STUTTGART / LONDON (IT BOLTWISE) – Varta aus dem schwäbischen Ellwangen hat beim Amtsgericht Stuttgart ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung beantragt. Das Unternehmen will damit die wirtschaftliche Zukunft sichern und den Geschäftsbetrieb nachhaltig fortführen. Als Gründe nennt Varta deutlich schlechtere Marktbedingungen, eine schwächere Nachfrage sowie negative Währungskurseffekte und den Ausstieg eines Ankerkunden. Besonders für den Bereich Haushaltsbatterien soll das Verfahren zunächst nicht gelten.

Varta steht erneut unter massiven Druck – diesmal mit einem formalen Schritt vor dem Amtsgericht Stuttgart. Das traditionsreiche Unternehmen aus Ellwangen beantragte ein Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung, um die eigene Sanierung aktiv zu steuern. Laut Unternehmensangaben verfolgt der Antrag das Ziel, die wirtschaftliche Zukunft abzusichern und den Geschäftsbetrieb nachhaltig fortzuführen. Varta betont dabei, dass die Antragstellung nicht wegen einer akuten Zahlungsunfähigkeit im laufenden Geschäft erfolgt und dass das Geschäft mit Haushaltsbatterien nicht vom beantragten Insolvenzverfahren betroffen sei.
Technisch und operativ führt genau dieser Spagat in eine schwierige Gemengelage: Ein Batteriekonzern lebt von präziser Prozesskette, Kapazitätsauslastung und langfristigen Abnahmevereinbarungen. Wenn sich Marktbedingungen drehen, wird die Kalkulation schneller instabil – besonders bei Produkten, die nicht über ein breites Portfolio in verschiedene Wachstumssegmente streuen. Varta nennt als wesentliche Ursachen deutlich verschlechterte Marktbedingungen, eine schwächere Nachfrage sowie negative Währungskurseffekte. Zusätzlich soll die Entscheidung eines Ankerkunden die Lage verschärft haben, wobei Varta als konkretes Beispiel Apple nennt.
Für die Haushaltsbatterien wirkt die Nachricht trotzdem wie ein Warnsignal, weil sie zeigt, wie stark Varta in der Vergangenheit von einzelnen Absatzkanälen abhängig war. Die Verflechtung begann nicht gestern: Bereits im Umfeld kabelloser Consumer-Elektronik wurden Varta-Batterien eingesetzt, und als ein weiterer Zulieferer für Apple gesucht wurde, geriet das Geschäft unter Druck. Dazu kamen später die weltweite Wirtschaftsflaute und eine hohe Teuerung in der Unterhaltungselektronik, wodurch die Nachfrage nach den kleinen Batterien insgesamt nachließ. In der Folge verschärften Konkurrenz aus Fernost und Probleme in der Lieferkette die Situation – ein Muster, das in vielen Elektronik- und Komponentenmärkten immer wieder auftritt, wenn Volumen, Margen und Lieferzeiten gleichzeitig unter Druck geraten.
Auch die Unternehmensstruktur macht deutlich, warum die Sanierung komplex ist. Betroffen seien neben der Varta AG als Konzernmuttergesellschaft mit Sitz in Ellwangen auch die operativen Einheiten Varta Microbattery GmbH, Varta Micro Production GmbH und Varta Storage GmbH. Damit geht es nicht nur um eine einzelne Produktlinie, sondern um mehrere Bausteine entlang der Wertschöpfung. Zugleich werden die Verhandlungen mit Kapitalgebern zum zentralen Dreh- und Angelpunkt: Zu den wichtigsten Geldgebern zählen laut Bericht die Deutsche Bank sowie Finanzinvestoren wie RBC BlueBay, Blantyre und Whitebox. Inzwischen sehen diese offenbar keine tragfähige Gesamtlösung mehr.
Aus dieser Bewertung folgt der nächste Schritt: Die Geldgeber wollen das Geschäft mit Haushaltsbatterien herauslösen und dafür eine neue Eigentümerstruktur schaffen. Damit verknüpft sich ein klassisches Sanierungsmodell aus Risikoentkopplung und Neuaufstellung: Statt den Konzern als Ganzes zu stabilisieren, wird ein profitables oder grundsätzlich darstellbares Segment verselbstständigt. In der Begründung heißt es, dass trotz intensiver Gespräche mit allen Stakeholdern keine Zusage zur Bereitstellung der erforderlichen zusätzlichen Finanzmittel eingegangen sei. Für das Management in Eigenverwaltung bedeutet das, dass es parallel weiter operieren und zugleich Szenarien für Käuferinteressen, Bewertungsfragen und Übergaben ausarbeiten muss.
Dass Varta so tief in die Krise geriet, ist auch historisch erklärbar – der Konzern war lange erfolgreich, bevor die Modellannahmen kippten. Der Name geht auf die Anfangsbuchstaben von „Vertrieb, Aufladung, Reparatur transportabler Akkumulatoren“ zurück; die Anfänge reichen bis ins Jahr 1887. Schon Fridtjof Nansen nahm Varta-Batterien im Rahmen einer Polar-Expedition mit. Doch seit den 1990er Jahren verlief die Geschichte nicht mehr gradlinig: Varta wurde in dieser Phase in die Krise gebracht, aufgespalten und in Teilen verkauft. 2007 stieg der Österreicher Michael Tojner ein, kaufte die Sparte für Mikrobatterien, brachte sie zehn Jahre später an die Börse – und setzte dabei auf die rasant steigende Nachfrage nach wiederaufladbaren Lithium-Ionen-Batterien etwa für kabellose Kopfhörer und Smartwatches.
Vom Hoffnungsträger zum Sanierungsfall wurde es, als mehrere Faktoren zusammenkamen. 2019 kaufte Varta den Bereich Haushaltsbatterien zurück, der Konzern vervierfachte in wenigen Jahren nahezu den Erlös, investierte massiv in die Produktion und nahm dafür Schulden auf. In derselben Phase stieg Varta auch in die Entwicklung von Batteriezellen für E-Autos ein. Doch 2022 zeigten sich erste Risse im Bild: Die Abhängigkeit von Apple wurde deutlich, später kam die schwache Nachfrage in der Unterhaltungselektronik hinzu. Selbst die E-Auto-Batterie blieb laut Beschreibung eher eine Nische – für Hybridfahrzeuge gedacht, mit begrenztem Energiespeicher und einer Funktion zur Unterstützung des Antriebs durch während der Fahrt erzeugte Energie, etwa beim Bremsen. Als operativer Belastungstreiber kamen hohe Schulden und tiefrote Zahlen hinzu, verbunden mit Maßnahmen wie Kurzarbeit und später massiven Stellenstreichungen.
Spätestens jetzt wird sichtbar, wie stark Governance, Investitionslogik und Marktzyklen in der Batteriebranche zusammenwirken. Arbeitnehmer- und Aktionärsvertreter machen vor allem Managementfehler verantwortlich; Tojner selbst äußerte sich in der Vergangenheit selbstkritisch und verwies darauf, dass man die Latte zu hoch gelegt, Projekte gestartet und groß investiert habe. Ob die Sanierung in Eigenverwaltung gelingt, hängt nun an zwei Fragen: Erstens, ob die übrigen Einheiten entlang der Micro- und Storage-Strukturen in der Übergangsphase stabil liefern können, ohne dass die Finanzierungslücke weiter wächst. Zweitens, ob die Herauslösung der Haushaltsbatterien in eine neue Eigentümerstruktur tatsächlich zeitnah realisiert wird und ob die dabei entstehenden Schnittstellen – Lieferverträge, Produktionsvolumen, Personal- und Anlagenverantwortung – sauber geregelt werden. In jedem Fall zeigt der Fall Varta, dass „Batterieboom“ allein kein Geschäftsmodell ist; entscheidend sind Abnehmerdiversifikation, reale Auslastungsgrade und ein Finanzierungsrahmen, der auch bei schwankenden Wechselkursen und zyklischen Absatzmärkten tragfähig bleibt.
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