Beziehungen erinnert: Man richtet sich nach einem Ideal, das mehr mit Fernwirkung als mit konkreter Übereinstimmung zu tun hat.

Im Kern unterscheidet die Studie zwischen den Freunden, die Jugendliche bereits haben, und jenen, mit denen sie gern befreundet wären. Diese „gewünschten Freunde“ sind also Klassenkameraden, die der/die Befragte gern als künftige Beziehung anbahnen würde. Interessant ist dabei die methodische Entscheidung der Forschenden: Sie arbeiten nicht mit dem klassischen Ansatz, der über nicht erwiderte Nennungen auf mögliche Einseitigkeit schließt. Stattdessen fragen sie die Jugendlichen direkt, wen sie sich als Freund vorstellen. Damit vermeiden sie einen häufigen Fehlerquellmechanismus, bei dem unvollständige Erinnerung oder Missverständnisse das Ergebnis verzerren können. Gleichzeitig wird klar, dass es nicht um „ob jemand beliebt ist“, sondern um die Selektionslogik hinter der gewünschten Freundschaft geht.

Die Untersuchung stützt sich auf zwei Längsschnittstudien, die über ein Schuljahr hinweg denselben Teilnehmenden zweimal Informationen entnehmen. Insgesamt wurden 725 Jugendliche begleitet: In der ersten Studie nahmen 279 Fünft- und Sechstklässler aus einer öffentlichen Schule in South Florida teil, mit einem durchschnittlichen Alter von etwa elf Jahren. Die Befragungen fanden im Winter und im Frühjahr statt; währenddessen konnten die Schüler jeweils bis zu zehn gewünschte Mitschüler und bis zu zehn bestehende Freunde nennen. Diese Auswahl wurde zusätzlich mit peer reputation Kategorien verknüpft, etwa akademische Leistung, „Spaß“, Popularität sowie Unbeliebtheit. In der zweiten Studie wurden 219 Mittelstufenschüler aus South Florida und 227 aus Litauen einbezogen, die zwischen zehn und 14 Jahre alt waren und ebenfalls im Herbst und Frühjahr antworteten. An den Schulen zeigte sich zudem ein Unterschied im Schulalltag: In Litauen blieben Lehrkräfte und Klassenkameraden durchgehend stabil, während in den USA ein wechselnder Peer-Block durch den Tag rotiert.

Mit Blick auf die so ermittelten Freundschaftsaspirationen fällt vor allem die geringe Erfolgsquote auf. Über beide Studien hinweg materialisiert sich nur ein sehr kleiner Anteil der gewünschten Kontakte zu gegenseitigen, von beiden Seiten als Freund anerkannten Beziehungen. „Gegenseitig“ bedeutet hier konkret: Beide Schülerinnen oder Schüler listen sich zu dem späteren Messzeitpunkt gegenseitig als Freunde. Dass diese Hürde so hoch ist, überrascht die Autorenschaft. In den Ergebnissen wird eine Quote von nur etwa 5 % genannt, bei der aus einer Wunschaspiration später eine reziproke Freundschaft wird. Entscheidend ist außerdem, dass das Muster nicht an eine bestimmte Altersgruppe oder eine einzelne Schulform gebunden wirkt: Trotz der Unterschiede in Alter, Ländern, Nominierungsdetails und dem Setting der Klassenorganisation bleibt die Richtung der Befunde stabil.

Warum scheitert es so häufig? Die Daten liefern eine plausible Erklärung über die Passung: Die als „gewünscht“ benannten Mitschüler unterscheiden sich in ihren sozialen Merkmalen deutlich vom Rest der Schülergruppe und sind häufig weiter entfernt als die bereits existierenden Freundschaften. Im Vergleich zu Jugendlichen, die nicht als gewünschte Freunde genannt wurden, schneiden die Zielpersonen bei akademischer Leistung, Attraktivität, Sportlichkeit, „Spaß“ und Popularität überdurchschnittlich ab; ebenso zeigen sie niedrigere Werte bei Unbeliebtheit. Zugleich betont die Studie, dass „gewünscht“ nicht bloß ein anderes Wort für „popular“ ist: Popularität kann einen Teil erklären, aber sie allein reicht nicht, um die gesamte Struktur der Wünsche abzubilden. Die Forschenden interpretieren das als Hinweis auf multidimensionale Attraktivität, also auf eine Kombination aus mehreren positiven Eigenschaften, die Jugendliche gleichzeitig als begehrenswert wahrnehmen.

Die zentrale Bruchstelle liegt jedoch weniger in der Wahrnehmung einzelner Stärken als in der fehlenden Ähnlichkeit zwischen Wunschenden und Wunschzielen. Die Forschenden quantifizieren Ähnlichkeit, indem sie die reputationsbasierten Scores des nominierten Jugendlichen mit denen der gewünschten Person vergleichen und so testen, ob Merkmale innerhalb potenzieller Freundespaarungen zusammenpassen. Das Ergebnis fällt klar aus: Jugendliche ähneln sich stark mit ihren bestehenden Freunden, während zwischen ihnen und den gewünschten Zielpersonen nur geringe Übereinstimmung sichtbar wird. Aus dieser Perspektive wird verständlich, warum ein anfängliches „Beeindruckend finden“ noch keine realistische Kontaktchance erzeugt. Die Studie stellt damit die Unterscheidung zwischen sozialer Distanz und sozialer Passung in den Mittelpunkt: Was aus der Ferne reizvoll wirkt, muss nicht das sein, worauf eine echte Freundschaft im Alltag aufbauen kann.

Für den Transfer in Schule und Familie ist der Befund besonders handlungsrelevant, weil er eine konkrete Interventionstendenz nahelegt: Wenn Wunschfreundschaften vor allem von Statussignalen getragen sind, aber die Passung fehlt, entstehen oft keine dauerhaften Beziehungen. Die Autorenschaft empfiehlt daher, wiederholte, niedrigschwellige Begegnungen zu schaffen, bei denen Jugendliche mit ähnlichen Interessen oder Aktivitäten in Kontakt kommen. Dabei geht es nicht darum, „high-status“ völlig zu entwerten, sondern darum, die Kontaktgelegenheiten so zu gestalten, dass aus bewundernder Distanz überhaupt gemeinsame Interaktionsräume werden. Methodisch bleibt zugleich offen, was Jugendliche bei der Nennung wirklich meinen: Die Studie kann nicht exakt bestimmen, ob sie aktiv Annäherung erhoffen, jemanden idealisieren oder schlicht die Vorstellung eines Best-Case-Szenarios formulieren. Auch ein weiterer Erklärungsstrang wird genannt, etwa kognitive Heuristiken wie die Verfügbarkeit: Sehr populäre Mitschüler sind in der Wahrnehmung präsent und damit möglicherweise leichter abrufbar, auch wenn das nicht zwingend die kompatibilitätsstiftende Ebene trifft.

Unterm Strich liefert die Untersuchung einen nüchternen Beitrag zur Sozialpsychologie von Freundschaften: Sie zeigt, dass die Erwartung „Wenn jemand attraktiv und beliebt ist, wird daraus leichter eine Freundschaft“ im Jugendalltag häufig nicht funktioniert. Entscheidend ist weniger die Leuchtkraft des Wunschziels, sondern wie gut die soziale Passung tatsächlich gegeben ist und ob die Umstände wechselseitige, lohnende Interaktion erlauben. Für spätere Forschung schlagen die Autorinnen und Autoren vor, Jugendliche direkter zu befragen, warum genau bestimmte Namen auftauchen, und auch die seltenen Fälle genauer zu untersuchen, in denen Wunschfreundschaften doch reziprok werden. Auf längere Sicht wäre zudem wichtig, wie sich wiederholte nicht erfüllte Aspirationen auf Zufriedenheit, Selbstwert und Einsamkeit auswirken.


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