LONDON (IT BOLTWISE) – Meta hat auf Instagram eine KI-Werbeanzeige veröffentlicht, die mit David Bowies „Five Years“ eine düstere Weltuntergangs-Stimmung unterlegt. In der Botschaft heißt es, KI werde Menschen nicht weniger vernetzen oder zurücklassen. Der Clip zeigt kurze Alltagsmomente mit Kindern und Familien sowie eine Szene beim Knicks-Championship-Parade-Winken. Kritiker sehen darin einen möglichen Kontextbruch: ausgerechnet ein Song über das Ende der Welt wird zum Werbemittel für KI-Optimismus.

Meta setzt in seiner neuen KI-Werbekampagne auf eine ungewöhnliche emotionale Gegenüberstellung: Ein Clip, der auf Instagram erscheint, nutzt David Bowies „Five Years“, ein Stück aus dem Jahr 1972, dessen Text den nahenden Weltuntergang in den Mittelpunkt stellt. Während die offizielle Ansage des Werbespots KI als Bindeglied verkauft („KI wird uns nicht weniger verbunden machen“), legt die musikalische Vorlage eine über weite Strecken apokalyptische Perspektive nahe. Genau diese Spannung wirkt beim Publikum nicht nur als Stilmittel, sondern auch als Interpretationsproblem: Wenn man den Soundtrack als emotionalen Rahmen ernst nimmt, verschiebt sich die Werbebotschaft vom nüchternen „Zukunft als Chance“ hin zu „Zukunft als Stress-Test“.
Technisch betrachtet ist ein Werbespot in dieser Art zwar „nur“ Content, aber er ist zugleich ein Produkt-Statement über Zielgruppen, Tonalität und Risikokommunikation. Meta arbeitet dabei mit Bildsprache, die menschliche Nähe sofort aufruft: Ein kleines Kind spielt mit einem Schmetterling, Eltern lachen mit ihrem Baby, und eine Person winkt auf einer Parade. Diese Reihenfolge ist kein Zufall, denn sie koppelt den KI-Begriff an soziale Interaktion und Alltagswärme, statt an abstrakte Technologie. Dass der Clip zudem gezielt auf Anwendungsfälle rund um die „kontroversen Smart Glasses“ verweist, ohne dass der Text die darin enthaltenen Datenschutz- und Einwilligungssorgen wirklich adressiert, sorgt für zusätzliche Reibung. Im Quellmaterial wird explizit erwähnt, dass der Spot „nicht“ mit Belästigungs- oder heimlichen Aufnahme-Szenarien in Verbindung gebracht werden soll – ein rhetorischer Spagat, der Kritiker eher als Beruhigung durch Bildreize denn als klare Verantwortungszusage lesen.
Der Einsatz der Bowie-Nummer gewinnt dadurch an Brisanz, dass der Songtext im Spot nur teilweise verwendet wird. Genannt wird etwa die Passage mit Zeilen wie „Earth was really dying (dying)“, während andere Teile – darunter die Eröffnung, in der Nachrichten vom bevorstehenden Ende („We had five years left to cry in“) thematisiert werden – übersprungen werden. Dieses „Cutting“ ändert den emotionalen Schwerpunkt: Der Werbeschnitt holt sich einzelne Motive der Verunsicherung, ohne die komplette narrative Dramaturgie des Liedes mitzuerzählen. Genau hier setzt die Kritik an der Nutzung von Kunst außerhalb ihres ursprünglichen Kontexts: Jeremy D. Larson, Deputy Director einer Schwesterpublikation, ordnet das als langjährige Praxis ein, Songs in Werbung aus dem Bedeutungszusammenhang herauszuziehen. In seinen Worten: „Meta choosing this specific song where the context for human connection is the apocalypse seems either really ignorant or really insidious, I don’t know, maybe in that context it’s genius.“ Er ergänzt außerdem, die Nutzung von Bowies Werk für KI fühle sich „besonders und spezifisch nicht-einvernehmlich“ an – also nicht als Zustimmung der Urheberbasis, sondern als werbliche Aneignung.
Auch die offizielle Verteidigung folgt einem bekannten Muster: Sie versucht, die Aussage der Kampagne auf Zukunftsoptimismus zu verengen. Ein Meta-Sprecher, Francis Brennan, verweist dabei auf das von ihm zugrunde gelegte Verständnis der Liedbedeutung und sagt wörtlich: „would like to highlight what David Bowie himself said about ‘Five Years’ and its meaning: having optimism for the future.“ Zur Untermauerung wird im Material eine weitere Bowie-Aussage zitiert, die den Ton in Richtung Hoffnung verschiebt: „People are so incredibly serious and scared of the future that I would wish to turn the feeling the other way, into a wave of optimism“. Ergänzend wird angeführt, dass Bowie „If one can take the micky out of the future, and what it is going to be like … It’s going to be unbelievably technological“ kommentiert habe. Gleichzeitig enthält die Hintergrundbeschreibung zum Song aber auch Hinweise auf eine düstere Lesart: Eine spätere Einordnung durch die Song-Architektur beschreibt ihn als dystopischen Albtraum mit finalen fünf Jahren, gefolgt von Panik, Gewalt und Versuchen zur Erlösung. Damit bleibt die zentrale Streitfrage: Handelt der Spot eher von Optimismus im Schatten von Untergang – oder wird der Untergang als Kulisse für eine Technik-Werbung instrumentalisiert?
Meta ist mit diesem Kommunikationsstil nicht allein. In den vergangenen Jahren haben mehrere Technologieunternehmen Anzeigen veröffentlicht, die Ängste adressieren wollten, ohne ihre Kernprodukte wirklich durch rein funktionale Argumente zu erklären. Das Spektrum reicht dabei von Kampagnen, die Katastrophenbilder als „Hard Questions“-Rahmen setzen, bis zu Spots, in denen KI als Helfer in einer emotionalen Familiengeschichte erscheint. Im Material wird außerdem auf eine zuvor wirksame Werbewelt hingewiesen: Ein Beispiel aus dem Jahr 2022 zeigt, wie ein Spot erst Erfindungen historisch abwiegelt und am Ende eine kryptische Zukunftsjagd bewirbt – bevor das Unternehmen später Insolvenz anmeldete. Solche Episoden wirken als Warnsignal, weil sie die Glaubwürdigkeitslücke sichtbar machen: Selbst wenn die Tonalität „hoffnungsvoll“ ist, ersetzt sie nicht die Fähigkeit, das Produkt so zu vermitteln, dass Nutzer unabhängig vom Marketing erkennen, warum die Technologie ihnen konkret hilft, statt die Welt weiter zu verschlechtern.
Für Unternehmen und insbesondere für IT-Entscheider steckt in der Meta-Kampagne eine klare Lehre: KI-Werbung muss mehr sein als ein Stimmungsmix aus Musik, Familienbildern und Slogans. Wenn die visuelle und akustische Ebene eine gegenteilige Erwartung triggert – Weltuntergang statt Verbundenheit –, steigt das Risiko, dass die Kommunikation als Ausweichmanöver gelesen wird. Noch komplizierter wird es dort, wo das Produkt in sensible Bereiche hineinreicht, etwa bei Smart Glasses und potenziell problematischer Erfassung von Umgebung. Die nächste Herausforderung für KI-Teams ist deshalb weniger der Kreativ-Clip selbst als die Integrität der Botschaft: nachvollziehbare Use-Cases, klare Datenschutz- und Einwilligungsprinzipien sowie eine Konsistenz zwischen technischer Wirkung und dem, was im Marketing emotional transportiert wird. Genau diese Kluft entscheidet am Ende darüber, ob KI-Kampagnen Vertrauen aufbauen oder nur kurzfristig Aufmerksamkeit erzeugen.
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