STUTTGART-ZUFFENHAUSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Am Montag informiert Porsche die Belegschaft in Zuffenhausen über ein zweites Sanierungspaket. Die Standortsicherung wird zwar bis 2035 verlängert, im Gegenzug sollen jedoch zusätzlich zum laufenden Programm weitere 5700 Jobs wegfallen. Damit steigt der Abbauumfang auf insgesamt mehr als 9500 Stellen in den kommenden Jahren. Besonders kontrovers dürfte die Kombination aus Garantie, gekürzten Sonderzahlungen und der politischen Auseinandersetzung mit dem Konzernumfeld rund um Volkswagen werden.

Am Montag trifft die Porsche-Belegschaft in Zuffenhausen auf eine doppelte Botschaft: Die Standorte sollen länger gesichert werden, die Zahl der betroffenen Arbeitsplätze dagegen deutlich steigen. Der Aufsichtsrat habe dem Zukunftspaket zwar die Unterstützung zugesagt, im Kern geht es aber um die Frage, was das Paket für die Beschäftigten praktisch bedeutet. Branchenintern wird die Debatte im Vorfeld als „sehr kontrovers“ beschrieben, und aus Sicht der Arbeitnehmer bleibt die Erwartung, dass die Aufsichtsratssitzung vom vergangenen Mittwoch mehr als nur eine Zustimmungserklärung geliefert hat.
Konkreter werden die Details mit Blick auf die Arbeitsplatzwirkung. Für die Beschäftigten soll die Standortsicherung fünf Jahre bis 2035 verlängert werden. Diese Verlängerung hat laut vorliegenden Informationen einen hohen Preis: Neben dem bereits laufenden Abbauprogramm von 3900 Stellen bis 2029 sollen weitere 5700 Jobs entfallen. Das ist mehr als ein Drittel der Beschäftigten in Weissach und Zuffenhausen und zugleich mehr als ein Fünftel der Belegschaft der Porsche AG. Damit verschiebt sich das Verhältnis von „Sicherheit“ und „Umstrukturierung“ spürbar in Richtung Umgestaltung, auch wenn die Standortgarantie zunächst beruhigend wirkt.
In der Ausgestaltung setzt Porsche zudem auf den sozialen Rahmen, den die bisherigen Programme vorgeprägt haben: Der Stellenabbau soll wie bisher über freiwillige Aufhebungsverträge erfolgen. Gleichzeitig bleibt eine für viele Beschäftigte spürbare Komponente auf der Strecke: Die bereits für dieses Jahr gestrichene Sonderzahlung soll nicht zurückkehren. Allerdings gilt sie in der Diskussion offenbar nicht als endgültig erledigt, sondern könnte künftig erfolgsabhängig sein, dabei auf 1500 Euro gedeckelt und mit gekürztem Weihnachtsgeld verbunden werden. Für die Beschäftigten ist das ein wichtiges Signal, weil die Planbarkeit der Einkommen sinkt, selbst wenn die Standortbasis länger stabil bleiben soll.
Besonders im gewerblichen Bereich dürfte die sogenannte Steinkühlerpause eine emotionale und verhandlungstechnische Rolle spielen. Dabei handelt es sich um eine Regelung aus dem Jahr 1973, benannt nach dem damaligen IG-Metall-Verhandlungsführer. Sie sieht eine bezahlte Erholungspause von fünf Minuten pro Arbeitsstunde für Bandarbeiter vor. Aus rechnerischer Sicht entspricht das einem Arbeitstag, der aus sieben Stunden an einem klassischen Modell gemessen fast zu einem Sechsstundentag wird. Dass diese Pause verteidigt werden konnte, passt in das Bild, dass Porsche die Konzessionslinie nicht nur über Köpfe, sondern auch über Arbeitszeitparameter austariert.
Rein ökonomisch wird die Steinkühlerpause wie auch die Standortgarantie nicht „kostenlos“ sein. Hochgerechnet kostet Porsche diese Kombination nach Angaben im Umfeld der Verhandlungen einen zweistelligen Millionenbetrag. Die Regelung gilt dabei nur in Baden-Württemberg und wird von der Gewerkschaft seit Jahren gegen wiederkehrende Begehrlichkeiten der Arbeitgeber verteidigt. Politisch und konzernstrategisch verschiebt sich damit jedoch auch das Kräfteverhältnis: Die verlängerte Standortgarantie bis 2035 schwächt perspektivisch die Position der Kapitalseite und des VW-nahe organisierten Aufsichtsrats in der Auseinandersetzung mit Beschäftigten und Betriebsräten in anderen Markenbereichen.
Das wird vor allem im Vergleich zum übrigen Volkswagen-Konzern brisant. Vorstandschef Oliver Blume hatte bis zu 50.000 Arbeitsplätze in Aussicht gestellt und dabei auch die Schließung von vier Werken in Deutschland erwogen. Als potenziell betroffene Standorte werden die VW-Werke in Hannover, Emden und Zwickau sowie das Audi-Werk in Neckarsulm genannt. Die betriebsrätliche Ablehnung des Plans ist bekannt, Blume begründet ihn mit dem Abbau von Überkapazitäten. Porsche setzt dem eine Garantie für Stuttgart-Zuffenhausen und Leipzig entgegen – wobei beide Standorte ebenfalls als deutlich unterausgelastet gelten und Zuffenhausen konzernweit sogar als teuerster Standort wahrgenommen wird. Genau diese Spannung dürfte die Verhandlungen innerhalb des VW-Aufsichtsrats und zwischen den Arbeitnehmervertretungen weiter anheizen.
Hinter den Kulissen hängt das Paket auch an der Führungs- und Strategiefrage, die Porsche seit dem Personalwechsel prägt. Porsche-Chef Michael Leiters hatte den anstehenden Abschluss nach Informationen aus der Unternehmenswelt mit mehr Konzessionen vorantreiben müssen als ursprünglich geplant. Aufsichtsratschef Wolfgang Porsche hatte Leiters eingesetzt, um im Vergleich zur zuvor härteren Linie unter dem früheren Kurs von Oliver Blume konsequenter durchzugreifen. Unter Blumes Führung seien die Verhandlungen über das zweite Sanierungspaket im vergangenen Dezember ins Stocken geraten; nun scheint die Eigentümerfamilie den Kompromiss nicht vollständig bevorzugt zu haben, unter anderem, weil man eine kürzere Laufzeit für die Standortgarantie im Auge hatte.
Für die industrielle Lage bleibt das alles eng mit der operativen Entwicklung verknüpft. Porsche steckt laut den vorliegenden Angaben in einer schweren Krise: Die Verkäufe in China sind eingebrochen, und Leiters Vorgänger Oliver Blume habe zu stark auf Elektroautos gesetzt. Die operative Rendite sank von zuvor rund 15 Prozent auf sechs Prozent im vergangenen Jahr; im ersten Halbjahr stieg sie auf acht Prozent, während der Umsatz um fünf Prozent auf 17,3 Milliarden Euro schrumpfte. Bereits unter Blume startete Porsche den Personalabbau und Kostensenkungen, etwa mit dem Ende der eigenen Batteriezellenfertigung. Leiters will die endgültige Strategie auf einem Kapitalmarkttag am 7. Oktober vorstellen – doch die Betriebsversammlung zeigt bereits jetzt, wie stark das zweite Sanierungspaket die Verhandlungsmuster im Konzern prägen wird.
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