SPA / LONDON (IT BOLTWISE) – In der Formel 1 wird der Einfluss des Energiemanagements gerade in schnellen Abschnitten besonders sichtbar. Andrea Stella erklärt, warum sich das Verhalten der Antriebseinheit aus mehreren Parametern heraus dynamisch anpasst und damit selbst Teams überraschen kann. Mehrere Fahrer berichten, wie schwer es ist, den eigenen „Hebel“ im Qualifying noch sauber zu quantifizieren, wenn Wind und Grip-Veränderungen die Regelkreise in Echtzeit treiben. Das wirft die Frage auf, ob hinter dem gefühlten „Fremdsteuern“ eher komplexe Regelung als klassische Künstliche Intelligenz steckt.

Werden F1-Fahrer wirklich von KI fremdgesteuert? Was Teams über das Energiemanagement sagen
Werden F1-Fahrer wirklich von KI fremdgesteuert? Was Teams über das Energiemanagement sagen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Diskussion klingt wie ein Mythos aus dem Paddock, hat aber einen realen Kern: In aktuellen Formel-1-Qualifyings wirken Zeitverluste auf den Geraden manchmal so, als hätte das Auto „die Entscheidung übernommen“. Genau diese Wahrnehmung greift McLaren-Teamchef Andrea Stella auf und beschreibt den Kern der Verwirrung: Wenn Teams versuchen, ein Rennen oder einen Qualifying-Abschnitt sauber zu analysieren, wird es „sofort extrem kompliziert“, weil Abweichungen auftauchen, die nicht aus den erwarteten Parametern heraus erklärbar sind. Anders gesagt: Nicht nur Zuschauer, auch die Teams ringen darum, die Ursache jedes einzelnen Peaks im Energiemanagement lückenlos zuzuordnen.

Technisch betrachtet liegt die Erklärung weniger in einer KI im klassischen Sinne, sondern im Zusammenspiel aus vorausschauenden Algorithmen und Systemen, die sich aus Daten ableiten. Laut Stella hängen die „selbstlernenden Elemente“ der Antriebseinheit mit dem Fortlauf der optimalen Energieabgabe zusammen. Der Algorithmus berechnet fortlaufend auf Basis zahlreicher Parameter eine vermeintlich optimale Strategie für die Leistungsentfaltung und lernt dabei aus vorangegangenen Runden. Das Entscheidende ist die Dynamik: Die Anpassung erfolgt nicht erst zwischen den Runden, sondern während der Fahrt. Wenn das Geschehen auch nur minimal von Simulationen und Standardwerten abweicht, rechnet das System extrem schnell eine neue, angepasste Strategie für den verbleibenden Streckenverlauf.

Dass diese Logik in der Praxis spürbar wird, zeigt sich besonders in Situationen, in denen Fahrerabsichten und Regelkreise nicht exakt „zusammenpassen“. Isack Hadjar lieferte dafür im Q3 ein drastisches Beispiel: Er wollte im Windschatten von Max Verstappen unterstützen und wartete am Ausgang von Kurve 14 auf den Weltmeister. In der Erwartung passte die Einsatzstrategie des Autos offenbar nicht zu der realen Folge von Gasannahme und Geschwindigkeitsprofil; die Antriebseinheit lieferte eine unerwartete Rückmeldung, als Hadjar wieder aufs Gas stieg. Hadjar beschreibt das Problem als Einschätzungsfrage in Millisekunden: Wenn man fast anhält und dann wieder Leistung fordert, ist die Software „komplett durcheinander“, weil man langsamer geworden ist, ohne dass der Grund offensichtlich ist. Auch Norris’ Qualifying-Bild in Spa ergänzt das: „Als Fahrer hat man darauf ehrlich gesagt kaum Einfluss“, manchmal genüge die Frage, ob man den Knopf ein paar Meter früher oder später drückt, um spürbare Unterschiede auszulösen.

Der zweite Teil der Wahrheit betrifft jedoch nicht nur das Drücken von Knöpfen, sondern die winzigen Abweichungen in der Pedalphysik. Wenn ein Fahrer an einer Stelle einen Wimpernschlag zu spät vom Gas geht oder am Kurvenausgang einen Tick zu früh mehr als 60 Prozent Gas gibt, kann das Energiemanagement laut der beschriebenen Logik den idealen Ablauf verfehlen. Dann greift das System ein und setzt eine neue Strategie für den Rest der Runde auf. Für viele Rennfahrer fühlt sich das deshalb nicht wie ein „wettbewerbliches“ Risiko an, sondern wie eine schwer greifbare Unberechenbarkeit: Stella ordnet das als verschobene Referenzpunkte ein, die sich in schnell wechselnden Energiezuständen laufend neu ordnen. Genau diese Verschiebung wirkt sich nicht nur auf volllastbegrenzte Abschnitte auf den Geraden aus, sondern auch auf Bremspunkte. Wenn das System kurz vor einer Bremszone sehr viel Energie zurückgewinnt (Stichwort: Super-Clipping), kann man plötzlich laut Beschreibung bis zu zehn km/h langsamer an der Kurve ankommen und damit den idealen Bremspunkt verlagern.

Damit rückt der Einflussbereich der Fahrer in ein anderes Licht. Piastri stellt für Spa heraus, dass externe Faktoren den Qualifying-Fahrplan dominieren können: Wenn die Startaufstellung davon abhängt, ob sich der Computer „gut“ oder „schlecht“ verhält, sei das frustrierend, weil die Unterschiede nicht mehr sauber auf das fahrerische Können heruntergebrochen werden. Gleichzeitig bleibt ein Teil der Verantwortung beim Fahrer, aber eben in einer Größenordnung, die sich im Cockpit kaum als „reines Setup-Problem“ vermitteln lässt. Hinzu kommen Variablen wie schwankender Grip oder Wind, die laut Stella in Modellierungen nur schwer präzise zu erfassen sind. Das System reagiert demnach hochsensibel auf äußere Einflüsse: Starker Gegenwind macht die Fahrt auf der Geraden faktisch länger, der Algorithmus geht in dem Fall fälschlicherweise davon aus, dass die Gerade kürzer bzw. wie simuliert verläuft. Dann passt die Software die geplante Energieentfaltung spontan an und versucht, die verbleibende Runde neu zu optimieren.

Was bedeutet das für das Kräfteverhältnis im Feld? Ein zentraler Effekt ist Zeitverlust durch gedrosselte Leistung: Sobald das Energiemanagement an entscheidenden Streckenabschnitten reduziert, geht in Sekundenbruchteilen messbar Zeit an Konkurrenz oder Teamkollegen verloren. Ebenso wichtig ist die Sekundärwirkung auf das Fahrverhalten als Ganzes, weil sich Bremspunkte verschieben und damit ganze Kurvenketten neu abgestimmt werden müssen. Das erklärt, warum Stella von „Unberechenbarkeit“ spricht, die dazu führt, dass sich das Verhalten von Runde zu Runde unangemeldet ändern kann. Auch bei Mercedes wird das im Fahrerfeedback indirekt sichtbar, etwa wenn Russell nach einem Rennen zunächst auf seinen Fahrstil verwies, später aber feststellen musste, dass das Defizit im Kern bestehen blieb. In dieser Gemengelage wirkt jede einzelne Runde wie ein neuer Abgleich zwischen Realität und Modell.

Gibt es eine Lösung? Die Antwort fällt zweigeteilt aus. Auf energieärmeren Strecken wie Budapest oder Zandvoort dürfte das Thema weniger im Fokus stehen, weil das Energiemanagement dort eine untergeordnete Rolle spielt. Auf energieintensiven Kursen bleibt das Problem jedoch laut Stella voraussichtlich länger präsent, weil Ingenieure selbst durch Messungen und neue Simulationstools immer wieder von den Stellgrößen überrascht werden, die als „Zufallsfaktoren“ beschrieben werden. Stella sagt zugleich, man sei noch nicht an dem Punkt, an dem jede Abweichung bei der elektrischen Energieabgabe im Detail sicher verstanden sei; schließlich sei „In der Ingenieurswissenschaft passiert schließlich nichts ohne Grund“ – nur eben nicht immer innerhalb der zeitkritischen Analysefenster. Die Teams versuchen deshalb, die Simulationswerkzeuge stetig zu verfeinern: Je präziser die Modelle, desto besser lassen sich Systeme verstehen und desto seltener entstehen „böse Überraschungen“.

Am Ende steht auch die Regelsicht: Piastri ordnet ein, dass diese Eigenheiten tief in der Grundarchitektur des aktuellen Reglements verankert seien. Zwar soll ab 2028 ein zweistufiger Anpassungsschritt mit einem 60-40-Verhältnis den Fokus „leicht“ vom reinen Elektroantrieb nehmen, doch laut Piastri werden die grundlegenden Schwachstellen nicht ausgemerzt. Der Grund: Es geht nicht nur um die Parameter, die durch Kraftstoffdurchfluss und reduzierte Energieabgabe verändert werden, sondern um die Motor-Kalibrierung und darum, wie die Software lernt. Damit bleibt die Kernfrage im Titelkontext: Von „KI-Fremdsteuerung“ zu sprechen greift zu kurz. Entscheidend ist vielmehr, dass hochsensible Regelungstechnik mit datengetriebenen Anpassungen in Echtzeit ein sehr enges Zusammenspiel zwischen Mensch und Maschine erzeugt – und dass schon kleine externe Abweichungen dazu führen können, dass Fahrergebnisse zeitweise schwer erklärbar wirken.


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