LONDON (IT BOLTWISE) – Ein US-Gesetzentwurf zur Sicherheit vernetzter Fahrzeuge könnte den Absatz von Mercedes-Benz in den USA massiv einschränken. Entscheidend ist dabei eine Beteiligungsschwelle: Liegt sie bei mehr als 15 Prozent bei chinesischen Akteuren, wären Verkauf, Produktion und Import betroffen. Für Mercedes-Benz wäre die Hürde nach vorliegender Aktionärsstruktur potenziell bereits heute erreicht. Unklar bleibt, ob Ausnahmegenehmigungen, Anpassungen oder politische Änderungen die Wirkung rechtzeitig abfedern können.

Mercedes-Benz unter Druck: Gesetzesentwurf rückt chinesische 15-%-Schwelle in den Fokus
Mercedes-Benz unter Druck: Gesetzesentwurf rückt chinesische 15-%-Schwelle in den Fokus (Foto: IT BOLTWISE)
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In den USA bekommt die Debatte um die Kontrolle über „vernetzte Fahrzeuge“ spürbar neuen Druck: Ein Gesetzentwurf aus einem US-Senatsausschuss zielt darauf ab, den Verkauf, die Produktion und den Import von vernetzten Fahrzeugen zu untersagen, sobald der Hersteller eine chinesische Beteiligung von mehr als 15 Prozent aufweist. Konkret ist nicht nur der Vertrieb adressiert, sondern die gesamte Wertschöpfungskette in den USA, die damit von der Regulatorik direkt getroffen werden könnte. Für Mercedes-Benz ist das politisch und ökonomisch besonders heikel, weil die Aktionärsstruktur offenbar so gestaltet ist, dass der Schwellenwert schneller in Reichweite gerät als bei klassischen Mehrheitskonstellationen.

Der Kern des Mechanismus liegt in der zeitlichen Staffelung, die den Druck auf Entwicklungs- und Lieferzyklen verlagert. Nach dem aktuellen Entwurf könnten Sanktionen bereits ab 2027 für Software-Komponenten greifen, während Hardware-Systeme erst ab 2030 betroffen wären. Das verschiebt die Prioritäten in Richtung MLOps-/Software-Release-Prozesse, Security-Updates und Lieferanten-Compliance in einer Weise, wie sie Automobilhersteller zwar aus anderen Regelwerken kennen, aber hier in einem deutlich schärferen „Trigger“-Modell. Zusätzlich nennt der Entwurf Strafzahlungen von mindestens 1,5 Millionen US-Dollar oder dem Fünffachen des Transaktionswertes, was für einzelne Konfigurationen, Importflüsse oder einzelne Programme schnell zu einem erheblichen wirtschaftlichen Risiko werden kann.

Mercedes-Benz gerät dabei nicht wegen einer operativen Mehrheitssteuerung in einem einzelnen Aktionärsblock unter Beschuss, sondern wegen der Aggregation mehrerer chinesischer Beteiligungen. Laut der im Text genannten Zahlen hält der chinesische Partner BAIC 9,98 Prozent der Anteile, während der Geely-Gründer Li Shufu mit 9,69 Prozent genannt wird. Zusammen liegen die chinesisch zuordenbaren Anteile damit knapp bei 20 Prozent, also deutlich über der 15-Prozent-Schwelle des Gesetzentwurfs. Gleichzeitig betonte der Konzern in einer ersten Stellungnahme, dass kein einzelner Aktionär mehr als 10 Prozent halte und somit keine operative Kontrolle ausgeübt werde. Juristisch und politisch bleibt aber offen, wie stark die regulatorische Definition von „Einfluss“ mit dem klassischen Kontrollbegriff aus Gesellschaftsrecht oder Stimmrechtsmodell übereinstimmt.

Während der Ausschuss den Entwurf bereits verabschiedete, ist die politische Umsetzung keineswegs ausdiskutiert. In der Debatte verwies der Ausschussvorsitzende Ted Cruz darauf, man werde Mercedes-Benz nicht „tatsächlich vom Markt“ verbannen, räumte jedoch ein, dass der Text in der jetzigen Form überarbeitet werden müsse, um unbeabsichtigte Schäden für befreundete Nationen und deren Unternehmen zu vermeiden. Senator Bernie Moreno sprach zudem die Möglichkeit von Ausnahmegenehmigungen durch das Handelsministerium an und machte damit deutlich, dass Unternehmen Zeit gewinnen könnten, sofern sie die Voraussetzungen für Erleichterungen erfüllen. Damit rückt weniger die reine Technikfrage in den Vordergrund, sondern die Frage, wie Regulatorik, Behördenpraxis und unternehmensseitige Anpassungen im Laufe der nächsten Jahre zusammenwirken.

In der politischen Auseinandersetzung wird die Lage zusätzlich von strategischen Vorwürfen überlagert. Cruz erhob schwere Vorwürfe gegen den US-Konkurrenten General Motors (GM) und beschuldigte GM, die 15-Prozent-Schwelle gezielt zu unterstützen, um die Marktposition von Mercedes-Benz zu schwächen und die eigene Marke Cadillac zu stärken. Medienberichte ordnen zudem GM und die Gewerkschaft United Auto Workers (UAW) als Befürworter der Regulierung ein; parallel wird in dem Kontext genannt, dass Konkurrenten wie Polestar bereits ab 2027 mit einem faktischen Aus in den USA rechnen müssten. Für Volvo wiederum wurden bereits erste Sondergenehmigungen ins Spiel gebracht, was zeigt, wie stark „Outcome“ und nicht nur „Text“ im Gesetzgebungsprozess die tatsächliche wirtschaftliche Wirkung bestimmen kann.

Für die wirtschaftliche Dimension liefert der Text klare Ankerpunkte. Die USA gelten als der zweitwichtigste Absatzmarkt von Mercedes-Benz; dort beschäftigt der Konzern rund 160.000 Mitarbeiter. Das Produktionsnetz ist dabei konkret: Im Werk in Vance, Alabama, sind etwa 5.800 Menschen an der Produktion der SUV-Modelle GLE und GLS sowie deren elektrischen Varianten EQE und EQS beteiligt. Ein weiteres Werk in Ladson, South Carolina, fertigt jährlich bis zu 450.000 Transporter. Genau diese Größe macht die regulatorische Unsicherheit für Operatives, Einkauf und Produktplanung besonders relevant, denn schon die Aussicht auf Software-Einschränkungen ab 2027 kann dazu führen, dass Roadmaps, Over-the-Air-Strategien und Zulieferketten neu kalkuliert werden.

Auch an der Börse spiegelt sich die Nervosität. Der Kurs lag am Donnerstag bei 44,27 Euro; seit Jahresbeginn hat die Aktie damit laut Text um 26,59 Prozent an Wert verloren und nähert sich dem 52-Wochen-Tief, wobei nur noch 3,81 Prozent Puffer bleiben. Gleichzeitig zeigen die parallelen Herausforderungen anderer großer Hersteller, dass es sich nicht um ein isoliertes Mercedes-Thema handelt: Volkswagen und BMW werden im Zusammenhang mit ähnlichen Abhängigkeiten zu chinesischen Zulieferern beziehungsweise vergleichbaren Investorenstrukturen genannt. Positivere Signale kommen hingegen aus Indien: Mercedes-Benz India berichtet für das erste Halbjahr 2026 von 9.768 verkauften Fahrzeugen, ein Absatzplus von 9 Prozent gegenüber dem Vorjahr, und die seit Januar verkauften Modelle seien auf den Kraftstoffstandard E25 ausgelegt. Selbst diese Stabilität ändert jedoch nichts daran, dass steigende Kosten und potenzielle Handelsbarrieren in den USA das Gesamtbild weiter belasten können.


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